SALAK VON BATU-TULIS. JAVA.
Buitenzorg, malayisch Bogor, liegt grade südlich von Batavia und ist die gewöhnliche Residenz des General-Guvernörs. Sein glänzender Palast ist von einem schönen Park umgeben, an welchen sich der, allen Botanikern wenigstens dem Rufe nach, so wohlbekannte Garten anschliesst. Er nimmt die schmalste Stelle eines flachen Rückens ein, dessen Ostseite steil gegen das Flüsschen Tjiliwung abfällt, während die Westseite in sanften Wellen in ein reich bebautes, von dem Tjidani in vielen Windungen durchflossenes Thal übergeht. Im Süden, jenseits des Wassers, begrenzen den Horizont rechts der Salak, links der Pangerango in schönen Linien, wie sie nur Vulkanen eigen sind.[53] Mehr noch als durch seine schöne Lage, zeichnet sich der Garten durch seine Pflanzenschätze aus, unter denen wohl jetzt schon alle bemerkenswertheren Nutz- und Zierpflanzen des Archipels vertreten sind. Besonders reich ist die Sammlung der ersteren. Fast alle von der holländischen Regierung in ihre Kolonie neu eingeführten Kulturpflanzen haben hier ihre erste Station gemacht, und mancher Baum, dessen zahlreich verbreitete Nachkommenschaft jetzt wichtige Produkte liefert, steht hier noch als Stammvater seines Geschlechts und kulturgeschichtliches Denkmal.
Von besonderem Interesse, als etwas Neues, war damals eine Vanillepflanzung (Vanilla planifolia), die mehrere lange Spaliere bekleidete und eine bedeutende Ernte versprach. Die Vanille war zwar schon lange in Java eingeführt, trug aber keine Früchte, weil das Insekt fehlte, das in Amerika die Befruchtung vollzieht. Herr Teysmann, der „Hortulanus”, war der erste, der die künstliche Befruchtung bei dieser Kultur anwandte, und durch reichlichen Ertrag belohnt wurde. Bei weitem die grösste Sehenswürdigkeit war aber eine blühende Rafflesia Arnoldii, eine der ersten, die in Java geblüht haben, da die Einführung aus Sumatra erst vor Kurzem geglückt war. Diese merkwürdige Pflanze, eines der grössten Wunder der Pflanzenwelt, besteht nur aus einer prächtigen Blume von 3 - 31/2 Fuss Durchmesser und schmarotzt ohne Stiel und Blätter pilzartig auf dem Stamm oder der Wurzel einer grossen Liane (Cissus scariosa oder serrulata). Das Verdienst, sie aus Sumatra eingeführt zu haben, gebührt ebenfalls Herrn Teysmann, aber der Ruhm, sie in Europa zur Entfaltung zu bringen, was bei den heut vorhandenen Mitteln und bei ernstem Willen wohl sicher gelingen müsste, ist noch zu erlangen.
Während meines hiesigen Aufenthalts brachte eine Stafette von Junghuhn auf Lembang ein kleines in feuchte Baumwolle verpacktes Pflänzchen, das trotz der nächtlichen Stunde sogleich dem General-Guvernör übergeben wurde und grosse Freude erregte. Es war der erste auf Java selbst gepflückte Same einer Cinchona, der gekeimt hatte.
Erst in den fieberreichen tropischen Ländern lernt man den Segen des Chinins gehörig würdigen. Der Verbrauch dieses köstlichen Heilmittels würde noch viel grösser sein, wenn der hohe Preis es nicht Vielen unerreichbar machte. In den südamerikanischen Wäldern haben zwar nicht die Chinarinden im Allgemeinen, wohl aber die chininreichen Calisaya-Rinden in Besorgniss erregender Weise abgenommen[54]. Die holländische Regierung hatte daher lange beabsichtigt diese Bäume in ihre Kolonien einzuführen, aber erst 1852 gelang dies dem General-Guvernör Herrn Pahud zur Zeit als er Kolonialminister war. Die durch Herrn Hasskarl aus Peru geholten Samen wurden theils in Java, theils in verschiedenen botanischen Gärten in Holland ausgesäet, von ersteren gingen unverhältnissmässig wenige auf; aber auch als die Sämlinge von Holland in Java eintrafen, schien der Erfolg des Unternehmens nicht gesichert; es wurde bezweifelt, ob man Bäumen, die eine so beschränkte lokale Verbreitung haben, dass sie nie ausserhalb ihrer eigenthümlichen Bezirke angetroffen werden, in Java das zu ihrem Gedeihen erforderliche klimatische Medium verschaffen könnte. Die ersten Versuche waren nicht ermuthigend, die meisten Pflanzen gingen aus; als endlich einige blühten, fielen die Blüthen fast alle ab, ohne Samen anzusetzen, und als man schliesslich reife Samen erhielt, wurde ihre Keimfähigkeit bezweifelt. Durch die Ankunft des jungen Pflänzchens, dem am folgenden Tage im Buitenzorger Garten ein Ehrenplatz angewiesen wurde, schien die Akklimatisation dieser wichtigen Pflanzen, von denen später noch ausführlicher die Rede ist, gesichert.
Von Seiten des General-Guvernörs fand ich eine überaus entgegenkommende Aufnahme; auch hatte ich das Glück seine liebenswürdige Familie kennen zu lernen. Durch die Güte meiner Freunde in der Berliner Akademie musste ich ihm wohl sehr angelegentlich empfohlen sein; denn er bot mir sogar den kostenfreien Gebrauch der Regierungspostpferde an, eine Gunst, die sonst nur hohen, in Angelegenheiten der Regierung reisenden Beamten zu Theil wird. Alle meine Einwendungen gegen eine so ausserordentliche Begünstigung und meine Versicherung, dass ich nur zu meiner Belehrung und zu meinem Vergnügen reise, wurden den amtlichen Empfehlungsdokumenten gegenüber für Aeusserungen der Bescheidenheit aufgenommen. Als ich am folgenden Abend aus dem Palast nach Hause kam, fand ich nicht nur den Befehl, mir auf meiner Reise durch Java die Regierungspostpferde unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, sondern auch einen Empfehlungsbrief an alle Beamte in Java und den andern holländischen Besitzungen. Wie sehr ich auch von einem so unverdienten Wohlwollen überrascht war, so ahnte ich doch nicht, dass das Empfehlungsschreiben des General-Guvernörs ein Talisman war, der den glücklichen Besitzer für die Dauer seines Aufenthalts in Java in eine Art von Prinzen verwandelt, wie es sonst nur im Mährchen geschieht.
Einige Tage später trat ich auf einem bescheidenen Pony meine Reise an, da ich mich nicht für berechtigt hielt, wie ein hoher Beamter zu reisen. Ein junger Mann, der Land und Leute genau zu kennen behauptete, schloss sich mir an, er war sehr zuvorkommend, hatte, während ich in Buitenzorg Ausflüge machte, meine Sachen gepackt und expedirt und begleitete mich auf der ersten Tagereise. Unterwegs sprach er mehreremal den Wunsch aus, dass ich ein gutes Wort für ihn bei den „Herren Residenten” einlegen möchte, da ihm dies von grossem Nutzen sein könnte. Dies war die erste Wirkung meines Talisman, ich war plötzlich in einen grossen Herrn verwandelt, um dessen Gunst man sich bewarb. Das Ziel meiner Reise war Lembang, wo Junghuhn, der Verfasser des vortrefflichen Werkes über Java, seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte.
Von Batavia bis Bogor führt die Strasse fast genau nach Süd bis an den Fuss des Gunong Salak, der sich zu 6760' erhebt, dann läuft sie an seinem Nordostrand entlang bis Gadok, wo ein Sanatarium unter Leitung eines deutschen Arztes, des auch in Europa wohlbekannten Ornithologen Dr. Bernstein besteht.[55] Bis Gadok hat man den Salak immer zur Rechten, der ganze untere Theil seines Abhanges ist durch Menschenhand in breite Terrassen gegliedert, die sich wie eine Riesentreppe bis zu 2000 Fuss Höhe hinaufziehen; es sind die Sawas, Reisfelder mit erhöhten Rändern, in denen das Gebirgswasser, bevor es die Tiefe erreicht, gezwungen wird einen ausserordentlich vergrösserten Flächenraum zu bewässern und dadurch für den Reisbau nutzbar zu machen. Der Salak erscheint von hier wie eine enorme Pyramide auf einem Unterbau von Sawas. Von der oberen Grenze der Reisfelder bis zum Gipfel ist alles mit dichtem Wald bedeckt. Die terrassenförmigen Sawas (sawa darat) scheinen den Berglandschaften Java's eigenthümlich zu sein; in der grossen nördlichen Alluvialebene und auf den zentralen Tafelländern wird der Reis in flachen mit kleinen Dämmen umgebenen Feldern (sawa dalam) gebaut, wie in vielen andern Reisländern; sie unterscheiden sich, aus der Ferne gesehen, vielleicht nur durch das lebhaftere Grün von unseren Kornfeldern. In Java werden aber auch die Abhänge der Berge zum Reisbau benutzt, indem man sie bis zu grosser Höhe mit künstlichen Teichen umgiebt, die wie die Bänke eines Amphitheaters hinter einander aufsteigen. Sie folgen den Konturen der Berge und bringen dadurch etwas Architektur in die Landschaft, ein Element das sonst in tropischen Bildern fast immer fehlt, wo das Wirken des Menschen so winzig und das der Natur so gewaltig ist. Der Boden eines jeden dieser Teiche ist völlig eben und an der Aussenseite von einem etwa fusshohen Damm eingefasst, der an mehreren Stellen kleine Einschnitte hat, durch welche das Wasser in unzähligen in der Sonne glitzernden Streifen aus den höheren Becken in die tieferen fliesst, wodurch zugleich das Stagniren verhindert wird. Die Art den Boden dieser Becken zu ebnen ist sehr zweckentsprechend: die nach dem Berg zu schräg ansteigende Erde wird mit spitzen Stöcken aufgelockert, dann lässt man den Teich bis an den Rand voll Wasser strömen, die lockere Erde wird zu Schlamm, der sich allmälig absetzt und einen völlig ebenen Boden bildet. Das Berieselungswasser wird entweder unmittelbar von höher liegenden Rinnsalen, oder von seitlich oft ziemlich fern gelegenen Bächen durch künstliche Kanäle (Solokan) auf die Sawas geleitet. Das Wasser führt alljährlich neues fruchtbares Erdreich aus dem Gebirge zu, eine andere Düngung erhalten die Sawas nicht, von denen manche Jahrhunderte lang in ununterbrochener Reihenfolge Ernten liefern sollen.
In der Broschüre Het Rijst[56] ist ein Reisbau-Kalender angeführt, nach welchem der Javane das Jahr in zwölf sehr ungleiche, den verschiedenen Phasen des Reisbaus entsprechende Zeiträume theilt. Danach findet das Verpflanzen der bereits fusshohen, 40–50 Tage alten, in besonderen Beeten gezogenen Sämlinge im März, die Erndte im Juli statt. Da aber in Java die Jahreszeiten nur in Bezug auf die Regenmenge wesentlich von einander abweichen, so sind künstlich bewässerte Sawas von der Jahreszeit fast unabhängig. Daher finden an verschiedenen Orten fast alle auf den Reisbau bezüglichen Verrichtungen gleichzeitig nebeneinander statt; namentlich empfängt der Reisende den Eindruck, als wären die einzelnen Verrichtungen an keine bestimmte Jahreszeit gebunden, da er bald auf grüne, bald auf gelbe Reisfelder blickt, heute pflanzen, morgen ernten sieht. Sawas haben deshalb einen vielfach (nach Crawfurd 5 bis 10fach) höheren Werth als Land, das nicht zu bewässern ist. Ausser in Sawas wird in Java auch Reis (Bergreis) in Gagas und Tegals gebaut. Gagas sind neue Lichtungen, in denen die Bäume nur theilweis gefällt und verbrannt sind. Man stösst an den geeigneten Stellen mittelst eines spitzen Stockes Löcher in den Boden, in welche man je einige Reiskörner wirft und erhält so ohne alle weitere Vorarbeiten nach 4 bis 5 Monaten eine mässige Ernte. Durch weiteres Aufräumen und Verbrennen der Baumstämme und Urbarmachen des Bodens verwandelt man die Gaga in ein Tegal oder Tipar auf dem regelmässig Bergreis gebaut wird, oder in eine Sawa falls die Stelle fortdauernd bewässert werden kann. Gagas sind daher der Anfang aller Reiskultur. Die roheren Völker des Archipels haben es kaum bis zu den Gagas gebracht. Von allen Inseln des Archipels hat in Java der Reisbau die höchste Stufe der Vollkommenheit erreicht. Noch jetzt erzeugen nur die fruchtbarsten, zivilisirtesten Inseln — Java, Bali, Lombok und einige der Philippinen — mehr Reis, als sie verzehren. Auf den Molukken fehlt der Reisbau ganz; in Borneo, Celebes, Sumatra und manchen der Philippinen ist er noch äusserst unvollkommen und in demselben Verhältniss stehen auch die Bewohner auf einer tieferen Kulturstufe. Einige bauen Bergreis, doch selten in ausreichender Menge und ersetzen den Ausfall durch bequemer zu erlangende aber noch stickstoffärmere Nahrungsmittel, besonders Knollengewächse und Früchte und Mark von Palmen.