Aber sie enthielt sich des Urteils und bemerkte nur, daß sie die Aufregung und die Abwehr des Kommerzienrats begreifen könne, denn zweifellos sei die beabsichtigte Heirat Hagens ein „Tiefersteigen“. Eycken war nicht dieser Ansicht, suchte wenigstens den gesellschaftlichen Abfall des grimmen Hagen zu beschönigen und zu entschuldigen; in der Liebe zum andern Geschlecht gäbe es keine Dummheiten, oder aber diese ganze Liebe sei Dummheit. Im übrigen steige Hagen seiner Meinung nach keineswegs „hinab“, sondern zöge höchstens sein Mädchen „herauf“.

Vor dem Parktore des Baronshofes trennte man sich. Hedda bat um den Besuch Gunthers und dieser sagte mit tiefer Verneigung zu.

Der Baron saß wie gewöhnlich bei seiner Familiengeschichte. Er steckte mitten im achtzehnten Jahrhundert; das Lateinische und Schwedische war dem Französischen gewichen. Aber auch bei diesem verschnörkelten alten Französisch fehlten ihm häufig Vokabeln und sinnverwandte Ausdrücke, und dann mußte er die Lexika durchstöbern. War Hedda zugegen, so ging das alles viel schneller.

Hellstern war im letzten Jahre noch dicker geworden. Die Ischias hatte etwas nachgelassen, aber ein Asthma kündigte sich an. Der Baron verzichtete jetzt auf jede Bewegung; nur mit Mühe schleppten Hedda und August ihn dann und wann auf ein Viertelstündchen in den Park. Er hatte sich vollständig in seinen Ärger über die modernen Veränderungen in Oberlemmingen verbissen. Eine Art fixer Idee spielte dabei mit. Er war überzeugt davon, daß man ihn von Haus und Hof vertreiben wolle. Die Möllers bauten rechts seitwärts vom Parkausgange eine Brauerei und hatten eine Parzelle des Dorfangers vom Fiskus erstanden. Das wurmte Hellstern furchtbar. Nun hatte er wirklich Qualm, Dampf und Rauch, Geräusch und Gestank direkt vor der Nase.

„Gunther Schellheim ist wieder hier, Papa,“ sagte Hedda beim Eintreten; „er läßt dich grüßen.“

„Ist mir ’ne hohe Ehre,“ erwiderte der Alte giftig. „Hat er vielleicht seinen Antrag wiederholt?“

„Nein,“ sagte Hedda und band ihren Hut ab; „warum bist du so schlechter Laune?“

„Das würdest du auch sein, wenn du dich so ärgern müßtest wie ich. In diesen Akten kommen Ausdrücke vor, für die es in keinem Lexikon der Welt Erklärungen gibt.“

„Ich werde dir helfen,“ entgegnete Hedda geduldig und nahm auf dem aus den vierzehn Folianten der Merianschen Topographie gebildeten Sitze Platz.

Aber der Alte wollte noch plaudern. „Wie sieht der Herr Gunther aus?“ fragte er.