Nun sprang sie erregt empor.

„Du sprachst von Scham, Klaus,“ rief sie, „aber bei Gott, du kennst sie nicht! Du würdest sonst anders sprechen! Begreifst du nicht, wie niedrig dein Standpunkt ist? Wie unsittlich dein ganzes Gehaben? Du siehst selber ein, daß du dich durch eigne Schuld ruiniert hast, und du bist zu feige, dir ein neues Leben zu schaffen!“

„Zu feige – ganz recht,“ sagte er und erhob sich gleichfalls. „Aber ich glaube, ich habe nie Mut besessen. Ich fürchte mich vor der Arbeit – wenigstens vor der, die mir drüben winkt – vor der schmutzigen Arbeit im Kot der Gassen, den Handlangerdiensten. Wäre ich weniger Herrenmensch und mehr Bedientennatur – vielleicht würd’ ich mich fügen. So kann ich es nicht – ich kann es nicht!“

Ihr Herz flog förmlich. Alles in ihr war in Aufruhr. Ihre Wangen flammten und auch über ihre Stirn, bis zu den Haarwurzeln, ergoß sich die Röte des Zorns und der Scham. Ja auch der Scham, denn für ihn schämte sie sich. Er rühmte sich seiner Herrennatur, und doch war alles Edelmännische längst in ihm erstorben. Er suchte den Tod, weil das Leben ihm nichts mehr zu bieten hatte als – Arbeit.

Es war wahnsinnig, so mutlos zu flüchten. Zittern und Angst ergriff sie, und die zärtliche Sorge um ihn wich der Scham und Entrüstung. Sie sah schon die Wunde an seiner Schläfe, das runde Kugelloch, aus dem langsam das Blut sickerte, und hörte die Welt verachtungsvoll ihr letztes Urteil über den Verkommenen fällen: das hatte man gewußt und erwartet – Selbstmord – das Ende jedes Elenden!

Sie trat vor ihn hin und nahm seine Hände.

„Klaus,“ begann sie mit bebender Stimme, „denkst du nicht an dich selbst, so denke zurück – an deinen großen Vater und deine liebe, gütige Mutter. An alle deine Vorfahren, deren Andenken du beschimpfst, an die Ehre deines Namens, die du durch feigen Selbstmord unauslöschlich befleckst. Man kann irren und fehlen, soll aber wieder gut zu machen versuchen – das ist die Tapferkeit, die das Leben von uns allen fordert. Du bist leichtsinnig gewesen, hast doch aber kein Verbrechen begangen, das dich zum Tode verurteilt! Und du bist auch noch jung, bist kraftvoll und rüstig, voller reicher Gaben – du wirst dich wieder aufraffen können – – ich bitte dich, Klaus – lieber Klaus!“

Ihre Stimme erstickte. Es quoll glühend heiß in ihr empor; ihre Hände zuckten zwischen seinen Fingern.

Klaus war fahl geworden, als sie von der Ehre seines Namens sprach. ‚Wenn du wüßtest!‘ schrie es in ihm auf. Und dann sah er hinter dem Tränenflor ihrer Augen die alte Liebe leuchten, die er durch die Schmach seines Wandels beschimpft und niedergetreten hatte, und die nicht ersterben wollte – die erste heiße Liebe ihres jungen Herzens, die ihr ganzes Innenleben durchtobt und aufgewühlt hatte und auch im Entsagen noch haften blieb. Das ließ ihn alles andre vergessen und durchströmte ihn mit einem Rausch wilden Entzückens. Mit starker Hand riß er sie an seine Brust und bedeckte ihr Antlitz mit stürmischen Küssen.

„Du liebst mich noch – du liebst mich noch!“ schluchzte und jubelte er. Und sie ließ ihn gewähren. Eine rein physische Schwäche hatte sich ihrer bemächtigt, das Gefühl einer Ohnmachtsanwandlung. Sie hing hilflos in seinen Armen. Das Rauschen des Waldes klang wie Harfenschlag an ihr Ohr und wie feierlicher, volltöniger Gesang. Seine Küsse aber brannten auf ihren Lippen und Wangen und loderten in ihre Seele hinein.