Sechstes Kapitel.
Festung Ambarawa. — Samarang. Schule. Waisenhaus. — Surabaya. Maschinenfabrik. — Tempel um Malang. — Ardjuno. Legende. — Semeru. — Lamongan. Gewitter. — Rückkehr nach Batavia.
Von Solo reiste ich über Bojolali und Salatiga, wo ein Regiment Kavallerie liegt, nach Ambarawa, traf daselbst wieder den Oberst, den seine Dienstgeschäfte dort einige Tage aufhielten, und hatte dadurch Gelegenheit die bedeutende, erst vor wenigen Jahren begonnene, aber beinahe vollendete Festung zu sehen. Sie soll sehr zweckmässig angelegt sein; jedenfalls liegt sie sehr schön. Wir gingen bis zur Dunkelheit auf den langen Reihen flacher Dächer spazieren und erfreuten uns an der herrlichen Aussicht auf die den weiten Thalkessel rings umschliessenden Berge. Der Merapi, Merbabu, Lawu, Sumbing, Sindoro, traten in der durchsichtigen feuchten Abendluft so klar hervor, dass man alle Schluchten dieser schönen Kegelberge deutlich erkennen konnte. Der Ungaru liegt in unmittelbarer Nähe und begrenzt den Kessel von Ambarawa im Norden durch seine flachen Vorberge. Auf diesen sieht man eine Menge weiss getünchter Stein-Häuser durch die Bäume schimmern, ein im Innern Javas seltener Anblick. Gegen Osten lehnt sich die Festung an die Rawa, einen grossen Sumpf, dem sie ihre Stärke verdankt. Die Festungsgräben sind an der inneren Seite mit dornigen Bambusen bepflanzt, die eine undurchdringliche Hecke bilden. Ambarawa soll der Hauptwaffenplatz für Niederländisch-Ostindien werden. Es laufen von hier drei Hauptstrassen auseinander; die eine nördlich nach dem grossen Handelsplatz Samarang, eine SW. über Kadu nach den westlichen, die dritte SO. über Surakarta nach den östlichen Provinzen. Die früheren Bewohner des Thales sind auf loyale Weise expropriirt worden, und haben ihre Desas auf den umliegenden Hügeln erbaut. Rings um Ambarawa sieht man nichts als Soldaten und Leute, die von ihnen leben. Zu den Erdarbeiten, die der Festungsbau nöthig machte, ist das bereits früher erwähnte Schwemmverfahren in sehr ausgedehntem Maasse angewendet worden (pg. 146). Die Javanen sind Meister im Wasserbau. Auch wissen sie nach blossem Augenmaas geringe Niveauunterschiede zwischen entfernten Punkten richtig aufzufassen, die ein Europäer nur mit Hülfe von Instrumenten zu ermitteln vermag.
Am folgenden Morgen besichtigten wir die noch unvollendeten Gebäude zu einem „Militärkampement” von 12000 Mann. Die Kasernen einiger Regimenter waren bereits fertig und bewohnt. Sie sind sehr geräumig, reinlich, luftig. An beiden Seiten laufen der ganzen Länge nach breite Veranden hin. In den Schlafsälen fielen mir die fast quadratischen Betten auf; der Soldat schläft hier nicht allein, jeder hat eine Soldatin; ich sah diesen interessanten Truppentheil aber nur aus der Ferne, da sie um 7 Uhr früh, wo die Offiziere Musterung halten, die Schlafsäle verlassen haben müssen; sie ziehen sich dann in ein abgesondertes Kampong zurück. Die Inländerinnen, die mit den Soldaten wie treue Ehefrauen leben, werden von den Offizieren nicht als ein störendes Element, sondern als ein nützliches Komplement betrachtet. Auf dem Marsch sollen sie wichtige Dienste leisten, ohne besondere Mühe oder Kosten zu verursachen, da sie von der reichlichen Ration des Soldaten leben. Sie putzen diesem, wenn er vom Marsch ermüdet im Bivuak ankommt, Waffen und Zeug, besorgen seine Wäsche, kochen das Essen und erhalten ihn bei guter Laune, da sie selbst immer unverdrossen sind. Der afrikanische Reisende Galton macht in seinem „Art of travel” die Reisenden ebenfalls auf den grossen Nutzen aufmerksam, den eine Expedition aus der Begleitung inländischer Weiber zieht, und giebt dieselben Gründe an.
Trotz der Rawa und der vielen Gräben soll die Lage von Ambarawa nicht ungesund sein; wahrscheinlich wegen der starken Ventilation, die sich in einzelnen Fällen aber bis zu gefährlichen Wirbelwinden steigert. „Da wo in niedrigen Zwischenräumen zwischen hohen Bergen z. B. auf dem Gunung Djambu, über welchen der Weg von Ambarawa nach Kadu führt, die beiden entgegengesetzten Luftströme (Land- und Seewind), die von N. und S. kommen, einander in der Mitte der Insel begegnen, da entstehen zuweilen, aber selten Wirbelwinde, höchst gefährliche Stürme, wodurch Bäume und Häuser vom Boden gehoben, eine Zeitlang in der Luft herumbewegt und auf weite Abstände mit fortgerissen werden.” (Jungh. I. 164.) Der Oberst erzählte mir von einem solchen Sturm, den er hier erlebt hatte. Sein Haus wurde völlig zertrümmert, Cocospalmen unter der Blätterkrone abgedreht, Bäume entwurzelt und nebst Steinen durch die Luft geführt. Gerade als dieser Sturm ausbrach, lagen sämmtliche eben erst vollendete Pläne zur Festung, behufs einer nochmaligen Durchsicht auf einem grossen Tische nebeneinander ausgebreitet; der Wind ergriff sie und vernichtete fast alle, so dass die Arbeit noch einmal begonnen werden musste.
Schon lange bevor man Samarang erblickt, verkündet der immer lebhafter werdende Verkehr die Nähe der grossen Handelsstadt. Beladene Büffelkarren, Lastträger und Saumthiere beleben die Strasse; die Warongs werden immer zahlreicher. Plötzlich sieht man von einer Anhöhe hinter einer wohlbebauten Ebene die grosse Stadt mit dichtgedrängten Häusern, und im Hintergrunde das Meer und die belebte Rhede. Ein dunkelgrüner Saum von Cocospalmen zieht sich am Gestade hin und lässt nur stellenweise einen weissen Sandstreifen dahinter erkennen. Im Vordergrund liegen mehrere mit Waringis bestandene Hügel, die sich reiche Chinesen mit vielem Geschmack, und wahrscheinlich auch mit vielem Geld zu Begräbnissplätzen erkoren haben. Die Aussicht verschwindet bald wieder; aber der Verkehr wird immer reger. In einer prächtigen Tamarinden-Allee legt man die letzte Station zurück.[101] Beim Schlendern durch die Stadt fielen mir Gruppen von Frauenzimmern auf, die inmitten der belebten Strassen niedergekauert, im Kartenspiel vertieft waren.
Am folgenden Morgen hatte der Resident die Güte mich an der Besichtigung mehrerer öffentlichen Anstalten Theil nehmen zu lassen. Wir sahen zuerst das Hospital der Gefangenen, es stand fast leer. Darauf besuchten wir einige Schulen, in denen Kinder von Europäern und diesen gleichgestellte Mischlinge Elementarunterricht empfingen. Sie wurden in meiner Gegenwart im Rechnen und in der Geographie examinirt — man hatte uns die Wahl der Unterrichtsgegenstände überlassen — es ging recht gut. Ueberraschend waren die Leistungen einiger Schüler in der Geographie. Ein 16 jähriger Knabe zeichnete in einem Zug ein gutes Bild von Asien auf die Tafel und fügte beiläufig Europa hinzu. Auf Verlangen trug ein anderer den Lauf der Hauptströme ein und gab die Lage der grössten Städte richtig an. Ein Dritter zeichnete die Grenzen der grossen Reiche. Hierauf besichtigten wir das protestantische Waisenhaus, das 64 Knaben, 128 Mädchen enthielt. Jene bleiben bis zum 18., diese bis zum 23. Jahr in der Anstalt, wenn sie nicht früher versorgt werden. Viele Knaben gehen in die Militärschule von Gombong über (vgl. S. 205), andere werden bei Privatleuten und als Subalternbeamte untergebracht. Nur wenige Kinder sind von europäischer Abkunft; die meisten sind Mischlinge, besonders Soldatenkinder, und nicht Waisen im eigentlichen Sinne. Die Verwaltung der Anstalt scheint musterhaft. Ueberall herrschte untadelhafte Ordnung und Reinlichkeit, ausser in den Kammern der ganz neu eingetretenen, die gewöhnlich so jung sind, dass sie noch der inländischen Mutter bedürfen. Man sollte kaum glauben, dass die netten jungen Mädchen, die in der grossen kühlen Veranda weibliche Handarbeiten machten, aus so schmutzigen kleinen Wilden hervorgegangen waren. Die Mädchen verlassen die Anstalt häufig als Bräute; denn sie stehen in solchem Ruf der Sittlichkeit und Wirthschaftlichkeit, dass namentlich Unteroffiziere und Subalternbeamte sich gern aus ihnen eine Ehefrau wählen. So gross ist das Zutrauen zum Vorstand, dass mancher Bräutigam, der es eilig hat, oder die Reise nach Samarang nicht machen kann, sich wegen der Wahl einer seinen Bedürfnissen und Neigungen entsprechenden Frau vertrauensvoll an diesen wendet, und in fast allen Fällen soll das Ergebniss das Zutrauen des Heirathskandidaten gerechtfertigt haben. Auch jetzt waren zwei Bräute in der Anstalt, die uns ihre kleine durch Fleiss und Sparsamkeit erworbene Ausstattung zeigten. Den Knaben sowohl als den Mädchen werden, sobald sie arbeiten können, ihre Leistungen bezahlt. Die Knaben arbeiten in Werkstätten ausser dem Hause, die Mädchen machen Handarbeiten. Das erworbene Geld wird den Zöglingen aufbewahrt, bis sie die Anstalt verlassen. Jede der beiden Bräute hatte auf diese Weise ein Kapitälchen von 150 Gulden erspart. Die meisten Mädchen waren nicht hübsch von Gesicht, die malayische Rasse scheint sich schlecht mit der Europäischen zu vermischen (bessere Resultate giebt die Mischung von Chinesen und Malayen). Wir besahen die Schlafsäle, die sehr luftig und reinlich sind; jedes Mädchen hat eine eiserne Bettstelle und darüber an der Wand ein Schränkchen, deren einige geöffnet wurden; sie enthielten wohl geordnete, blendend weisse Wäsche, und allerlei kleine Habseligkeiten. Zum Schluss erfreute uns die gesammte männliche und weibliche Jugend mit einem grossen Vokal-Konzert, ich fand es sehr hübsch, aber Oberst von S., der sich darauf zu verstehen scheint, sagte mir später, es hätte ihm fast die Ohren zerrissen.
Das katholische Waisenhaus, das wir darauf besuchten, war im Vergleich zu jenem schlecht gehalten, die Anzahl der Zöglinge etwa ebenso gross. Nachmittags durchstreifte ich die Stadt mit einem gefälligen Landsmann, der mir aber wenig Auskunft geben konnte. Eine der Sehenswürdigkeiten Samarangs, Haus und Garten des „Major” der Chinesen entging uns, da der Hausherr, der als Opiumpächter ein Vermögen von 5 Millionen Gulden erworben hatte, nicht anwesend war. Wir begegneten einem Brautzug von Arabern. Ueber dem mit Blumenschnüren behangenen Bräutigam wurde ein grosser Sonnenschirm getragen. Alle waren reich in Seidengewänder gekleidet, den Zug schloss eine Musikbande. — In Samarang druckt man Batekmuster vermittelst kupferner Formen auf die Zeuge, das übrige Verfahren gleicht dem (S. 229) beschriebenen. Auch werden hier golddurchwirkte seidene Sarongs gewebt, die hoch im Preise stehen.
Von Samarang fuhr ich in einem alten schlecht gehaltenen Dampfboot, „Koningin der Nederlande” nach Surabaya. Die langsame Fahrt dauert 24 bis 28 Stunden und kostet 100 Gulden. Auf dem Vorderdecke sah es ziemlich bunt aus; es enthielt Malayen, Klings, Araber und Mischlinge. Angetrunkene Soldaten sangen Abends ein wildes lautes Lied; dicht neben, fast zwischen ihnen, verrichteten zwei Araber ihre Andacht mit vielen Prosternationen so ungestört als wären sie allein. Das Boot war so voll, dass keine Kabine mehr zu haben war. Die beiden einzigen Sophas, die auf dem Verdeck standen, wurden mir wiederholt von den glücklichen Besitzern dringend und anscheinend aufrichtig angeboten; soweit geht hier die Höflichkeit gegen Fremde.