Bei der Reis-Ernte, die auf trockenem Felde stattfindet, da das Wasser schon Wochen vorher abgelassen worden, wird jeder Halm einzeln geschnitten; es wäre ein Frevel eine so köstliche Gabe Gottes weniger rücksichtsvoll zu behandeln. (Eine ähnliche abergläubische Verehrung hat sich in Deutschland in Bezug auf „das liebe Brod” erhalten, während es nicht gerade für sündlich gilt bessere und theurere Nahrungsmittel zu vergeuden.) Der grösste Theil des Halms bleibt auf dem Felde stehen, man lässt nur einen kurzen Stiel an der Aehre. Bei einer so zeitraubenden Art zu ernten ist es nöthig, die ganze Bevölkerung des Dorfs, alt und jung aufzubieten. Der Schnitterlohn ist hoch, er beträgt 1/5 bis 1/10 der Ernte. So empfängt jeder einen Antheil auch wer kein Feld besitzt.

Trotz seiner grossen Fruchtbarkeit erzeugt Java nach dem Verfasser von „Het Rijst” nicht hinreichend Reis, um seine Bevölkerung angemessen zu ernähren. Ein grosser Theil, fast 1/10 geht durch die fehlerhafte Art des Enthülsens mittelst Stampfens in Holzmörsern verloren, wobei sehr viel Körner zerbrochen, die Bruchstücke zermalmt und beim Waschen fortgeführt werden. Die Hauptursachen des Uebels findet er aber in dem gemeinschaftlichen Grundbesitz der Dorfbewohner, im „Kultursystem” und in dem Ausschliessen der europäischen Privatindustrie: drei grosse Uebelstände, und als solche von allen liberalen Beamten anerkannt, aber schwer zu beseitigen, da mit ihnen das ganze jetzt herrschende System fallen würde. Da noch oft vom „Kulturssytem” die Rede sein wird, so dürfte gleich hier eine kurze Beschreibung desselben am Platz sein.

Nach einer kleinen Schrift des ehemaligen General-Guvernörs Duymaer van Twist, betitelt „Artikel 56” war die Grundlage des vom General van den Bosch eingeführten Kultursystems: Ein Dorf, welches den fünften Theil seiner Reisfelder zum Bau von Produkten für den europäischen Markt hergab, die nicht mehr Arbeit erforderten als der Reisbau, sollte von der Grundsteuer befreit sein. Der durch Taxe festzustellende Mehrwerth des Produkts über die schuldige Grundsteuer sollte einem solchen Dorf zu gut kommen; die Missernten sollten für Rechnung der Regierung sein, in sofern sie nicht durch Mangel an Eifer und Fleiss seitens der Javanen veranlasst waren. Die Bestellung von einem Fünftel des Bodens mit Gewächsen für den europäischen Markt befreite den Javanen von der schuldigen Grundsteuer und der Bauer war seinen Verpflichtungen nachgekommen, wenn er das Gewächs bis zur Reife gebracht hatte; die Arbeit in der Fabrik sollte so viel als möglich durch freie Arbeiter verrichtet werden, v. d. Bosch betrachtete sein System nur als ein Mittel, um die nach dem belgischen Krieg (1830) grosse Finanznoth seines Vaterlandes zu lindern, indem er den Anbau von Kolonialprodukten in Java durch künstliche Mittel ausserordentlich schnell ausbreitete, viel schneller als er sich spontan unter völliger Freiheit, besonders zu einer Zeit entwickelt haben würde, wo der Unternehmungsgeist viel geringer war als gegenwärtig. Aus seinen Schriften geht hervor, dass er seine geniale Schöpfung nur als eine Uebergangsstufe zur Privatindustrie mit freier Arbeit betrachtete; und die Absicht hatte allmälig die einmal eingerichteten Pflanzungen an Privatleute zu verpachten; — und auch dies sollte nur ein Uebergang zum individuellen Grundbesitz und zur Kolonisation durch Europäer sein. Wäre das System genau nach den obigen Grundsätzen durchgeführt worden, so hätte die inländische Bevölkerung wohl zufrieden sein können, denn sie war gewöhnt der an die Stelle der einheimischen Fürsten getretenen, und daher für die Besitzerin des Bodens geltenden Regierung 1/5 ihrer Ernte und 1/5 ihrer Zeit als Abgabe für den Niessbrauch des Bodens zu zahlen. Das ursprüngliche System wurde aber allmälig so verändert, dass jetzt noch, nach Duymaer van Twist, die Regierung einfach den Inländern den Boden fortnimmt den sie zur Erzielung von Produkten für den europäischen Markt bedarf, und die ansässige Bevölkerung zwingt, gegen einen von ihr festgesetzten Lohn denselben nach ihren Anordnung zu bebauen. Bei einigen Kulturgegenständen die grössere Sorgfalt in der Bereitung erfordern, nimmt sie die Vermittelung europäischer Privatleute zu Hülfe, denen sie zum Theil Kapital zinsfrei vorschiesst, Frohnarbeiter stellt u. s. w.

Eine natürliche Folge des Kultursystems war, dass alle Privatindustrie wegen der Konkurrenz, die sie dem Regierungsmonopol gemacht haben würde, in der Regel nicht gestattet war, und wo sie ausnahmsweise gestattet wurde, meist nur unter Beschränkungen aller Art und eifersüchtiger Kontrolle der Regierungsbeamten, die mit grosser diskretionärer Gewalt bekleidet, nicht gern unabhängige Europäer neben sich duldeten. — Ein so grossartiges und konsequent durchgeführtes Monopolsystem hat wohl noch nie und nirgends bestanden; um so glänzender ist der Triumph der Freihandelsprinzipien, wenn auch seine praktischen Folgen bisher noch gering waren; denn es hat sich die Thatsache ergeben, dass das System, „das einst bestimmt schien, ganz Java in ein grosses Kulturland zu verwandeln, in dem die ganze Bevölkerung für Rechnung der Regierung gewinnbringende Produkte für den europäischen baute (D. v. T.)”, auf die Erzeugung der meisten derselben nicht mehr Anwendung findet, weil es nicht lohnend war, dieselben mit Frohnarbeit auf von der Bevölkerung urbar gemachtem Boden selbst unter Aufsicht ebenso fähiger und eifriger als rechtlicher Beamten zu bauen; während gleichzeitig Privatleute, in so weit ihnen überhaupt der Landbau gestattet war, auf gepachtetem Boden mit nach dem Marktpreis bezahlter Arbeit in denselben Zweigen des Ackerbaues, welche sich die Regierung aufzugeben veranlasst sah, glänzende Ergebnisse erzielten. Die Zuckerfabrikanten, die in Folge ihrer Kontrakte Anspruch auf sehr billige Zwangsarbeit hatten, verzichteten in manchen Fällen darauf, weil sie freie Arbeit billiger fanden. Ja die Regierung selbst fand es zuweilen vortheilhaft, diesen Weg einzuschlagen: bei den Wasserbauten in Surabaya kosteten die Erdarbeiten 1 fl. 50 d. per Kubikmeter, bei Zwangsarbeit zu 20 d. Tagelohn, und als man freiwillige Arbeiter zu 30 d. Tagelohn annahm, 0,60 d.; 2 freiwillige Arbeiter leisteten also so viel als 7,5 Zwangsarbeiter (Tijdsch. v. Nederl. Indie 1858, II. 294). Gegenwärtig liegt den holländischen Kammern ein Gesetzentwurf vor, wonach alle Regierungskulturen, mit Ausnahme jedoch des Kaffeebaues, aufgegeben werden sollen. —

WARONGS. JAVA.

Hinter Gadok wird die Gegend immer schöner: einzelne Gruppen Fruchtbäume, von Palmen überragt, erheben sich aus den Reisfeldern und verbergen unter ihrem Laubdach die Desas (Dörfchen), deren aus Bambus zierlich geflochtene Hütten zwischen einem Wohnhaus und einem Korbe die Mitte halten. Jetzt hatten wir das Gedehgebirge, dessen höchster Gipfel 9326' erreicht, gerade vor uns. Es begann zu regnen, wir suchten Schutz in einem Warong; so heissen die Garküchen unter Bambusschuppen, welche man auf allen Landstrassen Javas findet. Die in ihnen feilgebotenen Speisen sind schmackhaft, mannichfaltig und unglaublich billig. Die Zeche mancher Gäste beträgt nicht über 1 bis 2 Deuten, deren 160 erst einen Gulden ausmachen. Arecanüsse, Betelpfeffer und Tabak fehlen nie im Warong. An Speisen findet man namentlich Reis in den verschiedensten Zubereitungen, getrocknete Fische und Ding-ding d. h. Fleisch von Hirsch oder Büffel, das entfettet, in äusserst dünne Scheiben quer gegen die Muskelfaser geschnitten, mit Salz und Pfeffer bestreut, an der Sonne getrocknet und wie Zwieback gegessen wird; ferner Sambals, sehr pikante, stark gepfefferte Salate. Ausser Thee und Palmensyrup sind zur Erfrischung häufig Kokosnüsse, Bananen, Oranien u. s. w. vorhanden. Ein eigenthümliches Gericht bestand aus 1/2 Zoll dicken Kuchen von Erdnüssen, katjang-tana, (Arachis hypogaea), auf denen ein zollhoher oranienrother Schimmel wuchs. Die Erdnüsse werden zur Grösse von Gries zermahlen und die daraus gebackenen Kuchen wie die Roquefortkäse so lange in dunkeln, feuchten Räumen aufbewahrt, bis sich der Schimmel gebildet hat, der ihnen erst den so geschätzten Geschmack giebt.[57]

Um die Warongs entfaltet sich fast immer ein buntes Volksleben. Da erholen sich die müden Lastträger unter dem Schatten eines breiten Waringibaumes und tauschen mit den Nachbarn Neuigkeiten aus. Eine besonders willkommene Staffage nach dem langen Aufenthalt in Singapore waren die vielen Frauen. Sie tragen ihre kleinen nackten Kinder rittlings auf der linken Hüfte, unterstützt durch ein über die entgegengesetzte Schulter geschlungenes Tuch, Slendang; bei längeren Märschen hüllen sie dieselben in ein Stück Zeug, das sie tornisterartig auf den Rücken binden, so dass nur Kopf, Arm und Beine herausragen, wie die Glieder einer Schildkröte aus ihrer Schale; naht ein Fremder, so zieht das Kleine auch gleich sein Köpfchen unter das Tuch zurück. Die ärmeren Weiber tragen hier gewöhnlich kein anderes Kleidungsstück als einen einfachen Sarong, der entweder unmittelbar über oder unter der Brust zusammengebunden wird und von da herabhängt. — Starke Brüste werden hier nicht geschätzt. Im Gegensatz zur europäischen Kleidung ist die malayische mehr auf das Beseitigen als das Hervorheben derselben berechnet.