„Warum ist dies Gefühl der Scham nicht früher über dich gekommen, Klaus?“ sagte sie in mehr klagendem als anklagendem Tone. „Herrgott, was hättest du dir und uns ersparen können! Ich habe mich oft genug gefragt: wie ist all das möglich gewesen? Ich habe mir nicht zu antworten vermocht. Nein – denn du übernahmst Döbbernitz doch in geordnetem Zustande, und du gingst mit guten Vorsätzen in den neuen Beruf! Du magst leichtsinnig gewesen sein – aber wie konnte nur so rasch alles über dir zusammenprasseln, im Laufe weniger Jahre? Ich begreife das nicht, habe es nie begriffen!“
Er nagte an einem abgerissenen Grashalm und zuckte dabei mit den Schultern.
„Ich auch nicht,“ erwiderte er. „Ganz gewiß, Hedda, es geht mir wie dir – ich habe von diesen letzten Jahren nur noch so eine Art Traumempfinden. Es rollte wie eine Lawine über mich herab und begrub mich. Natürlich bin ich selber schuld – ich verteidige mich auch nicht – ich klage nicht einmal. Aber gehabt habe ich von meinem Leichtsinn nicht so viel!“
Er schnippte mit den Fingern.
„Nein – nicht so viel! Es war im Grunde genommen ein klägliches Amüsement. Wenn ich mein Geld in Monte Carlo verloren oder in Paris verjubelt hätte – es wäre hundertmal vernünftiger gewesen. Aber ich habe nur blödsinnige Geschichten getrieben – die Pferdezucht, die Viehankäufe, die Trinkgelage und Spielabende – die Rennen und die ewigen Reisen nach Berlin – mir steigt ein schales Gefühl auf, wenn ich an all den Unsinn zurückdenke. Aber ich muß die Suppe ausessen, die ich mir eingebrockt habe.“ – Und wieder zuckte er mit den Schultern.
Hedda hatte die Ellbogen auf die Kniee und das Kinn in die Hände gestützt. So schaute sie zu ihm hinab, zu dem halt- und charakterlosen Menschen, den sie so toll geliebt hatte, daß sie nahe daran gewesen war, um seinetwillen eine große, große Dummheit zu begehen. Die Vernunft hatte gesiegt und siegte noch, denn sie fühlte wohl, daß es für diese erste flammende Liebe, für dieses Frühlingsgewitter, unter dessen Schauern sie zum Weibe gereift war, kein Vergessen gab. Aber sie hielt sich in Schach. Er sollte nicht spüren, wie rasch ihr Herz in seiner Nähe klopfte.
„Und was wird nun?“ fragte sie.
„Was soll werden?“ lachte Klaus häßlich auf. „Weißt du, was man mit einem Gaule macht, der auf der Rennbahn zusammengebrochen ist und nicht mehr weiter kann? – Man schießt das arme Biest tot.“
Sie starrte ihn an. Sprach er von Selbstmord? – Nein – daran glaubte sie nicht. Er hätte längst seine Kugel finden müssen.
„Hedda, was soll ich denn noch auf der Welt?“ fuhr er fort. „Wozu törichte Illusionen? Ich kann nichts anfangen. Hier gar nichts – und mich drüben in Amerika mühselig durchs Dasein schleppen, Steine tragen und Biergläser füllen – lieber quittier’ ich schon mit dem Leben!“