Gunther sah neben Eycken Hedda stehen. Einen Augenblick stockte sein Fuß; er war im Begriff, umzukehren. Aber schon im nächsten Moment schalt er sich einen Toren. Weshalb flüchten? Mußte er nicht im Gegenteil dem Zufall dankbar sein, der ihn hier mit ihr zusammenführte?

Der Pastor hatte ihn schon gesehen.

„I, ist das nicht –“ und dann zog er seinen breitkrempigen Demokratenhut und winkte mit beiden Händen grüßend zu Gunther hinüber.

Auch Hedda nickte ihm zu, ohne Verlegenheit und Verschüchterung, mit freundlichem Lächeln, und bot ihm die Hand, als er näher trat; er selbst aber errötete und kam sich sehr linkisch vor. Selbst die Verbeugung, die er machte, erschien ihm lächerlich.

Die Unterhaltung wechselte rasch. Von den neu entdeckten Faustgeschichten Gunthers ging man zu dem Kinderasyl über, für das Hedda ein ebenso warmes Interesse bekundete wie der Pastor. Sie war wieder täglicher Gast im Pfarrhause und begleitete ihn auf den Bauplatz, sobald sie sich einmal von ihrem Vater frei machen konnte, der immer grämlicher und mürrischer wurde. Er schimpfte nun auch auf Eycken; der Pastor wollte für seine Gründung elektrisches Licht haben, und die Badedirektion schloß sich an. Die Sache war nicht so gefährlich, da man in unmittelbarer Nähe bei den Grunower Mühlen starke Wasserkräfte zur Verfügung hatte. Aber Hellstern brachte gerade diesem hellen und grellen Lichte einen förmlichen Haß entgegen. Er klagte darüber, daß er sein liebes Dorf nie wieder im sanften Lullen der sinkenden Dämmerung sehen würde; selbst bis in seinen Park hinein würden die weißen Lichtstrahlen fallen. Man „vergraulte“ und „verekelte“ ihm geflissentlich den Baronshof. Er schwor Hedda zu, daß er sein Zimmer überhaupt nicht mehr verlassen würde, murrte und räsonierte stundenlang, um das arme Mädchen dann plötzlich wieder an seine Brust zu reißen und durch einen stürmischen Kuß zu versöhnen.

Eycken führte Gunther durch seinen neuen Bau. Es war wirklich nicht gespart worden. Die ganze Anlage zeugte von Zweckmäßigkeit und Gediegenheit; Luft und Licht war die Parole gewesen. Dem Hauptbau sollten sich die notwendigen Nebengebäude anschließen, dann die Ausgestaltung des Gartens mitten in der würzigen und kräftigenden Luft des Tannenwaldes in Angriff genommen werden. Der Pfarrer erläuterte Gunther alles das mit seiner lebhaften, von der Begeisterung für das Gute getragenen Beredsamkeit. Die klaren Augen in dem schönen Greisenantlitz leuchteten dabei wie in heiligem apostolischem Feuer, und Eycken war auch ein Apostel – der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit.

Als man gemeinsam nach dem Dorfe zurückkehrte, lenkte Gunther das Gespräch auf Döbbernitz. Mit Absicht; die erstaunliche Tatsache, daß der schwedische Hellstjern den Zerninschen Besitz gekauft, hatte ihn mit neuer Unruhe erfüllt. Denn noch hatte er nicht alle seine Hoffnungen begraben. Seine Liebe zu Hedda und die bewundernde Anbetung, die er ihr entgegenbrachte, war die alte geblieben; er fand sie schöner als je und sah auf ihrem stolzen Mädchengesicht einen Ausdruck von Vergeistigung und träumerischem Sinnen, der ihm früher nicht aufgefallen war und sie zu verklären schien.

Hedda erzählte in ruhigem Ton das Neueste über Döbbernitz. Klaus von Zernin war verschwunden; irgend jemand wollte ihn in Monte Carlo gesehen haben. Auf Döbbernitz aber regten sich seit Wochen viele hundert fleißige Hände. Baron Hellstjern hatte sich selbst merkwürdigerweise noch gar nicht gezeigt; an seiner Statt schaltete mit unbeschränkter Vollmacht ein Administrator, den Heddas Vater Axel empfohlen hatte. Es war der ehemalige Oberinspektor des alten Zernin, ein Mann, der die Verhältnisse auf Döbbernitz auf das genaueste kannte, voll Zuverlässigkeit und rüstigem Fleiß, eine erstklassige Kraft. Und eine solche brauchte man. Es war keine Kleinigkeit, dies verwüstete Land wieder ertragsfähig zu gestalten. Man mußte sozusagen von vorn anfangen, denn auch vom Inventar war nichts zurückgeblieben; lebendes und totes, bis auf die letzte Kuh und den letzten, schon verrosteten Pflug war verkauft oder gepfändet und verauktioniert worden.

Und während das Land von neuem beackert wurde und aus den tiefen Furchen, die den Boden zerrissen, ein frischer Odem von Lebensfähigkeit aufstieg, wie ein Ahnen kommenden Keimens, trafen im Schloßhofe große Möbelwagen ein, um zunächst dem Mittelbau wieder eine behagliche Wohnlichkeit zu geben. Auch diese Einrichtung überließ Hellstjern fremden Händen; er hatte an den Ohm auf dem Baronshof geschrieben, er habe zurzeit zu viel zu tun, um sich um all diese Dinge kümmern zu können. Die Wahrheit war, daß er sich zu einer ernstlichen Kur entschlossen hatte; der abscheuliche Husten, der seine ganze Konstitution zu erschüttern drohte, mußte einmal fortgeschafft werden.

Gunther hörte mit reger Aufmerksamkeit der Erzählenden zu. Er meinte, er sei recht froh, daß Baron Hellstjern seinem Vater zuvorgekommen sei. Seit der Vater die Leitung der Fabriken abgegeben habe, sei er von fieberhafter Unruhe gepackt, überall wolle er sich beteiligen. Und dann sprach Gunther ganz harmlos von den Heiratsplänen Hagens, die dem Vater so viel Ärger bereiteten. Er tat dies mit Absicht, trotz der anscheinenden Harmlosigkeit; er wollte Hedda auf diesen neuen plebejischen Einbruch in seine Familie vorbereiten, war auch begierig, was sie dazu sagen würde.