Zernin selbst am allerwenigsten. Er war kurze Zeit vorher von Magdeburg eingetroffen, wo er eine langweilige Festungszeit verlebt hatte. Was aus ihm werden sollte, wußte er noch nicht. Vor Amerika graute ihm. Pfui Teufel, zum Kellner oder Hausknecht hatte er keine Anlagen!

Die Nacht vor dem Subhastationstermin schlief er schlecht. Er wachte zwanzigmal auf und wälzte sich von einer Seite zur andern. Alte Erinnerungen stürmten mächtig auf ihn ein – an Vergangenes, an seine Kindheit, an die Eltern. Es dämmerte grau durch die Ritzen der Fensterläden, als er wütend aufsprang. Es hielt ihn nicht mehr im Bette.

Er zündete ein Licht an und suchte nach einer Flasche Wein. Aber er fand keine. „Lotterwirtschaft,“ brummte er vor sich hin und stieg im Schlafrock und Morgenschuhen in das Souterrain hinab, um den Weinkeller zu durchstöbern.

Im Schlosse war es totenstill. Das ganze riesige Gebäude lag in tiefem Schlafe. Die Zimmer standen gähnend leer. Klaus hatte in seiner ewigen Geldnot verkauft, was loszuschlagen war; den Rest hatten die Gerichtsvollzieher geholt, während er in Magdeburg saß. Durch die öden Fenster glomm der trübe Morgen. Graue Schatten überall und noch nächtiges Dunkel in den Winkeln und Ecken. In dem großen Saale des Mittelbaues, in dem zur Johanniterzeit die Konvente abgehalten worden waren, stand kein Tisch und kein Stuhl mehr. Riesenhaft reckte sich an der einen Querwand der deckenhohe Sandsteinmantel des Kamins mit seinen schwarz gewordenen Wappenschildern. Selbst die alten Butzenscheiben waren ausgehoben und durch moderne Fensterflügel ersetzt worden ...

Klaus schloß den Weinkeller auf, einen riesigen, hochgewölbten Keller mit zahllosen Flaschenregalen an den Wänden, denn der alte Ministerpräsident hatte einen guten Tropfen geliebt. Aber auch hier sah es leer aus; Staub und Schmutz lagen zu Haufen umher, und Spinneweben bedeckten die Regale, in denen der Holzwurm tickte. Nur in einer Ecke waren dicht am Boden noch einige Reihen Flaschen aufgeschichtet, und aus diesen suchte Klaus sich eine aus. Er traf die richtige, einen vierundachtziger Pommery, von jenem wunderbaren Jahrgange, der sich bereits erschöpft hatte und selten zu werden begann. Und dann stieg er, die Flasche unter dem Arm, wieder die Treppen hinauf.

Sein in den Pantoffeln schlurrend wiederhallender Schritt war der einzige Laut, der sich hören ließ. An den Wänden des Treppenhauses zeigten sich große helle Flecken, von den alten Ölbildern herrührend, die hier einst gehangen hatten und von unbarmherzigen Gläubigern abgeholt worden waren. Nichts war geblieben. Die ganze Meute hatte die Festungszeit Zernins benutzt und sich in toller Hetzjagd auf Döbbernitz gestürzt. Selbst die letzten Andenken an den verstorbenen Ministerpräsidenten hatte man nicht verschont: Geschenke des alten Königs, des Kaisers Alexander von Rußland und andrer Potentaten. Die Bibliothek war entleert worden; man hatte Auktionen veranstaltet, und kostbare Widmungsexemplare, wie Lamartines Geschichte der Girondisten, die der Verfasser Friedrich von Zernin persönlich geschenkt, als dieser Gesandter in Paris gewesen, waren für wenige Groschen verschleudert worden. Das alte Schloß war wie ausgeraubt.

Klaus kehrte in sein Schlafzimmer zurück, entkorkte die Flasche, warf sich wieder auf das Bett und trank den Champagner aus dem Wasserglase, das auf seinem Nachttische stand. Auch eine Zigarre steckte er sich an, aber sie schmeckte ihm nicht. Er warf sie mitten in die teppichlose Stube.

Morgen kam Döbbernitz unter den Hammer. Übermorgen schon konnte ihn der neue Besitzer von Haus und Hof jagen. Wohin dann?! –

Ein ernster Zug glitt über das Gesicht Zernins. Er war wirklich am Ende; diesmal gab es keine Hilfe mehr – es war aus. Und zum ersten Male legte er sich die Frage vor: hätte es nicht anders kommen können?

Gewiß – aber dann hätte er arbeiten müssen. Sein Vater hatte ihm kein Barvermögen hinterlassen. Seine Dotation hatte der alte Minister in Döbbernitz gesteckt, seine hohen Gehälter verbraucht. Freilich, Döbbernitz konnte immerhin seinen Mann nähren, nur mußte man zu wirtschaften verstehen. Und davon war keine Rede bei Klaus. Er war noch aktiver Offizier, als sein Vater starb, und nun nahm er schleunigst den Abschied und setzte sich auf Döbbernitz fest. Schon der Minister war kein Landwirt gewesen und hatte mit einem ungeheuern Apparat gearbeitet, statt langsam und mit Beharrlichkeit den Boden zu gewinnen. Klaus ging noch stürmischer vor. Es hatte in der Tat den Anschein, als habe er keine Ahnung vom Werte des Geldes. Er kaufte eine Lokomobile, die er gar nicht brauchen konnte, und ungeheure Viehherden, für die nicht genügend Futter zu beschaffen war. Ein System verdrängte das andre; immer neue Inspektoren wurden herangezogen, und jeder kam auch mit neuen Ideen. Endlich gab ihm seine Neigung zum Sport den Rest. Er füllte seine Ställe mit edeln Pferden, die große Summen verschlangen; er versuchte es mit Züchtung, doch seine Mittel reichten nicht aus. Denn auch für seine Person verschwendete er mit vollen Händen, und in der angeborenen Gutherzigkeit, die sich gewöhnlich mit Leichtsinn zu paaren pflegt, ließ er sich auf allen Seiten bestehlen und betrügen. Und dabei konnte man ihm nicht gram sein. Seine persönliche Liebenswürdigkeit entzückte alle Welt, bis man es bei dem zunehmenden Verfall von Döbbernitz für nötig hielt, sich langsam zurückzuziehen.