Am folgenden Morgen brachen wir auf, nachdem jeder vergeblich alle Ueberredungskunst aufgeboten hatte, um den andern von der Besteigung des Berges abzuhalten. Bis Tumba, einem kaum 2000 Schritt entfernten Dorf, konnte man reiten und der arme „Raden Rio” verschmähte selbst diese kleine Erleichterung nicht. Von dort aber ging es nur zu Fuss weiter. Kaum waren wir einige hundert Schritt gestiegen, als sich mein Begleiter, anscheinend ganz erschöpft, zu Boden warf, um etwas auszuruhen; ich verabschiedete mich daher von ihm bis zum folgenden Tage. Wir waren mit zahlreichem Gefolge aufgebrochen, nach einigen Stunden Steigens waren nur noch mein Diener und zwei Kulis bei mir, mit denen ich bald nach ein Uhr den Gipfel erreichte. An einer geschützten Stelle waren drei Hütten aus Grasmatten, eine für den Raden, eine für mich, eine für die Häuptlinge aufgeschlagen. Als eben die Dunkelheit einbrach, kam zu meiner grössten Ueberraschung Raden Rio an, ausser sich vor Ermüdung und rief mir zu: Um Gottes Willen, Herr, was suchen Sie hier oben! liess sich in eine wollene Decke wickeln und warf sich auf sein Lager. Der arme Teufel that mir sehr leid; es war mir gar nicht eingefallen, dass er den Berg besteigen würde, da ich seine am frühen Morgen zur Schau gestellte Ermüdung für eine List gehalten hatte, um unter einem anständigen Vorwand zurückbleiben zu können; aber der Gehorsam gegen Befehle von Höherstehenden ist in Java so absolut, dass er nicht gewagt hatte, unten zu bleiben, obgleich es sein eigener Schwager war, der ihm den Auftrag ertheilt hatte, mich zu begleiten. Er brachte einen Tross von 70 bis 80 Mann mit, von denen ein Theil Gepäck und Proviant trugen, während die anderen beschäftigt gewesen waren, ihren Herrn mit Tragesesseln, Stricken, Hebebäumen auf den Gipfel zu schaffen. Sein vortrefflicher Koch war auch mitgekommen und bald stand ein schmackhaftes malayisches Diner auf einer Matte ausgebreitet.
Von einem so absoluten Gehorsam gegen Befehle Höherer, wie er in Java besteht, hat man in Europa gar keinen Begriff. Raffles sagt an einer Stelle (History of Java): Ebenso wie in einem ungebildeten Volk wenig Theilung der Arbeit besteht, so auch keine Theilung der Macht im Despotismus; der Despot ist Besitzer, alles andere ist Besitz, dieselbe Vereinigung richterlicher, finanzieller, und exekutiver Gewalt, die im Souverän ruht, geht an die Guvernöre der Provinzen, und von diesen stufenweise auf die unteren Beamten über, so dass jeder Häuptling, welches auch sein Rang sei, fast unumschränkte Gewalt hat über die welche unter ihm stehen.
Den künstlich geebneten höchsten Punkt des Berges (10066'), den man auf rohen Stufen ersteigt, fand Junghuhn (1838) von einer viereckigen 3' hohen Mauer umgeben und innerhalb derselben ein hölzernes Haus, das wohlriechende Blumen und angebrannte Kohlen enthielt. Von dem Häuschen stand nur noch das Gerüst aufrecht, die Umfangsmauern waren unversehrt, einige hundert Fuss weiter unten, in der Höhe unseres Lagerplatzes, stand aber jetzt ein wohl erhaltenes Haus, das gleichfalls mit Blumen geschmückt und von einer Umfangsmauer umgeben war.
Der Morgen war wieder ganz trübe, wir kehrten nach Suku zurück, wo Raden Rio erst gegen Abend ankam, und ritten sogleich nach Karang-pandan, um am andern Morgen mit Tagesanbruch nach Solo zurückkehren zu können. Auf der reichen Kulturlandschaft erhoben sich viele steinerne geräumige Häuser, Etablissements grosser Landpächter, die auf ihren Feldern Produkte für den europäischen Markt, besonders Zucker und Indigo bauen.
Am 20. Oktober wurde in Solo das javanische Neujahrsfest Grebek gefeiert. Schon früh Morgens waren alle Strassen, die zur Hauptstadt führten, mit Zügen inländischer Häuptlinge bedeckt, die sich in ihrem besten Schmuck, von zahlreichen Dienern begleitet, zum Fest begaben. Um 10 Uhr versammelten sich alle Europäer in der grossen Halle des Residenzgebäudes. Gegen 11 Uhr erschienen zwei Abgesandte des Kaisers, um den Residenten nach Hofetikette, mit kaum hörbarer Stimme zum Besuch im Kraton einzuladen. Eine halbe Stunde später fuhr der Resident, gefolgt von den Europäern und mehreren Pangerans in europäischer Uniform, nach dem Kraton. Auf dem Alun-alun war ein grosser Menschenhaufen versammelt. Durch eine Menge kleiner inländischer Beamten und die kaiserlichen Leibwachen hindurch gelangten wir an die grosse Empfangshalle: der Kaiser ging dem Residenten bis an die Stufen entgegen; und sobald sich beide niedergesetzt, nahmen die Europäer und Pangerans auf Stühlen zur Seite Platz. Dies war die Anordnung:
| R | S | |||||||
| 9 | 1 | 10 | ||||||
| 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | ||
R Resident, S Susuhanan (Kaiser), 1 Speicheldosenträgerin (eine Alte), 2–8 sieben junge Mädchen mit nackten Schultern, ein goldenes Band um den Hals, Blumen und eine Feder im Haar, die Reichsinsignien haltend und zwar: 2 das Schwert, 3 die Pfeile, 4 den Bogen, 5 den Sonnenschirm, 6 den Schild, 7 den Säbel, 8 den Fächer. — 9 und 10 Zwerge, alte Weiber, Verwachsene, Albinos. Nach kurzem Verweilen begaben sich Kaiser und Resident, unter einem vergoldeten Sonnenschirm einherschreitend, von den Gästen gefolgt, nach der grossen Halle des Vorhofs, in welcher bereits die übrigen kaiserlichen Gäste versammelt waren. Jetzt war, nachdem alle Platz genommen, die Gruppirung folgende:
| S R | ||||
| ┏━┓ | ┏┓ | ┏━┓ | ┏┓ | ┏━┓ |
| B | E | V | E | B |
S Susuhanan, R Resident, V Verwandte und vornehmste Beamte in Reihen geordnet, B Beamte und Häuptlinge, alle nach ihrem Range in Reihen geordnet, E Europäer auf Stühlen. Alle Inländer mit alleiniger Ausnahme des Kaisers und der Pangerans kauerten am Boden. Der Kaiser trug eine cylindrische Mütze aus weissem Glanzleinen, im Uebrigen das schon beschriebene Kostüm. Auch die vornehmen Beamten (V) hatten cylindrische Mützen und Jacken, meist von dunkler Farbe. In den Reihen B waren alle bis zum Gürtel nackt; das Haar war nicht zusammengebunden, sondern einmal gedreht über den Kopf gelegt und mit einem Kamme befestigt. Rings um die offene Halle standen die kaiserlichen Leibwachen in bunten Kostümen und theatralischer Haltung, die gut zum Ganzen passte. Zwei vornehme Boten drängten sich kriechend in der Mittellinie durch die hohen Würdenträger (V), machten in grosser Entfernung vor dem regungslos sitzenden Kaiser Halt, und berichteten, als sie nach langer Pause einen Wink empfangen, dass die dem Volk bestimmten Geschenke bereitständen; dies geschah aber mit so leiser Stimme, dass der Schall wohl kaum bis zum Kaiser dringen konnte. Nach abermaligem langem ehrerbietigem Harren, erhielten sie einen zweiten Wink, und zogen sich rückwärts kriechend zurück. Nun wurden die kaiserlichen Geschenke, denen ein Musikcorps voranging, vorübergetragen; sie bestanden aus allerlei Esswaren und Näschereien auf kolossalen verzierten Körben, jeder von 12 Kulis getragen: bald hörte man aus dem Jauchzen des Volks auf dem Alun-alun, dass es sich in Besitz gesetzt hatte. Inzwischen waren an die Gäste Verzeichnisse der zu trinkenden Toaste vertheilt worden: 1. das neue Jahr, 2. der General Guvernör, 3. der Kaiser, 4. der Resident, 5. der Pangeran Adipati-anom (Kronprinz), 6. die kaiserliche Familie, 7. die Blüthe und Wohlfahrt der Insel Java. Zu jedem Toast erhielt man ein kleines Glas Madeira oder wenn man es vorzog, Thee von gleicher Farbe, eine anzuerkennende Vergünstigung, da das Glas jedesmal ausgeleert werden muss. Die Leibwache war in Schlachtordnung aufmarschirt und begleitete jeden Toast mit einer Gewehrsalve. Schliesslich geleiteten die Europäer den Kaiser in den inneren Kraton zurück, und gingen nach Hause. Das Schauspiel war nicht ohne Interesse und erinnerte unwillkürlich an die grossen Kirchenfeste in Rom, sowohl durch die aus einer vergangenen Zeit geretteten malerischen aber fadenscheinigen Kostüme, als durch die fast zur Anbetung gesteigerten Formeln der Ehrerbietung gegen zwei dem Grabe nahen Greise, die bezeichnend die Hauptrollen spielten; hier wie in Sankt Peter hatten die ungläubigen Fremden, für welche das Ganze nur ein buntes Schauspiel ist, die Ehrenplätze, während das gläubige Volk draussen steht.