Neffen und Vetter Axel.“
Bedächtig steckte Hedda den Brief wieder in das Couvert.
„Er klingt wirklich sehnsüchtig, der Brief,“ sagte Hellstern mit Betonung. „Weißt du, Hedda, ich mache mir so meine Gedanken.“
Sie hatte sich tief über das Lexikon gebeugt, das auf ihren Knieen lag, und in dem sie mechanisch blätterte. Als sie den Kopf hob, sah der Alte, daß sie auffällig blaß war.
An diesem Tage gedachte Fritz Möller, sich mit der Dörthe endgültig auszusprechen. Es mußte einmal geschehen. Die Eltern drängten, Albert und Bertold nicht minder. Grödecke aus Frankfurt hatte eines Tages seinen Freund Albert Möller in Oberlemmingen besucht. Er brachte seine Tochter Frida mit, ein großes, starkes, sehr brünettes Mädchen mit energischen Zügen. Fritz sollte sich mit ihr „anvettern“, und das geschah denn auch. Er fand sie nicht so übel, obwohl ihr stechender Blick und ihr rasch zugreifendes Wesen, auch ihre Erscheinung ihm einen ausgewachsenen Pantoffel prophezeiten. Noch wurde nicht vom Heiraten gesprochen, doch Frida wußte bereits Bescheid. Sie ließ sich das ganze Haus zeigen, vom Dach bis hinab zum Weinkeller; sie nahm es schon in Besitz. Auch die Angelegenheit mit der Engrosschlächterei, die den Badeort, das Kinderhospiz und die Güter in der Umgegend versorgen sollte, war zur Reife gediehen. Wieder hatte einer der Bauern sein Gehöft verkauft – Thielemann, dessen Besitz den Möllers am bequemsten lag. Dorthin sollte das Schlachthaus kommen.
Gegen Abend hatte der Wind sich gelegt. Fritz hatte Dörthe gebeten, sich mit ihm an der Quelle zu treffen; er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen. Sie hatte sich auf dem Baronshof auch freimachen können und war pünktlich zur Stelle, in ihrem Arbeitskleide, aber ein neues dreieckiges Tuch um die Schultern geschlagen, mit bloßem Kopfe.
Fritz war noch nicht da. Dörthe wanderte in den schweigenden Anlagen auf und ab. Das falbe Laub rauschte unter ihren Füßen. Ein letztes Sonnenflackern glitt durch die Baumkronen, fahlgelb, ein erlöschendes Licht.
Das Mädchen war nicht in Sorgen. Im Gegenteil – ein Zug heiterer Zufriedenheit lag auf dem hübschen, braunen Gesichtchen. Sicher handelte es sich um eine Besprechung wegen der Hochzeit. Vielleicht sollte sie schon vor Weihnachten sein. Wie schlug der Dörthe das Herz!
Sie hatte sich auf eine der Sandsteinstufen an der Quelle gesetzt. Das Wasser sprudelte nicht, aber man hörte sein Rauschen unterhalb der Einfassung, ein leises Gemurmel wie von fernen Stimmen. Die Rosen in den Bosketts waren abgeblüht, der wilde Wein, der sich um die Eisenträger der Wandelhalle schlang, schimmerte feuerrot. Überallhin hatte der Herbst seine Farbenflecke gestreut.