Wo die Glagawildniss an die fruchtbare Ebene grenzt, erwartete mich der Bedana von Singaparna. Ich brachte die Nacht bei ihm zu, besichtigte am folgenden Tage, durch strömenden Regen sehr behindert, das interessante Hügelterrain und erreichte die Fahrstrasse wieder bei Tasikmalaja. Von hier läuft der Tjitandui nach Osten, am Südrande des grossen Sawalberges hin, mehrere Gewässer aufnehmend, bei Bandjar führt ihm der Tjimundur, der alle vom Ostabhang desselben Berges abfliessenden Bäche, gegen 20, aufnimmt, so grossen Wasserreichthum zu, dass er für flache Boote schon von hier aus den grössten Theil des Jahres schiffbar ist. Wenige Paal weiter, bei Sindang-adji, nimmt er eine südöstliche Richtung an und schleicht in trägen Windungen durch ein niedriges Sumpfland (Rawa) bis Kaliputjang, wo er durch die Kalkberge, die hier den Südrand Javas einfassen und nur von einer sehr schmalen Meerenge unterbrochen in der Insel Nusa-kumbangan fortsetzen, zu einer mehr östlichen Richtung gezwungen wird. Etwas weiter erreicht er den kleinen, seichten Meerbusen Segoro-anakan, „die Kindersee”, ein hässliches, seichtes, heisses, von Mangelsümpfen eingefasstes Wasserbecken, durch die quer davor liegende Insel Nusa-kumbangan fast ein Binnensee. Von Tasikmalaja folgt die Strasse dem südlichen Ufer des Tjitandui bis Bandjar. Die Gegend ist flachhüglich, weniger bebaut und bewohnt, als die bisher besuchten reichen Distrikte; es fehlen die Sawas, weil kein Berieselungswasser von höher gelegenen Bergen vorhanden ist. Von Bandjar, wo die Landstrasse ihr Ende erreicht, muss die Reise zu Wasser oder zu Pferde fortgesetzt werden; daher fanden wir hier eine grosse Menge von Büffelkarren, welche die Produkte der Preanger Regentschaften an die Regierungspackhäuser abgeliefert hatten, von wo aus sie in eigens dazu erbauten, sehr flach gehenden, eisernen Frachtschiffen stromabwärts an Bantengmati vorbei, über die fast zugeschlämmte „Kindersee”, welche Java von der Insel Nusa-kumbangan trennt, nach Tjelatjap verschifft werden, wo jährlich gegen 50 grosse europäische Schiffe einlaufen, um diese Produkte nach Europa zu bringen. Bandjar hat als Stapelplatz für den südlichen Theil der Preanger Lande dieselbe Bedeutung, wie Tjikao (S. 138) für den nördlichen. Was oben über die mangelhaften Verkehrsmittel der Provinz im Allgemeinen gesagt worden, gilt in erhöhtem Grade für deren südlichen Theil, der nicht, wie der nördliche, durch eine Kulturebene, sondern durch eine Felsenmauer begrenzt wird, welcher kein Schiff zu nahen wagt.
Die Büffelkarren (pedati) nehmen eine hervorragende Stelle in der Staffage javanischer Landschaften ein. Es sind viereckige Körbe mit einem Dach, wie die Wohnhäuser der Inländer, nur viel kleiner und zierlicher. An der vom Dach überragten vorderen Giebelseite ist eine Art Vestibulum, in welchem der Fuhrmann sitzt, man könnte fast sagen, — wohnt, so häuslich richtet er sich bei langen Reisen ein. Oft hockt seine Frau neben ihm, sein Regenhut, Kochtopf und sonstige kleine Bedürfnisse hängen unter dem Dach, an den Seitenwänden. Oben am Giebel ist immer ein Fähnchen oder eine geschnitzte Verzierung angebracht, häufig ein Pfauenkopf; dann ist die hintere Giebelspitze mit einem wirklichen Pfauenschwanz geschmückt. Die an der Achse festsitzenden Räder sind Holzscheiben und bestehen gewöhnlich aus den strebepfeilerartigen schmalen Vorsprüngen, die den am höchsten aufstrebenden Waldbäumen als Stütze dienen. Man begegnet Zügen von mehr als 100 Wagen hinter einander, die unter unaufhörlichem, einförmigem Quieken langsam fortrollen und die Fuhrleute in angenehmen Schlaf lullen. Die Büffel bewegen sich nur langsam vorwärts und müssen häufig gebadet werden. Deshalb wählt man zu Lagerplätzen gern Stellen, an denen sich die Thiere im Wasser oder noch lieber im Schlamm erholen können, während die Menschen an zahlreichen kleinen Feuern ihren Reis kochen.
BÜFFELKARREN. JAVA.
Von Bandjar wurde mein Wagen über die Kindersee nach Tjelatjap gesandt, während ich die Reise zu Pferde auf schattigen Waldwegen am Rande des niedrigen Höhenzuges fortsetzte, der die einförmige Rawa in SW. einfasst. Der Ritt durch diese wenig besuchten Wälder war ausserordentlich angenehm. Einen bemerkenswerthen Kontrast mit der allgemeinen Ueppigkeit bildeten einige allein stehende 50' hohe dicke Säulen, von denen einzelne grosse vergilbte Fächer herabhingen, während sich über ihnen ein Riesen-Kandelaber erhob, auf dessen sparrigen, horizontal ausgereckten Armen zuweilen ein grosser Nashornvogel sass, der die daran sitzenden reifen Früchte verzehrte. Es waren die an der Südküste so häufigen Fächerpalmen (Corypha gebanga), die nur einmal Früchte tragen und dann, wie wahrscheinlich alle terminal blühende Palmen, absterben. Die Menge der wilden Pfauen verkündete die Nähe von Tigern; eine Gemeinschaft, deren Ursache noch nicht genügend festgestellt ist. Auch Rhinozerosse und wilde Stiere (banteng) sind hier häufig. Auf weiten Strecken fanden wir die Strasse mit Teakbäumen (spr. Tiek), Tectona grandis L., bepflanzt. Sie wachsen Anfangs schnell, später aber sehr langsam und sind erst nach 60 oder 80 Jahren für den Schiffbau zu gebrauchen, in welcher Verwendung sie alle bekannten Hölzer übertreffen. Das Holz schadet dem Eisen nicht, wirft sich nicht, ist kieselreich und ausserordentlich dauerhaft; Termiten greifen es nicht an und es kann grün verwendet werden. Während Telegraphenstangen in Preussen im günstigsten Falle 5 Jahre halten, sind Teakstangen selbst in Indien unverwüstlich. Der ausgewachsene Baum ist einer der mächtigsten Waldbäume. Im Westen von Java ist das Teak selten, in Mittel- und Ost-Java bildet es grosse Wälder und leidet keine andern Bäume neben sich, die ihm gern den Platz überlassen, da ihm der schlechteste Boden gefällt.[85] Auch Gummibäume sind hier angepflanzt worden, um später ausgebeutet zu werden. So ist die holländische Regierung unablässig bemüht, durch den Anbau neuer Kulturpflanzen den Werth ihrer Kolonie zu erhöhen.
HÄUSERGRUPPE IN EINEM GEBIRGSDÖRFCHEN. JAVA.
Die Nacht brachte ich in einem ganz kleinen selten besuchten Dörfchen in der Nähe des Gunong-gamping, bei armen sehr gefälligen Leuten zu. Einen Theil desselben stellt die beiliegende Zeichnung dar; das grössere Haus links im Vorgrund ist eine Reisscheune (lombong), sie steht auf vier Steinen zum Schutz gegen heimliche Angriffe der Termiten, frei und hoch genug über dem Boden, um der Luft den Durchzug durch die aus Bambus geflochtenen Wände zu gestatten; diese laufen spitz nach unten zu, wodurch der Regen unschädlich gemacht und das Hinaufklettern der Ratten und Mäuse sehr erschwert wird. Am folgenden Morgen besuchte ich mehrere geognostisch-interessante Punkte, den prächtigen Wasserfall Tjipipisan, und gelangte Abends nach Kaliputjang, wo der Tjitandui auf den die Rawa in SW. begrenzenden Höhenzug stösst. Von hier fährt man im Kahn nach Bantengmati, einem kleinen, auf der NW.-Spitze der Insel Nusa-kumbangan gelegenen Fort, dessen Kommandant, ein alter, lange in Indien dienender Soldat, mich sehr freundlich aufnahm. Unter den wenigen Soldaten, aus denen die Garnison bestand, waren auch mehrere Neger, die sich anfänglich häufig krank meldeten, wodurch der Dienst sehr litt. Zum Glück besass der alte Herr ein Universalmittel, das nie versagte. Jeder Patient musste, bevor er nur überhaupt die näheren Umstände seiner Krankheit vortragen durfte, ein Weinglas voll Ricinusöl unter den Augen seines Vorgesetzten austrinken. Die Leute sträubten sich oft gewaltig, genasen aber immer nach der ersten Dosis, wenigstens verlangten sie nie eine zweite.
Nach dem langen Aufenthalt im Hochlande fand ich es hier erschlaffend heiss; Moskitos waren so zahlreich, dass um alle Häuser Rauchfeuer brannten. Ich folgte dem Nordrand der Insel, deren westliches Ende aus Kalkklippen besteht, an denen bis zu beträchtlicher Höhe die Einwirkung des Meeres sichtbar ist, obgleich es jetzt nur noch ihren Fuss bespült. In diesen Kalkfelsen sind viele kleine Tropfsteinhöhlen, in denen aber trotz allen Suchens keine Knochen aufzufinden waren. Da, wo die Kalkfelsen aufhören, die Küste flach wird, treten Mangelsümpfe auf, die, wenige felsige Stellen des Südrandes ausgenommen, das ganze übrige Gestade der Kindersee mit einem breiten Gürtel einfassen und die Rawa von Jahr zu Jahr vergrössern. Bevor wir bei Manundjaja, einer ärmlichen, kleinen Häusergruppe im sumpfigen Walde, das Land betraten, besuchten wir Paniteng, eines der merkwürdigen Dörfer, deren sich mehrere mitten aus dem seichten Meere erheben. Es war nur im Kahn zu erreichen und ruhte ganz auf Pfählen. Die Hütten bildeten ein Viereck und waren nach Aussen durch eine Gallerie, nach Innen durch einen Hof von Bambuslatten verbunden, wodurch in diesem Venedig eine Art Markusplatz entstand, auf welchem Fische getrocknet wurden. Es war ein ärmliches, schmutziges Dörfchen, aber interessant als ein Beispiel moderner Pfahlbauten.
Nach vielen vergeblichen Bemühungen von Manundjaja aus Karang-andjar zu erreichen, wo die Rafflesia Padma auf den Wurzeln eines Cissus in solcher Menge wächst, dass Junghuhn „keinen Schritt thun konnte, ohne eine zu zertreten”, schifften wir uns nach Tjelatjap ein. Nusa-kumbangan tritt mit der östlichen Hälfte seines Nordrandes so hart an das Festland, dass der Meeresarm, durch welchen die Kindersee mit dem indischen Meer in Verbindung steht, kaum die Breite eines mittelmässigen Flusses hat. Die östliche Spitze biegt sich hornartig nach Norden und schützt dadurch den am jenseitigen Ufer gelegenen Hafen von Tjelatjap. Von hier bis zur Mündung des Kali-Seraju gen Osten, bildet die Küste einen nach NW. gerichteten Bogen, und streicht dann als flaches Gestadeland in fast gerader Richtung, die Provinzen Banjumas und Bagelen im Süden begrenzend, bis Karang-tritis, im Gebiet des Sultans von Jokjokarta. Dort hört der Strand plötzlich auf; schroffe Felsenwände, die im Allgemeinen dasselbe Streichen beibehalten, aber sehr zerrissen und vielfach ausgezackt sind, fassen nun den Südrand der Insel bis zur östlichsten Spitze ein, nur einmal durch eine sumpfige Ebene unterbrochen. Auf der ganzen Strecke giebt es keinen Hafen mehr, kaum einen Zufluchtsort für Fischer. Die Schifffahrtsbücher beschreiben die Südküste von Java als „eisenumgürtet” (ironbound); kein Schiff wagt ihr zu nahen.