Wieder durchschauerte es ihn kalt – und es war so heiß dabei, so heiß. Er riß seine Weste auf und schob sich den Flauschhut weit aus der Stirn. Im Hofe stand schon die Jule und hielt den Christian mit hocherhobenen Händen an der Kinnkette fest.

Klaus schwang sich in den Sattel, und als er in die schwarzen Augen der Jule sah, griff er in die Tasche, warf ihr einen Taler zu und rief:

„Mach dir mal heute einen vergnügten Tag, Jule – ich bin auch lustig!“

Und dann sprengte er kopfnickend davon. Nicht durch das Dorf, denn er scheute den Anblick der Leute, sondern hinten herum, an der Schleuse vorüber, wo er den alten Fischer traf, der ehrerbietig die Mütze zog. Dem Christian kam die ungewohnt lebhafte Bewegung anfänglich sauer an; die müden Knochen wollten nicht mehr recht vorwärts, aber Klaus nahm keine Rücksichten. Im Trabe und im Galopp ging es dem Walde zu, daß der Rappe bald schaumübergossen war. Erst als Tannen und Birken ihn umfingen und Schatten über den Weg fielen, zügelte Zernin den Gaul.

Es war ein Wunder, daß der Wald noch stand. Das Majoratsgesetz hatte ihn geschützt und die Ritterschaftsbank ihn unter besondere Verwaltung genommen, sonst wäre sicher auch er gefallen. Geplündert war er genügend worden; überall sah man durch klaffende Lichtungen und auf weite Halden, wo zwischen grünen Farnkräutern, Ginster und Blaubeerbüschen die Baumstümpfe hervorlugten.

Dann ging es am Saume der Wiesenniederung entlang. Die hatte Klaus, als sein Viehbestand immer mehr zusammenschmolz, an kleine Leute verpachtet, und man war derzeit eifrig mit der Heuernte beschäftigt. Zernin legte wieder die Schenkel an und ließ den Christian in Galopp fallen; die Leute auf den Wiesen blieben stehen und schauten dem vorüberrasenden Reiter nach.

Weiter und weiter! Quer über die Felder, auf denen die Bestellung längst aufgehört hatte, Unkraut schoß überall empor, die Quecken hatten ausgeschlagen und überzogen die braune Erde mit ihrem grünen Gespinst. Eine mächtige Fläche von vielleicht zweihundert Morgen sah wie eine Prärie aus; hier wimmelte es von Hasen, und Trappen flogen in ganzen Schwärmen zum Himmel auf. Der Rest einer Pflugschar hatte sich im Sande eingewühlt, und auf dem verrosteten Eisen saß ein dicker Spatz.

Ein Ekelempfinden überkam Klaus angesichts dieser Wüsteneien. Seit fast zwei Jahren war er nicht auf den Feldern gewesen. Wozu auch? Löhne bezahlte er nicht mehr; Tagelöhner und Arbeiter liefen ihm davon; an eine geregelte Bestellung war nicht zu denken. Da ließ man schon alles liegen, wie es war. Nun aber, beim Anblick des grenzenlosen Elends, dem er sein Stück Erde ausgesetzt hatte, schlich sich doch das Grauen in sein Herz. Er dachte an die Zeiten zurück, da er Döbbernitz übernommen hatte, an den blühenden Stand seiner Felder, die blonde Flut der Saaten, die ersten Ernten – zweifellos, er hätte seinen Besitz schon festhalten und auch gegen die Mißgunst schlechter Jahre verteidigen können, wenn ...

Ja – wenn! Wozu sich noch Vorwürfe machen, wozu grübeln – es war ja doch alles vorbei! Und mit gesenktem Haupte ritt er weiter und merkte es kaum, daß abermals der Wald über ihm zu rauschen begann.

Er war im königlichen Forst, nahe dem Seeufer und jener Stelle an der Försterei, wo er damals Abschied von Hedda genommen, wo sie beide „vernünftig“ miteinander gesprochen hatten. Sicher – an der Seite eines so tapferen Kameraden hätte aus ihm immer noch etwas werden können; sie würde ihn gestützt und gehalten haben, denn sie war ein starkes Weib, und ihre maikühle Verständigkeit hätte wohl seinen Leichtsinn und seinen tollen Übermut zu wahren vermocht. Ach, auch das war vorbei! Die riesige schwarze Fledermaus, die durch sein Leben strich, fing mit ihren stetig wachsenden Flügeln die Sonne auf. Sie leuchtete ihm nicht mehr.