Denn allmählich artete der Leichtsinn Zernins aus. Häßliche Geschichten kamen in Umlauf; es ging in rasendem Galopp bergab. Hin und wieder verlangsamte die Erinnerung an den großen Vater das Tempo des Niedergangs ein wenig. Ein Prinz des Königshauses half einmal aus, als der Subhastationstermin für Döbbernitz schon angesetzt war; reiche Verwandte, hohe Freunde des Verstorbenen, selbst der König wurden angebettelt. Und fast alle gaben, mehr oder weniger, aber es verrann rasch im großen Strome; nichts konnte den rollenden Stein aufhalten.
Und nun stand endlich der Untergang vor der Tür. Noch vor einigen Monaten hatte sich Klaus eine helfende Hand geboten – damals, als Kommerzienrat Schellheim ihn für seine Unternehmungen gewinnen wollte. Das törichte Duell mit dem dicken Biese war dazwischen gekommen. Jetzt konnte man Schellheim höchstens daraufhin anpumpen, daß man sich für seine Ehre ins Zeug gelegt und auf die Festung hatte schicken lassen. Aber eine Hilfe für die Dauer war’s nicht. Und auch die Heiratspläne – das reiche Judenmädel, das irgendwo für ihn aufgetrieben werden sollte – der Schwiegervater, der sich in aller Eile mittaufen lassen wollte – all das war vorüber. Klaus wußte, weshalb; eine riesige schwarze Fledermaus strich von nun ab durch sein Leben, mit weiten, weiten Schwingen, die immer gigantischer wuchsen und immer mächtigeren Schatten warfen, bis sie ihn ganz mit Nacht umhüllten. Das war die Schande.
Klaus schauerte zusammen. Wie eine kalte Totenhand strich es über seine Stirn. Eisiger Schweiß perlte aus seinen Poren. Er stürzte das letzte Glas Sekt in die Kehle und sprang aus dem Bette, eilte zum Fenster und stieß die Läden auf. Nun war es Tag geworden. Der Himmel glühte, und die Lohe des Frührots schlug bis über die Zinnen des Schlosses empor.
Die Fenster des Schlafzimmers führten nach dem Wirtschaftshof hinaus, wo sonst um diese Zeit bereits reges Leben herrschte, das Leben morgenfröhlicher Arbeit. Aber hier war es stumm und öde wie im Schlosse selbst. Ein barfüßiges Mädel mit schwarzem Krauskopf stand am Brunnen und pumpte einen Eimer voll Wasser – seine einzige Bedienung. Alles war geflüchtet und, mit gierigen Händen das Letzte zusammenraffend, was da und dort noch zu stehlen war, auf und davon gelaufen. Nur die Jule war geblieben. Ihre jugendliche Frische hatte ihn gereizt, und sie war ihm für seine flüchtige Gunst dankbar geblieben. Sie besorgte auch den letzten Gaul, der im Stalle stand, den alten Christian, einen Rappen, der mit den Jahren eine völlig graue Mähne bekommen hatte, so grau wie das Haar eines Greises. Es war merkwürdig genug, daß sich die Wut der Gläubiger nicht auch an diesem alten Tier vergriffen, da sie sonst alles genommen hatten, was stand und lag.
Als Jule das Fenster klirren hörte, fuhr sie erschreckt in die Höhe.
„Herrje, Herr Baron!“ rief sie hinauf. „So früh schon?! – Ich komme gleich ’rauf, den Kaffee machen!“
„Laß nur!“ gab er zur Antwort. „Ich will nichts! Aber lege den Sattel auf – vielleicht reit’ ich aus!“
Sie war sehr erstaunt. Wenn nur der Christian die Last noch tragen konnte! Seit sechs Monaten stand er unbenutzt im Stall und wurde immer dürrer, obwohl sie überall für ihn Futter stahl.
Klaus kleidete sich in Eile an und stürmte hinaus in den Park. Er fühlte, daß er nervös war – es war ihm immer, als sei jemand hinter ihm. Er wollte auch Luft haben, und er lief mit geöffnetem Munde, wie ein Asthmatischer, in raschen Schritten durch die Gänge des Parks. Jahrelange Verwilderung hatte diesem herrlichen Fleckchen Erde nicht seine zauberischen Reize rauben können. Nur war es kein Garten mehr mit Alleen und Rundells und Rosenbeeten und zierlichen Bosketts, sondern ein Wald, ein Meer von Laub, das sich über wuchernden Grasflächen ausbreitete, über zerfallene Statuen seinen grünen Mantel hing und seine Schleppen bis tief hinein in das rostig schimmernde Wasser des Weihers tauchte. Die Wege waren kaum noch erkennbar, verwachsen und vom Buschwerk eingeengt, und das große Rosenparterre glich einer blühenden Wildnis, durch deren farbenglühendes Dickicht man nicht mehr durchzukommen vermochte. Auf den Grasplätzen unterschied man noch die Blumenrabatten, mächtig treibende Hyacinthen, Violen und Pelargonien, bunte Flecken im Grün, doch auch von dichtem Unkraut durchwuchert, das seine Kreise immer weiter zog.
Zernin stürmte an den Treibhäusern vorüber, deren Fenster zertrümmert waren, und in deren Innerem die Vögel nisteten. Was wollte er eigentlich? Ja so – ausreiten! Das war ein guter Gedanke! Noch einmal seine verwüstete Besitzung durchqueren – lebewohl sagen – und dann zurück! Oben lagen seine Pistolen.