Wo der Wald zur Anlegung von Kaffeepflanzungen gelichtet, ist es nicht minder schön. Breite, mit dichtem Grase bewachsene Strassen führen durch dieselben und sind zu beiden Seiten mit Hecken blüthenreicher Sträucher eingefasst. Heute ritten wir wohl eine deutsche Meile weit durch eine solche Pflanzung, deren Saum zu beiden Seiten des Weges aus üppig blühenden Rosenhecken bestand. Die Kaffeesträucher tragen zwar das ganze Jahr hindurch Blüthen und Früchte, die eigentliche Blüthezeit fällt aber in den Herbst. Jetzt sassen Knospen in den Blattachseln, in kleinen Büscheln zusammen, so dass die schlanken, herabhängenden, mit glänzend dunkelgrünen, gegenständigen Blättern dicht besetzten Zweige, wenn sie blühen, längs der Mittellinie mit einem weissen Streifen wohlriechender Blümchen besetzt sein müssen. Ueber den Kaffeesträuchern schwebt in 30–40 Fuss Höhe ein leichtes, durchsichtiges Laubdach von Erythrinen, die mit den jungen Kaffeesträuchern zugleich gepflanzt werden, um ihnen Schatten zu geben, aber viel schneller wachsen. So hat man zur Blüthezeit ein von scharlachrothen Blumen durchwirktes Laubdach über einem weissen Blüthenwald. Wenige Tage nach der Blüthe setzt die Frucht an, in sechs Monaten ist sie reif, sie gleicht dann einer dunkelrothen Kirsche, ist aber etwas länglicher. Innerhalb der süsslichen, fleischigen Hülle sitzen 2 Kaffeebohnen,[68] jede von einer dünnen, zähen, pergamentartigen Haut fest umschlossen, mit den flachen Seiten gegen einander; es sind die Samen, die längliche Vertiefung in der Mitte der flachen Seite enthält den Keim. Nach der Ernte werden zuerst die eingesammelten Beeren auf flachen Hürden an der Sonne getrocknet. Um sie gegen Regen und den nächtlichen Thau zu schützen, müssen sie unter Dach gebracht werden; oft geht den Bauern bei lange anhaltendem Regenwetter die ganze Ernte verloren, da Bohnen, die durch Nässe schwarz oder unansehnlich geworden, im Packhaus nicht angenommen werden. Ist nach 5–6 Wochen die Hülle trocken, so wird sie durch Stampfen in mit Büffelfell ausgefütterten Gruben oder in hölzernen Mörsern abgelöst. Durch abermaliges Stampfen werden die aufs neue getrockneten Bohnen von der Pergamenthaut befreit, eine Arbeit, die viel Vorsicht verlangt, da zerstossene Bohnen einen grossen Theil ihres Werthes verlieren.
Zur Anlage einer Kaffeepflanzung wird zuerst der Wald gelichtet; da der Kaffeestrauch aber Schatten liebt, so lässt man zuweilen eine genügende Anzahl Bäume stehen und pflanzt zwischen den grossen auf dem Boden liegenden Stämmen, die zu schwer für den Transport, dem Vermodern preisgegeben werden. Das Erzeugniss dieser etwas rohen Kulturmethode, die mit dem Reisbau in Gagas (S. 133) verglichen werden kann, ist in Java als Waldkaffee bekannt. Gewöhnlich aber wird der ganze Wald gefällt; die Stämme werden fortgeschafft oder verbrannt, die Wurzeln ausgegraben, eine schwere Arbeit, die viele Hände und die Anwendung des Büffels erfordert. Steiniger Untergrund muss vermieden werden, weil die Pfahlwurzeln sonst nicht in die Tiefe dringen können, und schon ganze Pflanzungen aus dieser Ursache zu Grunde gegangen sind. In den gesäuberten Boden pflanzt man in 8–12 Fuss Abstand die in besonderen Saatbeeten erzogenen oder aus abgefallenen Früchten entsprossenen 12–15 Zoll hohen Sämlinge. Die besten Pflanzen sollen aus dem vom Musang (Paradoxurus musanga) ausgeworfenen Samen spriessen.[69] In der Regel, namentlich in weniger als 2500' hoch gelegenen Pflanzungen, werden die gefällten Waldbäume durch besondere Schatten gebende Bäume, gewöhnlich Dadap (Erythrina sp. div.), ersetzt, die so gepflanzt werden, dass jeder Kaffeestrauch zwischen 4 Schattenbäumen steht, daher der Name Dadapkaffee zum Unterschied von Waldkaffee. Die Pflanzungen müssen besonders in den beiden ersten Jahren sorgfältig gejätet, die Bäume von schädlichen Schmarotzerpflanzen und Thieren gesäubert werden. Auch Erdarbeiten sind nöthig, um das Fortschwemmen des fruchtbaren Bodens durch die heftigen tropischen Regen an den Bergabhängen zu verhindern. Kunstgemässes Beschneiden der Zweige, worauf in Westindien so viel Sorgfalt verwendet wird, weil es den Ertrag sehr vermehrt, findet in Java bei den Regierungspflanzungen nicht statt. Im dritten Jahre trägt der Baum die ersten Früchte, im vierten giebt er eine volle Ernte, nach 12–14 Jahren ist der Ertrag so gering, dass er die Mühe des Pflückens nicht mehr lohnt; der Boden ist erschöpft, die Pflanzung wird verlassen und „abgeschrieben”. Um den Ausfall zu decken, müssen daher die Beamten Sorge tragen, fortwährend neue Pflanzungen anzulegen; ein Zuwachs derselben hat aber in den letzten 20 Jahren nicht stattgefunden.[70] Früher wurden die abgeschriebenen Kaffeegärten der inländischen Bevölkerung überlassen, die Regierung fürchtete aber, dass es mit der Zeit an passenden Ländereien mangeln würde, und lässt jetzt die verlassenen Pflanzungen brachliegen, damit sie sich wieder erholen, d. h. damit durch allmälige Verwitterung des Bodens wieder zur Erzeugung von Kaffeebohnen erforderliche Salze in hinreichender Menge löslich werden. Man nimmt dazu im günstigsten Falle 10 Jahre an, so dass nach dem jetzt bestehenden System ein wenigstens 10 mal so grosser Flächenraum, als wirklich in Produktion ist, zur Verfügung gehalten werden muss. Für Privatpflanzer, die nicht unumschränkt über Arbeitskräfte und Grund und Boden verfügen können, ist ein solcher fortwährender Wechsel unausführbar. Sie düngen daher den Boden, wie in vielen andern Kolonien, und ernten durchschnittlich von alten und jungen Bäumen zusammen je 1 ℔, während die Regierung trotz des Wechselns nur 1/2 ℔ erhält.[71] Der mittlere Ertrag steht aber in Java weit unter demjenigen anderer Kaffeeländer, wo man 2, ja 3 und 4 ℔ trockener, gereinigter Bohnen von jedem Baum erntet. Um so auffallender erscheint es, dass gerade in Java der Kaffeebaum so ausserordentlich vermehrt worden ist, dass auf dieser Insel, wenn man die abgeschriebenen mitrechnet, vielleicht mehr Kaffeebäume vorhanden sind, als in allen übrigen Kaffeeländern zusammen.
Nächst dem Reis, der das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung ausmacht, hat keine andre Pflanze für Java eine so grosse Wichtigkeit, als der Kaffeestrauch, dessen Kultur mit den dortigen Zuständen in inniger Wechselbeziehung steht. Java war eine der ersten Kolonien, in welche die in Mittel-Afrika einheimische, obgleich Coffea arabica genannte Pflanze eingeführt wurde (1696); von Java verbreitete sich der Kaffeestrauch über Amsterdam (1706) nach Surinam (1719), Westindien (1722), und von dort nach Bourbon.[72] — 1795 lieferte Java 18,600,000 ℔ Kaffee und der Gewinn an diesem Artikel war schon damals die Haupteinnahme der alten Kompanie. Als Marschal Daendels Guvernör war (1808–11), dehnte er, um die Einkünfte der Kolonie schnell zu vermehren, den Kaffeebau mit der ihm eigenen Energie aus, und pflanzte 45,700,000 Sträucher, wodurch er ihre Gesammtzahl auf 72,669,860 brachte. Der gehoffte finanzielle Erfolg trat aber nicht ein: 1811 eroberten die Engländer Java, dessen durch die Kontinentalsperre vom europäischen Festland ausgeschlossener Kaffee fast werthlos wurde, so dass viele Pflanzungen wieder eingingen. Raffles, der englische Guvernör und derselbe der später Singapore gründete, hob die Zwangsarbeit und die gezwungenen Lieferungen auf und setzte eine Grundsteuer an die Stelle, was er vielleicht nicht gethan haben würde, wenn die gezwungenen Kaffeelieferungen eine bedeutende Einnahmequelle für die Regierung gewesen wären. Als 1816 die Holländer zurückkehrten, „verpachteten” sie die vorhandenen Kaffeegärten an die Dorfgemeinden gegen eine Abgabe, die 36–531/3 % vom mittleren Ertrag der Pflanzung gleichkam; über den Rest durfte der Bauer frei verfügen, und konnte ihn auch für einen feststehenden Preis der Regierung überlassen. Da letztere aber auf diese Weise nicht genug Kaffee erhielt, so verbot sie später allen Europäern, Kaffee zu kaufen, und liess es geschehen, dass ihre Beamten, um die Produktion zu vermehren, allerlei Zwangsmassregeln anwendeten, so dass allmälig von der freien Arbeit und freien Verfügung nichts übrig blieb als der Name. — 1832 wurde das Kultursystem eingeführt, wodurch die Kaffeeproduktion schnell vermehrt und gänzlich in die Hände der Regierung gebracht wurde. Jede Familie eines Bergdorfes musste binnen 4 Jahren 600 Kaffeebäume pflanzen und unterhalten und 2/5 der Ernte an die Regierung als Grundsteuer, 3/5 „zum Marktpreis” liefern. Da es gewiss sehr schwierig ist, bei gezwungenen Lieferungen einen Marktpreis zu ermitteln, so machte die Regierung im Februar 1833 bekannt, dass sie selbst den Marktpreis jährlich bestimmen würde. Der von ihr festgesetzte Preis wurde bis 1844 beibehalten, 1845 ermässigt und 1858 in eine „Belohnung” verwandelt, die nach dem Beschluss der holländischen Kammern (Gesetz vom 2. Sept. 1854, Art. 56) „dem bei den Regierungskulturen beschäftigten Eingebornen bei gleicher Arbeit wenigstens gleichen Gewinn, als bei freier Kultur, gewähren sollte.” In Folge dieser offenbar im Interesse der inländischen Bevölkerung erlassenen Bestimmung und trotz des höheren Werthes des Kaffee erhielt der Bauer nun 9,20 Gulden per Pikul, d. h. 0,80 Gulden weniger als 1833 und 0,87 Gulden mehr als seit 1844. Der mittlere Marktpreis betrug damals in Java 28,73 Gulden per Pikul, so dass dem Bauer bei freiem Verfügungsrecht nach Abzug von 2/5 Grundsteuer noch immer 17,23 Gulden geblieben wären, wovon er indessen den Transport bis zum Hafen zu zahlen gehabt hätte. Dafür muss die inländische Bevölkerung die Kaffeepflanzungen nach Anweisung der Regierungsbeamten, die gewöhnlich keine praktische landwirthschaftliche Kenntnisse besitzen, oft sehr fern von ihren Dörfern anlegen und unterhalten. Sie müssen sich auf eigene Kosten verpflegen, ihr Haus und Feld steht während der Zeit verlassen. Das Risiko, ob die schwere Arbeit nach 4 Jahren durch volle Ernten lohnen wird, ist nicht für Rechnung der Regierung, welche die Befehle ertheilt, sondern für Rechnung der Bevölkerung, welche sie ausführt. — Kein Kaffee, keine Bezahlung; die Arbeit war dann vergeblich; der Regierung entgeht nur der Gewinn, den sie am Kaffee gemacht haben würde. Es werden jährlich Hunderttausende von Bäumen gepflanzt, die nie Früchte tragen und der Bevölkerung nicht den geringsten Lohn einbringen. Kein Wunder, wenn der Eifer bei diesen Arbeiten nicht gross ist.
Es leidet wohl keinen Zweifel, dass die Zwangsarbeit, der im Verhältniss zur Mühe ungenügende Lohn, die Hauptursache des geringen Ertrages der Regierungspflanzungen ist, besonders bei der Unmöglichkeit einer ausreichenden Beaufsichtigung. Die Zahl der europäischen Kontrolöre ist so gering, dass sie trotz dem besten Willen und Eifer nicht den zehnten Theil der ihnen anvertrauten Pflanzungen gehörig verwalten können. Ihre Zahl beträgt etwa 200; jeder einzelne hat daher, abgesehen von den vielen andern ihm obliegenden Geschäften, die Aufsicht zu führen über 11/2 Million Kaffeebäume und über die zuweilen gleichzeitige Arbeit von mehr als 2000 Menschen, in Pflanzungen, die oft meilenweit von einander entfernt liegen. Trotz aller Mängel, die diesem von der Regierung selbst betriebenen Gewerbzweig anhaften, liefert derselbe jährlich so bedeutende Ueberschüsse, dass man sich nicht wundern darf, wenn das tiefgreifende, die Grundlage der Verwaltung ausmachende System nicht ohne Weiteres zu Gunsten liberalerer Theorien aufgegeben wird. Es ist freilich berechnet worden, dass diese Ueberschüsse nur einen scheinbaren Gewinn darstellen, und dass die Regierung durch Verpachtung und Verkauf ihrer Pflanzungen an Privatleute, selbst wenn der Ertrag derselben dadurch nicht vermehrt würde, an Steuern und Ersparnissen viel grösseren Vortheil ziehen würde, als gegenwärtig, besonders wenn auch das Monopol der Handelsmaatschappij aufgehoben würde. Wenn die gewöhnliche Annahme, dass die Pflanzungen in Händen von Privatleuten den doppelten Ertrag, d. h. 1 ℔ per Baum liefern würden, wirklich in Erfüllung ginge, so wäre der Gewinn einer solchen Maassregel in die Augen springend; denn die 2/5, welche die Regierung als Steuer erhebt, wären = 4/5 des Quantums, das sie jetzt erhält, und der Gewinn an dem fehlenden Fünftel würde vielfach aufgewogen durch die Ersparung der gesammten Kulturkosten und durch die Pacht der vorhandenen Pflanzungen oder die Zinsen des Verkaufskapitals. Bevor aber nicht in andern Kaffeeländern die Produktion hinreichend gestiegen sein wird, um die Preise herabzudrücken und der Regierung Verlust statt Gewinn zu bereiten, ist eine durchgreifende Aenderung des Systems wohl nicht zu erwarten.
Nach Tisch überraschte uns der gefällige Regent von Garut mit einem Wayang (javanisches Schattenspiel, das die Stelle des Theaters vertritt). Gespielt wurde in einem um wenige Stufen erhöhten, an einer Seite offenen Bretterhause. Auf einem darin aufgespannten grossen weissen Tuche erscheinen die Schatten der dramatischen Figuren, die äusserst zierlich aus Leder ausgeschnitten, und obgleich dem Zuschauer nur als Schatten sichtbar, reich bemalt und vergoldet sind. Die Gelenke sind beweglich. Das Stück fing vor Sonnenuntergang an und dauerte bis Sonnenaufgang, also ziemlich genau zwölf Stunden. Ein und derselbe Mann spricht die ganze Nacht hindurch den Dialog, wobei er nur zuweilen durch Gesang und Musik unterbrochen wird. Allein durch Genuss von Opium soll es ihm möglich sein, diese grosse Anstrengung auszuhalten. Das Schauspiel ist der javanischen Mythe entlehnt. Der Dialog wurde javanisch rezitirt, obgleich die Zuhörer Sundanesen waren. Da wir den Text nicht verstanden, so zogen wir uns bald zurück. Mehrere hundert Zuhörer hatten sich eingefunden und folgten der Aufführung in regster Spannung; trotz gelegentlicher Regenschauer hielten fast alle, auf dem Boden vor der Bühne kauernd, bis zum Ende aus; in dem geräumigen Hause standen nur drei Stühle für den Regenten und seine beiden Gäste.
Als wir uns am folgenden Morgen von dem gastfreien Fürsten trennten, lud er uns zu einer jener berühmten Hirschjagden ein, die gegen Ende der trockenen Jahreszeit, nachdem die grossen mit Alang-alang-Gras (Saccharum Koenigii Retz.) bedeckten Flächen abgebrannt worden, in den Preanger Regentschaften stattfinden. Das Alang-alang erreicht eine Höhe von 3–5 Fuss. Grosse Strecken Landes sind namentlich im Süden der Preanger Regentschaften von solchen Graswüsten bedeckt, die an die Stelle ausgerodeter Wälder treten, sobald die Kultur in den Lichtungen wieder aufhört. Es sind undurchdringliche Gebiete, die zahlreichen Hirschen, Wildschweinen und Tigern zum Aufenthalte dienen. Gegen Ende der trockenen Jahreszeit pflegt man die Graswüsten zu verbrennen; dann finden auf dem nun zugänglichen Boden jene berühmten Hirschjagden statt, denen ich leider nicht beigewohnt habe, die aber der Beschreibung nach so interessant sind, dass sie wohl Erwähnung verdienen. Die inländischen Fürsten begeben sich mit zahlreichem Gefolge auf das Jagdgebiet und verfolgen den Hirsch auf sehr edlen, zu dem Zweck besonders abgerichteten Pferden, welche wegen ihrer Flüchtigkeit „Kuda-burong” (Vogelpferde) genannt werden; sie sind ungesattelt; der Reiter trägt ausser Hut und Jagdmesser nur eine kurze Hose, die so ausgeschnitten ist, dass er nackt auf dem nackten Pferde sitzt. Sobald ein Hirsch sichtbar wird, verfolgt ihn das Pferd mit dem Eifer eines Jagdhundes und sucht, wenn es ihn erreicht, dicht an seine Seite zu springen, worauf der Reiter mit einem Hiebe des Jagdmessers, der die Rippen durchschneidet, das Thier erlegt. In Batavia sah ich später eine solche Jagd auf einem grossen Oelbilde von dem talentvollen inländischen Künstler Raden Saleh dargestellt, der seine Kunst auf Kosten der holländischen Regierung bei den besten Meistern in Europa erlernt und nebenbei Eugène Sue das Modell zum Prinzen Djalma geliefert hat. Unser Regent rühmte sich, auf solche Weise bereits 127 Hirsche erlegt zu haben.
Bei dieser Gelegenheit hörte ich auch zum erstenmal eine Geschichte, die mir später noch öfter von sehr glaubwürdigen Männern wiederholt wurde. Ein General-Guvernör fragte bei seiner Durchreise Herrn L. B., einen reichen Pflanzer und grossen Tigerjäger in Salatiga, wieviel Tiger er schon getödtet habe? Antwort: 144. Als sich der Guvernör bei seiner Rückkehr nach einigen Tagen die Zahl schriftlich erbat, gab L. B. 148 an. „Nun wundere ich mich nicht mehr über die grosse Summe”, antwortete der Guvernör; „neulich waren es nur 144, und heut sind es 148.” „Allerdings,” antwortete Herr L. B., „denn gestern habe ich vier Tiger erlegt.”
23. Juli. Von Wanaradja setzten wir in nördlicher Richtung die Reise durch das Manukthal fort bis Tjihorrai, wo das Gebiet von Sumedang beginnt, das gleichfalls zu den Preanger Regentschaften gehört. Junghuhn hatte dem Assistent-Residenten unsern Reiseplan mitgetheilt und für uns seine Unterstützung erbeten, wie dies bei reisenden Regierungsbeamten üblich ist, bevor sie eine neue Provinz betreten. Danach waren alle Anordnungen getroffen mit einem Aufwand von Ehrenbezeugungen, von dem man sich in Europa keine Vorstellung macht. An der Grenze erwartete uns ein Trupp von dreissig uniformirten Reitern mit Fahnen. Sobald wir die für uns bereit gehaltenen Pferde bestiegen hatten, setzte sich der Zug in Bewegung. Es war ein schöner Anblick, als die bunt kostümirten Reiter auf den schmalen Zickzackpfaden der Bergabhänge hinter Felsen und Baumgruppen abwechselnd erschienen und verschwanden. An mehreren Stellen waren neue Brücken über die Bäche geworfen. Der Weg führte östlich in das Gebirge hinein. Als wir Malembong erreichten, empfing uns ausser der Gamelangmusik, an die wir nun schon gewöhnt waren, auch noch ein Sängerchor. Während der Abendmahlzeit entfalteten vor unserer Veranda ein Paar tanzende Rongengs ihre Reize beim Scheine des Mondes und einiger Dammarfackeln, von einem zahlreichen Zuschauerkreise umgeben, während im Hintergrunde mehrere hohe vulkanische Gipfel in die klare Luft emporragten. Die Tänzerinnen singen beim Tanzen javanische, gewöhnlich improvisirte Strophen. Zuweilen kommt im Gesang etwas ergreifend Wildes vor, das auch für europäische Ohren Reiz hat.
24. Juli. Von Malembong nördlich nach Pawenáng. Hier hält der Wagen still. Ein Trupp Reiter wartet auf uns, um uns ins Gebirge zu begleiten, worauf wir im Wagen den Weg nach Sumedang, der Hauptstadt des Distrikts, fortsetzen. Auf allen Stationen steht für uns der Tisch gedeckt, das Mittagessen fertig. Wir entscheiden uns endlich für Derma-radja, wo wilder Pfau, appetitliche malayische Karis und mannigfaltige Sambals uns anlockten.[73] Der Bedana, der hier die Honneurs machte, ein hübscher junger Mann, war der Sohn und muthmassliche Nachfolger des Fürsten von Garut. Seine Höflichkeit war zwar eben so gross, als die der übrigen Bedanas, doch sprach sich dabei gleichzeitig unverkennbar eine gewisse Vornehmheit aus. In Sumedang schickte der Regent seinen Wagen mit einer Einladung zu einem malayischen Ballet, die mit Vergnügen angenommen wurde, da seine Bedajas (Privattänzerinnen) die berühmtesten im ganzen westlichen Java sind. Der Fürst, ein mit 36 Kindern gesegneter Familienvater, von denen zehn oder zwölf der Jüngsten in reichen, goldgestickten Kostümen anwesend waren, empfing uns in seinem Palast an dem Ende eines langen Saales; er war äusserst liebenswürdig gegen seine Gäste, und entwickelte dabei eine gewisse Frivolität, wie ich sie selbst bei einem javanischen Muhamedaner nicht vermuthet hätte. Es fanden sich noch mehrere Europäer ein, und als die Gäste vollzählig waren, gab er das Zeichen zum Anfange.
Vier Tänzerinnen mit goldenem, helmartigem Kopfputz, oranienrother Jacke ohne Aermel und einem blau und weiss gestreiften Sarong, der bis zum Boden reicht, traten in zwei Paaren am andern Ende des Saales ein. Sie hatten Lanzen in den Händen und gingen mit niedergeschlagenen Augen feierlich um den ganzen Saal. Bei jedem Schritt machten sie Halt und verneigten sich nach der einen und andern Seite. Sobald dieser Umgang vorüber, schlug die Musik eine muntere Weise an, der ein lebhafterer Abschnitt des Tanzes folgte. Der dritte Abschnitt stellte eine Herausforderung dar. Die Tänzerinnen trugen dabei Pfauenwedel, mit denen sie einander verächtlich berührten. Darauf folgte der Kampf, wobei Kris, Pfeil und Bogen angewendet wurden; er schloss damit, dass zwei Tänzerinnen, als die Besiegten, niedersanken. Der letzte Akt schien Trauer und Reue über das Vorgefallene auszudrücken. Leider konnte keiner der Anwesenden die Bedeutung des Tanzes genauer erklären. Jeder Abschnitt hatte seine besondere Musik, die zuweilen sehr ergreifend und hinreissend war, einige male fiel auch ein Sängerchor ein.[74] Der ganze Tanz war ungemein feierlich und ist gewiss religiösen Ursprungs. Alle Bewegungen waren graziös und ausdrucksvoll, aber gemessen; der Ausdruck des Gesichts blieb immer schwermüthig und sehr ehrerbietig, drückte aber eben so wenig die wirkliche Stimmung der muthwilligen Mädchen aus, als das stereotype Lächeln unserer Ballettänzerinnen nach anstrengenden Sprüngen dies thut. Die nackten Füsse waren sehr schön geformt, klein und so wohl gepflegt, wie die Hände eleganter Damen. Zwei Mädchen hatten recht hübsche Gesichter, alle waren wohl gewachsen. Wahrscheinlich stammen diese Bedajas noch aus der Hinduzeit, auch erinnert der Kopfputz sehr an die Wayangfiguren.