Mit schwerem Aufatmen riß sie sich los.
„Laß mich!“
Sie strich sich über Stirn und Haare und befestigte den Hut von neuem, der ihr vom Scheitel geglitten war. Noch schimmerte helle Röte auf ihren Wangen, aber sie war doch wieder Herrin über sich selbst geworden, wenn auch große Tränen in ihren Augen standen.
„Ich liebe dich noch,“ sagte sie mit fester Stimme, „nun ja – was will das bedeuten? Angehören können wir uns nie, und wenn du mir sagen wolltest: komm mit mir nach Amerika – ich würde mit Nein antworten. Nicht weil mir’s an Mut gebricht, ein ungewisses Los mit dir zu teilen, sondern weil ich meine Liebe zu dir bekämpfen will!“
Da sank er, empfindend wie klein er war und wie schwach dieser kernigen Mädchennatur gegenüber, zu ihren Füßen nieder und preßte ihre Kleider an sein Gesicht. Er weinte, und in diesem Augenblick waren es ehrliche Tränen, die er über sein verpfuschtes und verlorenes Leben vergoß.
„O Hedda!“ rief er, „warum konnten wir uns nicht schon vor fünf Jahren finden? Du hättest mich retten können, und alles wäre anders geworden!“
Ja – vor fünf Jahren! Er konnte recht haben. Wenn sie über ihn gewacht hätte, vielleicht wären dann alle die guten Keime, die in ihm schlummerten, zu Blumen erblüht und das Unkraut verdorrt. Vielleicht! –
Sie hob ihn auf.
„Es hat nicht sollen sein,“ sagte sie. „Was hilft uns die Reue? Wir hätten stark sein müssen – heut ist es zu spät. Und doch, ich segne auch diese Stunde. Daß wir uns immer noch lieb haben, weist uns die Wege. Nicht sterben wollen wir, sondern am Leben bleiben und uns einander wert halten. Gib mir deine Hand, Klaus, und versprich mir, daß du die Pistole liegen lassen willst. Versprich mir, daß du ein neues Dasein beginnen willst! Du kannst es, wenn du aus Liebe zu mir dein Herrenbewußtsein unterdrückst, wenn du dich ‚erniedrigst‘. Tu es; greife zur Arbeit, wo du sie findest; es schändet dich nicht, wenn deine Hände blutrünstig werden in harter Fron. Wandre aus und schaff dir anderwärts Stellung! Ich will unablässig an dich denken und beten für dich. Werde ein Mann!“
Gerade dies: „Werde ein Mann!“ klang tief in das Herz des Schwächlings – nicht wie eine harte Mahnung, sondern wie ein willkommener, erlösender Ostergruß. Er nickte zuversichtlich und mit fast frohem Lächeln.