Am folgenden Morgen schickte der Regent von Galu einen Wagen nebst seinem „Pati,” einem alten würdigen Herrn, der nur meinetwegen das Ungemach der Reise ertragen musste. Der Opziener (Aufseher) von Pari kam zu Pferde an, stellte sich zur Verfügung und gab mir viele Auskunft über die Kaffeepflanzungen, die wir zusammen besichtigten. Neun Paal von hier liegt Kawali, ein wegen seiner Alterthümer bei den Inländern in grossem Ansehen stehender Ort. Das Dorf enthält einen kleinen Tempel, zu dessen sehr engem Eingange ein paar Stufen führten; das Innere war mit Matten und Teppichen geschmückt, zwei Priester hockten darin und holten die Gegenstände zu unserer Besichtigung einzeln hervor. Bei jedem Stück machten sie einen tiefen Salam; mit derselben Ehrerbietung wurden die Reliquien zurückgelegt, nachdem sie vorher in viele Tücher eingewickelt worden. Es waren alte Hellebarden, Glocken, Räuchergefässe, Becher mit erhabenen Figuren, den Thierkreis darstellend, und allerlei zerbrochenes Gerümpel. Auch in Pandjalu werden dergleichen Alterthümer aufbewahrt. Nicht weit vom Dorfe, in einem sorgfältig gepflegten Hain, liegen einige Steine mit alten Inschriften (batu-tulis), die eben so wie die Reliquien schon kopirt und beschrieben sind; und etwas weiter, im Walde, sprudelt eine heilige Quelle, die dem Orte den Namen giebt.
Der Pati lud mich ein, Abends an einem Feste Theil zu nehmen, das mehrere Tage dauern sollte, und liess mich beim schönsten Mondschein mit seinem grossen Schirm abholen. Die Sonnenschirme zeigen in den malayischen Ländern den Rang des Besitzers an, wie in Europa die Epauletten den Rang der Offiziere. In Java werden 27 verschiedene Rangstufen durch die Schirme bezeichnet, deren Farben durch den General-Guvernör im Rath ebenso genau festgestellt sind, wie die Uniformen in Europa. Die vornehmsten sind weiss mit goldenen Rändern, dann folgt dem Range nach grün, blau, braun, in verschiedenen Anordnungen. Nur bei den ersten 6 Stufen sind die Ränder von Gold, bei den übrigen gelb. Auch in Siam spielt der Schirm eine grosse Rolle: der Sonnenschirm von vielen Stockwerken über einander ist ein Attribut des Königs und figurirt auf dem grossen Staatssiegel zu beiden Seiten der pyramidalen Krone. — Das Fest fand in einem grossen Bambusschuppen statt, der durch bunte Behänge, Laub und Blumen geschmückt war. Vier das Dach tragende Säulenreihen bildeten fünf Abtheilungen, in deren mittlerer eine lange, mit Blumen verzierte Tafel stand. Auch hier zeigte sich wieder viel Geschmack in der Dekoration. Die aus dicken Bambusen bestehenden Säulen waren mit buntem Zeug bekleidet, mit Sockel und Kapitäl aus Blättern und Blumen versehen, durch Bögen aus gespaltenen jungen Palmwedeln verbunden, deren noch gelbe Seitenblätter wie Franzen herabhingen. Der Zwischenraum bis zum Dach bestand aus leichtem Gitterwerk, in welchem einzelne Blumen angebracht waren. An einem Ende des Saals erhob sich ein um mehrere Stufen erhöhter, mit Matten belegter Raum, seine Hinterwand war mit einem Teppich behangen, davor stand vielleicht alles, was sich im Distrikt an kostbaren europäischen Möbeln befand: eine altmodische Kommode, ein Glasschrank und ein paar verzierte Spiegel; zu jeder Seite erhoben sich zwei grosse, mit rothem Stoff bedeckte Paradebetten, an deren Kopfende eine solche Menge verzierter Kissen aufgethürmt waren, dass sie bis zur Decke reichten. Als wir uns zu Tische gesetzt hatten, begannen dreizehn Rongengs zu tanzen, — soviel hatte ich noch nie beisammen gesehen. Hier hörte ich auch zum erstenmal das Anklong (S. 178), dessen Klang so angenehm ist. Es wurde bis spät geschmaust, und dies war der beste Theil des Festes. Die armen Kinder, denen zu Ehren es gegeben wird, kommen weniger gut dabei fort; denn nachdem sie am nächsten Tage im Fluss gebadet sind, werden am dritten Tage den kleinen Mädchen die Zähne abgefeilt, am vierten Tag findet die Beschneidung der Knaben statt. Das Feilen der Zähne und Beschneiden geschieht auf den Paradebetten. Lange weisse Zähne können die Malayen nicht leiden, sie vergleichen sie mit denen des Tigers.
Am folgenden Tage verliess ich den See von Pandjalu und fuhr im Wagen des Regenten am östlichen Ufer des Tjitandui bis Indehiang, wo ich mich von dem würdigen Pati verabschiedete, auf das westliche Ufer überging, Abends einen Pasanggrahan erreichte und am folgenden Morgen den Gelungung erstieg. Man reitet fünf Paal, steigt zwei Paal zu Fuss und befindet sich am obersten Ende der grossen Schuttmasse, die sich im Oktober 1822 in die früher hier vorhandene reiche Ebene wälzte. Ein tiefes kesselförmiges Thal trennt diesen Punkt von der gegenüberliegenden Bergwand, die sich fast senkrecht, wenigstens in sehr steilem Winkel in WNW. erhebt. Mehrere Sturzbäche an derselben erschienen in dieser Ferne, wie dünne Fäden. Das tiefe Kesselthal ist jetzt schon wieder dicht bewachsen, namentlich machten sich hunderte von Baumfarnen geltend. Dieser schöne ruhige, mit einigen Wasserbecken geschmückte Grund ist der Krater des Gelungung, der 1822 die furchtbare Verwüstung anrichtete.
Ich kann mir nicht versagen, Junghuhns Schilderung des Ausbruchs hier folgen zu lassen (Hasskarl's Uebersetzung Bd. II, S. 111.), die zugleich ein eben so schönes als treues Bild des javanischen Lebens giebt.
„In den Gegenden südostwärts von demjenigen Theile der Bergkette, welche unter dem Namen G.-Gelungung bekannt ist, zwischen den beiden Flüssen Tji-Wulan und Tji-Tandui, die beide, der erstere fast in südlicher, der andere mehr in südöstlicher Richtung, der Südküste zuströmen, lag ein reich bebautes und bevölkertes Land, das, eigentlich eine Fortsetzung des Berggehänges, jedoch so sanft nach den niedrigen neptunischen Hügelreihen des Südgebirges zu fällt, dass es füglich eine Fläche genannt werden kann. — Es waren die fruchtbaren Ebenen und Berggehänge der Provinz Tasikmalaja, Indehiang und Singaparna. — Sie waren weit und breit mit Reisfeldern bedeckt und mit Hunderten von Dörfchen, die sich mit den Gruppen ihrer Kokospalmen zerstreut zwischen den Feldern erhoben. Sie waren in allen Richtungen von Wegen durchschnitten, bis zum Fusse der Bergkette hin und noch weit an den Berggehängen hinauf, wo man zwischen blühenden Kaffeegärten wandelte. —
Ueber die reichbegabten Fluren dieses ewig grünen Landes ergoss am 8. Oktober 1822 die Mittagssonne ihren durch kein Wölkchen, durch keine Nebel geschwächten Strahl. Das ganze Land schien verstummt, die animalische Schöpfung lag in tiefer Ruhe, im schattigsten Dickicht sass die Vögelschaar verborgen, und kaum ein Insektchen zirpte noch; die Pflanzenwelt hatte alle ihre Blüthen aufgethan und dampfte ihre ungerochenen Aromata empor in die Luft, welche, von aufsteigenden Strömen bewegt, am Horizonte wellenförmig zitterte. Kein Blatt regte sich, und kaum rauschte zuweilen der höchste Wedel einer Palme; wenn dann und wann ein leises Lüftchen von der Küste her sich erhob.
Auch die Menschenwelt ruhte. Die Arbeiter hatten ihre Felder verlassen, deren künstliche Wasserspiegel unter dem Sonnenstrahle dampften. Sorglos lagen sie auf den Bali-balis ihrer kleinen Hütten ausgestreckt. In den Vorhallen (Pendopo's) der Häuptlinge verstummten allmälig die Schläge des Gamelan, unter deren sanftem, melodischem Getön die javaschen Grossen gewohnt sind, einzuschlummern; auch der Gesang der Tanzmädchen (Ronggengs) wurde bald nicht mehr vernommen, und nur das sanfte Girren der Turteltauben, die in zahlreichen Käfigen vor den ländlichen Wohnungen hängen, war mit dem Rufe eines Priesters, der von seiner baumumgrünten Moschee herab die Herrlichkeiten Allah's und seines Propheten verkündigte, oder mit dem Knarren einer verspäteten Pedati, deren scheibenförmige Räder sich langsam auf der staubigen Strasse umwälzten, gezogen von trägen Karbauen, deren Führer längst eingeschlummert war, vielleicht das einzige Geräusch, das in den weiten Dörfern Tasikmalaja und Singaparna erscholl. Das ganze Land lag in tiefer Ruhe und Frieden. Die Bevölkerung hielt ihren Mittagsschlaf, nicht ahnend, nicht träumend, dass einige Augenblicke später aus dem Innern des G.-Gelungung „dumpf und bang” ihr — Grabgesang ertönen würde. Er aber ertönte. — Es war 1 Uhr. — Durch plötzliche Erdstösse aus dem Schlafe geweckt, entflohen die Bewohner ihren Hütten. Ein donnerndes, brüllendes Getöse traf ihr Ohr und Entsetzen bemächtigte sich ihrer, als sie ihre Blicke zum G.-Gelungung wandten und eine schwarze Rauchsäule von ungeheurem Umfange emporschiessen, sich mit Blitzesschnelle ausbreiten, den ganzen Himmel überziehen und im Nu den noch eben hellsten Sonnenschein in die finsterste Nacht verwandeln sahen. — Jetzt flohen sie bestürzt durch einander, nicht wissend, wohin, und ungewiss ihres nächsten Looses. Noch einige Sekunden später und ein Paar Tausend von ihnen waren begraben. Sie wurden theils bedeckt von Schlamm, der vom Krater ausgeschleudert, in ungeheuren Massen aus der Luft herabfiel, theils kamen sie in den Fluthen von heissem Wasser um, das mit Schlamm und Steintrümmern vermengt, dem Krater in ungeheurer Menge entquoll, das (als drohe eine zweite Sündfluth) zehn Minuten weit im Umkreise Alles überströmte, alle Dörfer, Felder und Wälder vernichtete und in einen dampfenden Pfuhl von bläulich-grauer Farbe verwandelte, der mit Cadavern von Menschen und Thieren, mit Häusertrümmern und zerbrochenen Baumstämmen übersäet war. Wild brachen durch diese Schlamm- und Trümmermassen die Bäche Tji-Kunir und Tji-Wulan hindurch; sie waren zu tobenden Fluthen angeschwollen, die Alles auf ihrer Bahn zerstörten, alle Brücken wegspülten und weite Ueberschwemmungen verursachten, in denen noch eine grosse Menge armer Flüchtlinge, die sich schon gerettet glaubten, ihr Leben verloren; — mit Menschen- und Thierleichen aller Art bedeckt, wälzten sie dann ihr schlammiges, kochend heisses Wasser der Südküste zu, deren Bewohner, vor diesem Anblicke entsetzt, die Flucht zu den nächsten Hügeln ergriffen. In das Brausen der Bäche, in das Brüllen des Kraters, in das Krachen zersplitterter Wälder, in das Knacken fortgewälzter Felsenmassen, die an einander stiessen, und in das verzweiflungsvolle Jammergeschrei der Tausende von Menschen, die hülflos ihren Tod vor Augen sahen, — dröhnte laut von oben der Donner herab, und Blitze fuhren unaufhörlich nach allen Richtungen aus dem dichten Gewölk, das sich weit und breit über dem Gebirge durch die schnelle Verdichtung der Dämpfe gebildet hatte.
Erst nach drei Stunden, nämlich um 4 Uhr Nachmittags, liess die Heftigkeit des Ausbruchs nach, die sich fortwährend auf eine doppelte Weise offenbart hatte, nämlich durch das Hervorquellen von Schlammmassen aus dem Krater und das Herabströmen derselben und durch das Emporschleudern in höhere Luftschichten von Schlamm, Asche und Steinmassen, die dann als ein Alles verwüstender Regen wieder niederfielen und auch die entfernteren Pflanzungen und Wälder, die in etwas grösserer Entfernung lagen und dadurch auch noch verschont geblieben waren, zerstörten. Um 5 Uhr aber war Alles vorbei. —
Zahlreiche Dörfer mit allen ihren Bewohnern, die sich drei Stunden zuvor noch im Kreise der Ihrigen sorglos der Ruhe überliessen, oder ihre Kinder wiegten, lagen nun begraben unter vulkanischem Schlamm und Steintrümmern, so dass man keine Spur mehr von den Dörfern sah, und das Terrain südöstlich vom Berge um 40–50' hoch durch die Auswurfmassen erhöht war. Wie erschöpft von ihren Anstrengungen (gegen 5 Uhr), versank nun die Natur in Ruhe; es wurde todtstill, und der Himmel heiter, und der Abendstrahl derselben Sonne, die des Mittags über alle Pracht der tropischen Vegetation, über Glück und Luxus geschienen hatte, — jetzt schien sie, fast spottend, über einen Schauplatz von Verwüstung, aus dem alles Grün verschwunden war, über meilenlange, schwärzlich-graue Felder von Schlamm und Lava, gleichsam über Schlachtfelder, welche besäet waren mit zerknickten Baumstämmen und Cadavern von Menschen und Thieren, die theils verstümmelt und verbrannt aus dem Schlamm hervorragten, theils in den tobenden Fluthen des Tji-Wulan und Tji-Tandui dem Meere zutrieben.”
Das Wasser, das von den steilen Wänden des Kraters aus der Schlucht herabfällt, fliesst in zwei tiefen Rinnen zu beiden Seiten des die letztere ausfüllenden Schuttrückens und vereinigt sich am Ende desselben zu einem wasserreichen Bach, Tjikunir, der in vielen Windungen durch die Ebene fliesst und einige Meilen weiter in den Tjiwulan mündet. Der Schuttberg ist ebenfalls reich bewachsen, namentlich mit vielen Baumfarnen und blühenden Sträuchern; wo er aber sein Ende in der Ebene erreicht, hört diese Vegetation plötzlich auf; nichts als Glagarohr bedeckt die Fläche und die unzähligen kleinen Hügel, die sich aus derselben erheben, deren durch den Ausbruch veranlasste Entstehung noch nicht genügend erklärt ist und verschiedene Hypothesen hervorgerufen hat. Die vulkanische Thätigkeit am Gelungung ist jetzt auf einige Solfataren und Fumarolen beschränkt, in denen Gyps, Schwefel, Faseralaun und Eisenchlorid gebildet wird. Auch eine Kalksinterquelle ist vorhanden.