Bei dem Assistent-Residenten sah ich eine Sammlung auf Java gefundener Alterthümer: Bronzen von zum Theil vorzüglicher Arbeit, die einen hohen Zustand der Kunst verriethen (die aber vielleicht von ausserhalb eingeführt waren), und eine Sammlung von Waffen, Geräthschaften und Schmucksachen aus Kiesel, welche, wie ich erfahren habe, jetzt nach Leyden gekommen sind, und als Proben eines unserer Steinzeit parallelen Zeitalters auf Java von hohem Interesse für Archäologen sein dürften.
Drittes Kapitel.
Reise nach dem Malabar. — Cinchonenpflanzungen daselbst. — Cinchonenbau in Java und Vorderindien. — Tischchen deck dich. — Bambus. — Gärtnerei. — Pangerango.
In Sumedang trennte ich mich von meinem bisherigen so gefälligen Reisegefährten, kehrte nach Bandong zurück und schloss mich Herrn de Vrij an, der eine Dienstreise nach Gedong-banteng, einer mitten im Urwalde auf dem Malabar (nach Junghuhn: Malawar) angelegten Chinapflanzung machte, die er aus Gefälligkeit bis zu meiner Ankunft verschoben hatte. Die Ebene von Bandong wird im Süden zum grossen Theile von den Vorbergen des Malabar begrenzt, der sich von einer sehr breiten, fast quadratischen Basis in sanfter Neigung über 7000 Fuss erhebt. Im Osten scheidet ihn das enge, gewundene Thal des Tjitarum von dem Gebirgszug, auf dessen östlichem Abhang die früher besuchte Kawa-manuk liegt, und dessen südliches Ende der Papandayan und sein grosser Trümmerberg bildet. Der an der südöstlichen Ecke des Malabar im tiefsten Urwald entsprungene Tjitarum wächst durch Aufnahme vieler Bergwässer so schnell, dass wir vor der nordwestlichen Ecke desselben Berges auf einer Fähre übersetzen mussten. Im Galopp ging es dem Berge zu. Ein kleiner Schaden am Wagen war unterwegs schnell ausgebessert; Bambusen stehen überall zur Hand, sie lieferten Schienen und Hebebäume; ein gelbblühender Hibiscusbaum, den man auch gewöhnlich an der Strasse findet, gab seinen zähen Bast zu Stricken. Der Javane trägt auf Reisen stets sein Haumesser an der Seite; es ist in seinen Händen ein Universalinstrument, vermittelst dessen er den Bambus allen seinen Bedürfnissen anzupassen weiss. Den letzten Theil des Weges legten wir zu Pferde zurück. Zuerst durch Kaffeegärten, dann durch Urwald reitend, erreichten wir Tjiníruan, wo in 4820' Höhe eine Chinapflanzung angelegt ist, deren nähere Besichtigung auf morgen verschoben wurde, da wir noch vor Sonnenuntergang den Gipfel des Berges erreichen wollten. Die Eingebornen nennen ihn Puntjak tuwan besar: „Gipfel des grossen Herrn”, weil ihn der General-Guvernör im Jahre vorher gelegentlich eines Besuchs der Chinapflanzungen erstiegen hatte. Dies ist auch der Grund, warum ein bequemer Reitweg mitten durch den Urwald bis auf die Spitze führt, deren Höhe nach einer oben aufgestellten Tafel 7200 Fuss beträgt und einen grossartigen Rundblick gewährt: aus dichten, zum Theil nie betretenen Wäldern, deren dunkles Grün im Norden durch die Kulturebene von Bandong unterbrochen wird, steigt ein ganzer Kranz von Vulkanen empor. Gunong-guntur und -papandayan sind mit Dampfsäulen geschmückt; eine andere, die südwestlich aus dunklem Walde hervorbricht, bezeichnet die Solfatara des Gunong-wayang; in grösserer Ferne erblickt man die Vulkane Tjikorai, Gelungung, Gedeh, Tjerimai und Slamat. Mit einbrechender Dunkelheit kehrten wir nach Gedong-banteng zurück, wo ein gemüthliches Haus mitten im Walde für die Inspektoren der Chinapflanzungen steht. Wir brachten einen höchst angenehmen Abend inmitten der grossartigen Einsamkeit zu, die erst spät durch vier alte Rongengs gestört wurde, welche der Distrikthäuptling aus besonderer Aufmerksamkeit gegen seine fremden Gäste von weither herbeigeschafft hatte.
Am folgenden Tage besichtigten wir die Cinchonapflanzungen, die in verschiedenen Höhen auf dem Malabar angelegt sind, sowie die Gewächshäuser, in denen lange Reihen von Töpfen mit Stecklingen und noch viel grössere Mengen von Bambusgefässen mit je einem Samen zum Keimen aufgestellt waren. Ueberall war musterhafte Ordnung, Sorgfalt, ohne Rücksicht auf Kosten, und das ernste Streben sichtbar, alle Hindernisse zu überwinden, die sich bisher der Akklimatisation dieser werthvollen Bäume entgegengestellt hatten. Das Ergebniss hat aber den aufgewendeten Mitteln nicht entsprochen. Die Ursache wird mit Recht der Kulturmethode zugeschrieben, doch liegt sie noch weit mehr im „Kultursystem”, durch welches der Fehler, auf den man bei einem ersten Versuch gefasst sein musste, so ausserordentlich vergrössert wurde. Die Engländer, die mehrere Jahre später Cinchonen von Südamerika nach Indien brachten in der Absicht, den Anbau derselben Privatleuten zu überlassen, hatten einen überaus glänzenden Erfolg, der in diesem Maasse freilich nur durch Zusammentreffen nicht vorherzusehender Umstände herbeigeführt werden konnte. Ihre Aussichten waren aber gleich von vornherein viel günstiger: denn im Fall des Misslingens hätte es sich nur um einen verfehlten Versuch im Kleinen gehandelt, und für das Gelingen desselben war die Wahrscheinlichkeit weit grösser als in Java; denn unter den vielen, über die verschiedensten Lokalitäten vertheilten intelligenten Privatleuten, denen man im Falle eines ersten Misslingens die Pflanzen zu weiteren Versuchen überlassen haben würde, wäre es doch wohl dem Einen oder dem Andern geglückt, eine passende Kulturmethode zu finden — (genau so ist es mit dem Theebau in Indien gegangen, der zuerst fehlschlug und jetzt so glänzende Resultate giebt) — und ebenso war die fortschreitende Verbesserung der Methoden durch die Strebsamkeit vieler an der Kultur Betheiligten gesichert. Die fast gleichzeitige Einführung der interessanten Pflanzen in beide Länder, und die Verschiedenheit der Ergebnisse, in Folge der verschiedenen befolgten Systeme sind selbstredend. Als im December 1854 die ersten Cinchonen aus Holland in Java eintrafen,[75] wurden sie von den Herren Hasskarl und Teysmann in einer Lichtung auf dem Gedeh in 4400' Höhe gepflanzt. Die Wahl des Orts war, wie spätere Erfahrung lehrte, eine sehr unglückliche. Die grosse Trockenheit und grelle Sonne in so geringer Meereshöhe und der felsharte, nur von einer dünnen Erdschicht bedeckte Untergrund wirkten so verderblich, dass nach 18 Monaten nur noch 300 kränkelnde Pflanzen übrig waren. Im Dezember 1855 brachte Junghuhn 139 im botanischen Garten von Leyden gezogene junge Pflanzen nach Java und übergab sie Herrn Hasskarl; sechs Monate später waren 76 davon todt. Im Juni 1856 nahm Hr. Hasskarl wegen Krankheit seinen Abschied; Junghuhn erhielt selbst die Leitung, zugleich kam Dr. de Vrij als Chemiker nach Java und wurde mit bei der Chinakultur angestellt.[76] Nun begann ein neues System; Geld wurde nicht geschont, und es wurde befohlen, dass die Kultur bis zum völligen Gelingen unter der Leitung wissenschaftlicher Männer bleiben, dann aber in den gewöhnlichen Betrieb der Provinzialregierungen übergehen sollte. 1857 blühten einige C. Calisaya und C. Pahudiana, 1858 trugen sie Samen. Die Samen von C. Calisaya, einer anerkannt vorzüglichen Art, reiften aber nicht in so geringer Meereshöhe, während C. Pahudiana reichlich Samen lieferte und auch viel üppiger wuchs als jene. Diese Umstände verleiteten Junghuhn, dem es darum zu thun war, schnell eine grosse Menge Pflanzen zu erhalten, letztere fast ausschliesslich zu kultiviren und die guten Arten zu vernachlässigen, obgleich die C. Pahudiana jedenfalls von zweifelhaftem Werth war. Hasskarl hatte sie als C. ovata bestimmt, Junghuhn, der den Fehler entdeckte, nannte sie C. lacumaefolia, nach einer eingebildeten Aehnlichkeit mit dieser Spezies von Pavon; erst Howard, der berühmte Monograph der Cinchonen, erkannte sie als eine neue, unbeschriebene Art und nannte sie dem General-Guvernör zu Ehren C. Pahudiana. Das Hauptversehen in Java war die ungeheure Vermehrung dieser Art, die von Markham durchaus werthlos genannt wird: auch wollte kein Händler ihre 1862 auf die Londoner Ausstellung gesandte Rinde kaufen. De Vrij's Urtheil ist nicht ganz so ungünstig.[77]
Folgendes war Junghuhn's Kulturmethode: Blumentöpfe, aus Bambusinternodien bestehend, wurden mit fein gesiebter Erde gefüllt und im Innern des Waldes in Beete von aufgeschütteter Erde eingesetzt, die an den Abhängen der Gebirge terrassenförmig angelegt waren. Ein Dach von trockenem Grase, von Stangen getragen, hoch genug, um Seitenlicht einzulassen, schützte die Töpfe gegen herabfallende Regentropfen. Diese Saatbeete waren von 200–500 Fuss Länge und zogen sich in parallelen Reihen, wie Stufen eines Amphitheaters, zwischen den Bäumen hin. Jeder Topf enthielt nur einen Samen. Die Erde wurde immer feucht gehalten, indem sie zweimal täglich durch Ausdrücken eines Schwammes angewässert wurde. Die Töpfe blieben in den Saatbeeten stehen, bis die Pflanzen etwa einen halben Fuss hoch waren, was ungefähr 8 Monate erforderte, und wurden während dieser Zeit alle 5 oder 8 Tage gewendet, um das Krummwachsen der Pflanzen zu verhüten.
Zum Zweck des Anpflanzens wurden einige schöne, gerade Hauptwege längs der Bergkämme durch den Wald geschlagen und in Entfernungen von 25 Fuss durch Querpfade verbunden. An den Seiten dieser Fusswege waren tiefe Gräben gezogen und mit gesäuberter Erde gefüllt, so dass etwas erhabene Bänke mit Rinnen zur Ableitung des Regenwassers entstanden. Die jungen Pflanzen wurden in die lose Erde dieser Bänke gesetzt, worauf 4 starke Pfähle in den Boden getrieben und 4 oder 5 Fuss über der Spitze der Pflanze fest verbunden wurden. Dies sollte sie ein paar Jahre lang gegen herabfallende Zweige, tropfendes Wasser und wilde Thiere schützen. Auf diese Weise hatte man Tausende von Fusswegen durch die Wälder geschlagen und mit Cinchonabäumen bepflanzt.
Junghuhn hatte den entgegengesetzten Fehler von Hasskarl begangen; man weiss jetzt, dass sein Verfahren, die Pflanzen in den dichten Schatten der Wälder zu setzen, ganz falsch war, da sie Luft und Licht bedürfen, um reichlich Alkaloide zu bilden. Ebenso ist es jetzt ausgemacht, dass die Behandlung der Samen der Grund war, warum so wenige keimten. Der Versuch, die Pflanzen durch Stecklinge zu vermehren, gab in Java sehr ungünstige Resultate, weil die Stecklinge viel zu gross waren. Wäre man in Java auf die später von Mac Jvor in Ootacamund mit grossem Erfolg angewandte Methode verfallen, zur Vermehrung sehr kleine Ableger und Knospen zu benutzen, so könnte man dort jetzt Millionen von Calisayas statt werthloser Pahudianas besitzen.