Die Tür öffnete sich ein wenig; eine Hand, die ein Fläschchen hielt, und ein Arm wurden sichtbar. „Der Baldrian, gnädiges Fräulein,“ sprach Augusts Stimme, „und drei Stückchen Zucker. Zwanzig Tropfen, lassen der Herr Baron sagen, und wenn gnäd’ges Fräulein in der Nacht aufwachen sollten, dann nochmal zwanzig.“

Hedda nahm dankend die kleine Flasche und ging zu Bett. Sie löschte das Licht, betete und zog das Federkissen hoch. Aber was nützte der Baldrian! Unerträglich war die Hitze, die die Wärmflasche ausströmte, und Hedda schob die Bettdecke wieder weit zurück. Dörthe hatte auch das Zimmer geheizt – gegen ihren ausdrücklichen Befehl. Es war nicht auszuhalten. Eine krause Gedankenflut durchwirbelte des Mädchens Kopf. Sie wollte sich beruhigen und zündete abermals das Licht an. Dabei fiel ihr Blick auf das Pastellbild über ihrem Bette; es stellte die verstorbene Mutter dar.

Ihre Augen wurden naß. ‚O du liebes Mütterchen, wenn du doch noch lebtest!‘ dachte sie. ‚Dir wollte ich sagen, wie mir’s ums Herz ist! Und du würdest auch Rat und Trost finden und würdest mir helfen und mich aufrichten in all meinem Gram. Ich weiß ja, wie unrecht ich tue, daß ich mich dem Papa gegenüber verschließe. Er liebt mich doch auch, aber er ist zu rauh, und er haßt – ihn. Und jedes Schmähwort gegen ihn ist mir wie ein Messerstich. Ich kann doch nicht anders ...‘

Sie hatte sich im Bette aufgerichtet und sprach so geraume Zeit in sich hinein. Dann fühlte sie einen leisen Frostschauer über ihre Schultern rinnen und kroch wieder unter die Decke. Mitten in der Nacht wachte sie auf. An den Fensterläden rüttelte und schüttelte es. Ein Sturm schien die schlafende Winternatur in Aufruhr bringen zu wollen. Der Wind pfiff; hin und wieder hörte Hedda auch das Geräusch eines losgerissenen und über das schräge Dach polternden Ziegelstückes. Aber sie hörte in ihrer erregten Phantasie noch mehr. Sie hörte sich rufen – klagend, schmerzend und schreiend. Und bald war es Gunthers Stimme, die nach ihr rief, bald die Stimme von Klaus. Mit zitternden Händen entzündete sie zum drittenmal das Licht. Der Baldrian stand noch immer auf dem Nachttisch. Aber was nützte der.


Der Sturm hatte gewaltig gehaust. Die Strohdächer der Kossätenhäuser unten im Dorfe sahen verstrobelt aus, als hätten Riesenfäuste sie zerzaust. Eine Anzahl Bäume war geknickt und entwurzelt worden. Den Schnee aber hatte die Windsbraut zu großen Haufen zusammengeweht, pyramidenförmig, hie und da auch in Schlangenlinien auseinandergequirlt und an den Stämmen und Wänden in die Höhe gebürstet, wo er dann in der Kälte der Morgenfrühe angefroren war und wunderliche Gebilde und Muster zeigte: schwere Spitzensäume und Lilien mit großen offenen Kelchen und tausendfach verschiedene Arabesken.

Auf dem Auschlosse war die Fahnenstange, die man vergessen hatte über Nacht zu kappen, gebrochen und auf die erste Terrasse geschleudert worden. Und dort hatte sie der Pomona den Kopf abgeschlagen, zum höchsten Ärger des Kommerzienrats, der in der hemdenlosen Göttin ein Symbol für die Notwendigkeit seines Geschäftsbetriebs sah.

Es war dies überhaupt ein Tag des Ärgers und der Niedergeschlagenheit. Um zwölf Uhr kam August vom Baronshofe und brachte einen Brief. Die Familie saß gerade beim zweiten Frühstück. August erhielt eine Mark, und der aufwartende Diener wurde hinausgeschickt. Dann erst erbrach der Kommerzienrat mit einer gewissen Feierlichkeit das Schreiben; voll ängstlicher Spannung hingen die Blicke von Frau und Sohn an seinen Zügen. Sie sahen, wie über die Stirn Schellheims während der raschen Lektüre eine Wolke flog. Dann zuckte er mit den Achseln und reichte Gunther den Brief.

„Kopf hoch behalten, mein Junge,“ sagte er dabei. „Noch ist nicht aller Tage Abend. Ich habe eine andre Antwort erhofft – nein, erwartet – trotzdem: es ist nichts gegen sie einzuwenden ...“

Gunther las: