„Das ist es ja eben, Gunther! Hagen ist mir unentbehrlich. Er ist eine kaufmännische Kraft ersten Ranges, eine wahre Rechenmaschine – und dann seine glückliche Hand! Aber trotzdem – Straßenbahnschaffner – es ist gräßlich!“
Ein leichtes, etwas bitteres Lächeln flog um Gunthers Lippen: „Denke mal: wenn Hellstern sich damals ähnlich ausgedrückt hätte! – ‚Hemdenfritze – es ist gräßlich!‘ Pardon, Papa, – wer viel über Büchern sitzt, der kommt zuweilen auf merkwürdige Gedanken. Aber bleiben wir beim Thema! Geschäftlich könnte Hagens Heirat euch doch nicht schädigen?“
„Gott bewahre – das Geschäft hat gar nichts damit zu tun.“
„Nun, dann würde ich dir raten: laß dir die Geschichte nicht allzu sorgenvoll durch den Kopf gehen! Warte ab; vielleicht besinnt sich Hagen doch noch eines andern. Jedenfalls opponiere nicht allzu heftig; du stärkst nur den Widerstand.“
Schellheim stand auf. „Ich verstehe nur nicht, daß dich die ganze Sache so gleichgültig läßt,“ sagte er. „Es handelt sich doch um deinen Bruder!“
Auch Gunther erhob sich. „Gleichgültig ist zu viel gesagt, Papa. Meinem innersten Empfinden nach hätte ich mir auch eine andre Partie für Hagen gewünscht. Aber ich würde niemals versuchen, seinem Glück in den Weg zu treten – selbst wenn ich fürchten müßte, es handle sich nur um ein eingebildetes Glück.... Jetzt will ich den Pastor besuchen ...“
Er traf Eycken nicht zu Hause, doch sagte man ihm, daß der Pastor „auf dem Bauplatze“ sei. Das war die Lichtung in der Tannenschonung, wo das Kinderasyl im Entstehen war.
Der Herbsttag war nicht allzu freundlich. Ein kräftiger Wind wehte von den Bergen herab, so daß die Bäume sich neigten und ihr buntes Laub abschüttelten. Der Wind griff es auf und drehte es zu Wirbeln zusammen, quirlte es in langen Schraubenwindungen hoch in die Luft und ließ es hier zerflattern, so daß es abermals wie ein farbiger Regen herabfiel, um dann wiederum zum Spiel des Sturmes zu werden. Aber dieser lustige Wind hatte auch sein Gutes; er hatte die Regenpfützen vom Tag vorher aufgesogen und die Nässe des Bodens getrocknet. Es marschierte sich gut trotz des rauhen Atmens der Natur.
Gunther schritt rasch durch das Dorf, mit lebhaften Augen umherspähend. Die letzten Sommergäste waren noch nicht abgezogen. Ein paar Damen begegneten ihm, ein älterer Herr im Rollstuhl, den ein Diener vor sich her schob, ein junges Mädchen, zwei Kinder an der Hand, und auch der „Badekommissar“. Er war von Schellheim provisorisch angestellt worden, ein Major a. D. mit schönem, graublondem Schnurrbart und verbindlichem Wesen. Der Kommissar grüßte Gunther, obwohl er ihn nicht kannte, er hielt sich für verpflichtet, jeden Fremden zu grüßen, den er traf. Im Hause Braumüllers hatte Bertold Möller schon Einzug gehalten; aber vor den glänzenden Spiegelscheiben der Schaufenster lagen noch die Rouleaux. Vom Kurpark herüber trieb der Wind das Laub in ungeheuren Massen und häufte es in den Chausseegräben auf. Ein paar Arbeiter waren dabei, den Lawn-Tennis-Platz zu säubern, andre errichteten auf der Südseite des Platzes hinter den Ahornbäumen ein langgestrecktes, niederes Gebäude, das zu Verkaufsbuden verpachtet werden sollte.
Die flatternde Fahne mit dem Johanniterkreuz wies Gunther den Weg. Das Kinderhospital war bis zum zweiten Stockwerk gediehen; man hoffte, mit Dachung und Ausbau noch vor Beginn der Frosttage fertig zu werden. Eycken besuchte täglich den Bauplatz. Er ging auf in diesem Liebeswerk, und Herz und Seele schienen in ihm wieder jung werden zu wollen. Selbstverständlich überschritten die Kosten schon jetzt den Anschlag, aber Eycken machte das wenig Kummer. Er wollte nicht sparen – für wen auch? So stieg dieser Palast der armen Kleinen schön und stattlich in die Höhe, mit breiten Fensterfluchten und luftigen Sälen und Zimmern, gewissermaßen ein Stein gewordener Protest gegen die spekulativen Zukunftsideen, die weiter unten im Tale den neuen Kurort Oberlemmingen ins Leben gerufen hatten.