Java.
Erstes Kapitel.
Batavia. — Buitenzorg. — Botanischer Garten. — Gunong Salak. — Reisbau. — Kultursystem. — Warongs. — Erdnüsse. — Megamendong-Pass. — Telaga warna. — Pasanggrahans und Gasthäuser. — Preanger Regentschaften. — Bandong. — Junghuhn.
Anfangs Juli 1858 fuhr ich auf dem kleinen Postdampfer Palémbang, der den für die holländischen Besitzungen bestimmten Theil der Ueberlandpost abgeholt hatte, von Singapore nach Batavia. Das Schiffchen war musterhaft gehalten, aber trotz holländischer Reinlichkeit und französischer Küche nicht sehr angenehm, da man sich wegen der Kleinheit desselben nirgends der durch die Feuerung sehr erhöhten Temperatur entziehen konnte. Uebrigens war die Fahrt zwischen unzähligen schön belaubten Inseln sehr anziehend. Wir hielten einen Augenblick vor Rhiow auf der Insel Bintang und vor Muntok auf Banka (das die Engländer Lord Minto zu Ehren gern Minto nennen), um Post und Passagiere auszutauschen und erreichten nach 60 Stunden unser Ziel, dessen Entfernung von Singapore etwas mehr als 500 Seemeilen beträgt. Die Rhede von Batavia erschien einsam nach der von Singapore. Ein kleiner Privatdampfer kam uns entgegen und brachte einige Kaufleute, welche die Ankunft ihrer Briefe nicht erwarten konnten. Wir landeten am Zollhaus; die Untersuchung des Passagiergepäcks war nur formell und wurde mit der grössten Höflichkeit vollzogen. In hübschen, zweispännigen Wagen fuhren wir sogleich nach Weltevreden in das Hotel des Indes, dessen glänzend erleuchtete Veranden und Gärten an die Conversationshäuser eleganter Badeorte erinnerten.
Im eigentlichen Batavia wohnt fast kein Europäer mehr. Die alte, früher als ungesund so berüchtigte Stadt enthält aber noch die zum Geschäftsbetrieb nöthigen Gebäude, öffentliche sowohl als private. Morgens füllt sie sich mit Beamten, Geschäftsleuten, Schiffern, abends steht sie leer, — so sagen wenigstens die Europäer, welche die Eingebornen, die dann allein die Strassen beleben, nicht rechnen. Ehemals, als Batavia von Mauern und stehenden Gewässern umgeben und die nach holländischem Muster gebauten, schlecht gelüfteten Häuser dicht bewohnt waren, soll die Sterblichkeit, durch allerlei Excesse, besonders im Trinken, vermehrt, furchtbar gewesen sein. Jetzt sind die Mauern niedergerissen, die Gräben zum Theil zugeschüttet, und die Bewohner haben sich in die südlich von der alten Stadt belegenen Dörfer Weltevreden, Molenvliet, Rijswijk zurückgezogen; die ehemaligen Kolonisten, die zum grossen Theil aus Glücksjägern bestanden, sind durch Männer aus den besten Elementen des holländischen Volks ersetzt worden; an Stelle der früheren rohen Genüsse sind Mässigkeit und die verfeinerten Vergnügungen einer gebildeten Gesellschaft getreten; daher hat sich der Gesundheitszustand ausserordentlich gebessert. Weltevreden ist überraschend hübsch, besonders Abends, wenn es in vollem Putz steht; dann sind die immer sauber gehaltenen, meist von blühenden Hecken eingefassten Wege reichlich besprengt und mit eleganten Equipagen bedeckt, unzählige Lichter in matten Glaskugeln glänzen in allen Richtungen durch das Laub. Früher war das ganze Gebiet von einem Walde eingenommen, jetzt ist es ein schöner, grosser Park, von breiten Strassen und Kanälen durchschnitten. Unter den Häusern sind manche Prachtgebäude, aber auch die kleinsten schimmern durch die Bäume und Sträucher der Vorgärten so zierlich und anspruchsvoll, als wollten sie für kleine Paläste gelten. Jedes hat einen reich erleuchteten Portikus, der Abends gewöhnlich durch Damen in voller Toilette geschmückt ist. Auch die Herren sieht man um diese Zeit nur im Gesellschaftsanzug, schwarzem Tuchfrack, Glaçéhandschuhen und schwarzer Tuchhose; die leichte, bequeme, weisse Kleidung, mit der man in Singapore in jeder Gesellschaft erscheint, ist hier verbannt; Hüte sieht man selten, selbst Reiter tragen gewöhnlich keine Kopfbedeckung.
POSTSTATION. JAVA.
Nach kurzem Aufenthalt fuhr ich mit einem Freunde aus Singapore in vierspänniger Extrapost nach Buitenzorg. Das Reisen auf diese Weise ist zwar kostspielig, doch billig im Verhältniss zu dem aufgebotenen Apparat, wenigstens vier tüchtigen, kleinen Pferden, einem Kutscher und zwei Läufern. Die Pferde laufen immer Galopp, alle fünf bis sechs Paal hält der Wagen unter einem grossen Schuppen, der die ganze Breite der Strasse überdacht. Geschäftige Kulis begiessen die Achsen mit Wasser, um sie zu kühlen. Sobald umgespannt ist, laufen die „Loopers” so lange neben den Pferden her, bis diese durch Schreien und Peitschenhiebe in das gehörige Tempo gebracht sind und springen dann auf ein hinten am Wagen für sie angebrachtes Brett, von wo aus sie durch Knallen und Schreien die Pferde weiter antreiben, bis irgend eine kleine Unordnung, die bei den eigensinnigen Pferden selten lange ausbleibt, sie wieder zwingt, nebenher zu laufen. In vier Stunden legten wir die Strecke von etwa 40 Paal zurück. Die Poststrasse ist vortrefflich; neben ihr läuft ein desto schlechterer, in der nassen Jahreszeit unergründlicher, bei trockenem Wetter im höchsten Grade holpriger Weg, auf welchem die Frachtgüter in Büffelkarren, von denen uns lange Züge begegneten, transportirt werden.[52] Weltevreden nebst den übrigen von Europäern bewohnten Dörfern dehnt sich fast bis zur ersten Poststation aus, nur werden die Häuser immer ländlicher, die Gärten grösser, und gehen allmälig in Pflanzungen über. Hinter der zweiten Station sahen wir die ersten Reisfelder. Das Land erscheint ganz flach, denn obgleich Buitenzorg 850 Fuss höher liegt als Batavia, so ist die Erhebung eine so allmälige, dass man nichts davon merkt. Erst wenn man jenem Orte näher kommt, wird die Landschaft welliger, im Hintergrunde erscheinen die hohen Kegelberge Salak und Pangerango, die von Batavia aus in dieser Jahreszeit wegen der trüben Luft selten sichtbar sind.