Der Kommerzienrat entfaltete eine angestrengte Tätigkeit. Anfänglich hatte er die Sache mit dem neuen Bade gewissermaßen nur als Unterhaltung, als Abwechslung in die Hand genommen. Aber sein Interesse wuchs, je mehr Kapitalien er dem Unternehmen opferte. Albert Möller und er betrachteten sich immer noch mit heimlichem Mißtrauen. Jeder von ihnen hatte das Empfinden, als warte der andre nur auf den geeigneten Augenblick, ihn übers Ohr zu hauen. Sie gingen Hand in Hand und waren doch Todfeinde. Und dabei wußten beide, daß sie ohne einander gar nicht auskommen konnten. Sie waren wie Sklaven zusammengekettet oder wie die zänkischen Weiber, die man im Mittelalter mit Hals und Händen in die „Geige“ spannte.

Übrigens sehnte sich Schellheim gerade in dieser Zeit mehr als je nach zerstreuender Arbeit. Hagen machte ihm schwere Sorgen. Dieser tolle Junge hatte rund heraus erklärt, er sei bereit, von der Leitung der Firma zurückzutreten und sich auf sein Pflichtteil setzen zu lassen, aber von seiner Liebe zu der kleinen, blonden Stepperin könne man ihn nicht abbringen. Er werde sie unbedingt heiraten. Der Rat fuhr nach Berlin, Hagen selbst ins Gebet zu nehmen. Doch der blieb fest; alle Gründe, die sein Vater gegen diese unsinnige Heirat ins Gefecht führte, fruchteten nichts. Zähneknirschend entschloß sich Schellheim zu brutaleren Mitteln. Er suchte die Eltern der Anna Zell auf. Der Alte war Straßenbahnschaffner, seine Frau übernahm Aufwartungen, Anna war das fünfte von sieben Kindern. Der Rat seufzte auf, als er die zahlreiche Familie sah, die er mit in den Kauf nehmen sollte. War es denn denkbar!? Dieser Hagen, sein ganzer Stolz, nicht nur ein tüchtiger Kaufmann, sondern auch durchaus Gentleman mit seiner Vorliebe für Theaterpremieren, elegante Krawatten und kleine Soupers – gerade der wollte ihm die Schande bereiten, tief unter seinem Stande zu heiraten! Schellheim fand übrigens, daß die alten Zells ganz vernünftige Leute seien. Sie wußten auf der Stelle, wohinaus er wollte, aber sie hatten ihrer Anna nichts mehr zu befehlen, denn diese war mündig und selbständig. Hagen hatte sie bereits aus dem Elternhause wie aus der Fabrik genommen und in einer Pension in der Potsdamerstraße untergebracht. Auch an sie wandte sich der Rat. Das schüchterne kleine Persönchen war gut instruiert worden. Sie stürzte Schellheim sofort zu Füßen, küßte seine Hände, weinte, bat und flehte und fiel schließlich in Ohnmacht. Voller Erregung reiste Schellheim wieder ab.

Gunther war als Gast auf dem Auberge. Er hatte soeben seine Manöverübung beendet und kehrte sonnengebräunt, frisch und gesund aussehend, zu den Eltern zurück. Seine große Arbeit war bereits im Druck; im Oktober sollte sie erscheinen.

Da er seit drei Vierteljahren nicht in Oberlemmingen gewesen war, so interessierten ihn die Veränderungen im Ort naturgemäß sehr. Sehr entrüstet war der Kommerzienrat über die anscheinende Gleichgültigkeit, mit der Gunther die Heiratspläne seines Bruders aufnahm.

„Ich muß dir gestehen, Vater,“ sagte er zu Schellheim, als die Rede auf Hagen und seine blonde Liebe kam, „daß ich das Hagen eigentlich gar nicht zugetraut hätte. Im Grunde genommen freut es mich, daß er sein Herz sprechen läßt – ah, rege dich nicht auf, Papa, ich sage ja nur im Grunde genommen. Du kennst mich. Ich würde auch nur aus Neigung heiraten; allerdings muß ich hinzufügen, daß sich meine Heiratsneigungen sicher nach andern gesellschaftlichen Richtungen hin bewegen als diejenigen Hagens. Doch das ist lediglich eine Folge angeborenen Geschmacks, um mich gelehrt auszudrücken, das Produkt einer gewissen soziologischen Ästhetik. Ich würde wohl nie dazu kommen, mich in eine Anna Zell zu verlieben, und daher auch nie auf den Gedanken verfallen, besagte Anna heiraten zu wollen, die ich hier natürlich nicht als Person, sondern nur als Typus aufstelle.“

„Schön,“ meinte der Rat, „das bist du – aber was mache ich nun mit dem Hagen? Muß er denn zum Donnerwetter vom Fleck weg heiraten? Kann es nicht bei der Liebelei bleiben, bis sie so sachte versandet und verblutet ist? Man braucht nicht gleich an chinesischen Kastengeist und an die Mandarinenknöpfe zu denken und kann doch der Ansicht sein, daß man im Leben über bestimmte gesellschaftliche Unterschiede nicht recht fortkommt!“

Gunther nickte. „Richtig, Papa,“ antwortete er, „so hat leider auch der Baron von Hellstern gedacht –“

Aber der Rat fiel ihm ärgerlich ins Wort:

„Ach was – das waren ganz andere Verhältnisse! Ich bitte dich, wie kannst du das nur vergleichen?“

„Die Ähnlichkeit liegt auf der Hand. Aber streiten wir nicht darüber. Wenn Hagen fest bleibt, wirst du dich fügen müssen. Denn ich nehme nicht an, daß du wegen der Mesalliance – man hört dies Wort übrigens gar nicht mehr, was ich als Beweis dafür auffassen möchte, daß wir doch langsam einer freieren und edleren Beurteilung des Wesens der Liebe entgegenschreiten –, also, ich nehme nicht an, daß du Hagen wegen seiner Herzensaffäre verstoßen und enterben wirst. Abgesehen davon, daß er dies wahrhaftig nicht verdienen würde – wer soll das Geschäft weiterführen?“