Als Dörthe ihren Bräutigam kommen sah, sprang sie auf, lief ihm entgegen und fiel ihm in die Arme. Er umschlang sie, ohne sie zu küssen, und schritt mit ihr den Weg hinab. „Komm unter die Buchen,“ sagte er, „die Liese spürt mir wieder mal nach.“
Jetzt durchzitterte sie eine Ahnung aufkeimenden Leids. „Gott, Fritz, was gibt’s denn?“ fragte sie.
Er wartete mit der Antwort, bis sie tiefer im Buchenhain waren, den die Badedirektion mit dem Kurpark verbunden hatte. Aber auch hier blieb er nicht stehen, sondern schritt weiter mit ihr, während er rasch, als wolle er es von der Seele haben, und mit kurzen Unterbrechungen sprach.
„Also, Dörthe, es geht nicht mit unsrer Heirat. Die ganze Familie ist dagegen – ich habe mich mit allen herumgezankt, weil ich es durchsetzen wollte; aber überwerfen kann ich mich mit den Eltern nicht und auch nicht mit den Brüdern. Es steht zu viel auf dem Spiel – gerade jetzt ... Du mußt mir nicht böse sein, Dörthe – ich habe es immer gut gemeint und dich lieb gehabt – und wir hätten ja auch so gut zusammengepaßt – aber – du hättest bloß einmal Vatern sehen sollen, als ich ihm sagte: nein, ich wollte fest bleiben, denn ich hätte dir die Hochzeit versprochen. Mit beiden Fäusten ist er da auf mich losgefahren und mit Augen wie Teller so groß – Dörthe, an mir liegt es ja nicht – es liegt nicht an mir ...“
Seine Stimme wurde leiser; es ging ihm doch zu Herzen, dieses Abschiednehmen. Aber er war noch nicht zu Ende; er hatte das Bestreben, sich gänzlich zu entlasten, und fing immer wieder von vorn an, von der Gegnerschaft der Eltern und den wütenden Augen des Vaters und dem ewigen Schimpfen; er wisse sich nicht mehr zu helfen; er sei abhängig von dem Alten sowohl wie auch von Albert, der jetzt das große Wort in der Familie führe, und alles Bitten und Jammern habe ihm nichts genützt. Und dann kamen wieder die wütenden Augen des Vaters an die Reihe – „wie Teller so groß“.
Dörthe hatte kein Wort entgegnet. Sie war wie vom Schlage getroffen. Aus ihrem Gesicht war alle Farbe geschwunden; schwer schleppte Fritz sie an seiner Seite weiter. Sie hatte keine Ahnung von den gegen sie und ihr Glück gerichteten heimlichen Treibereien, und in der Engigkeit ihres dummen, kleinen Bauernhirns hatte sie auch gar nicht einmal gemerkt, wie man sie mit kluger Politik in letzter Zeit vom Gasthause fernzuhalten suchte. Anfänglich fand sie nicht einmal Tränen unter der Wucht des auf sie herabsausenden Unglücks. Sie war so starr, daß ihre Augen trocken blieben und ihre Lippen schwiegen. Aber als Fritz, um das Herzweh und die Verlegenheit des Augenblicks zu überwinden, weiter und weiter sprach, immer mit den gleichen Phrasen, sich zwanzigmal wiederholend, da schäumte ganz plötzlich die Wut über den ihr zugefügten Betrug und über die Treulosigkeit und Schwäche des Geliebten in ihr auf; sie riß sich von ihm los und schrie:
„Nu sei doch man still! Ich hör’ ja schon! Ich weiß ja schon alles! Pfui, bist du gemein! Du hast’s gar nicht ernst gemeint! Du hast bloß drauf gewartet, daß –“
Und dann brachen die Tränen hervor, in Strömen und unaufhaltsam. Sie warf sich auf die Erde, in das taufeuchte Laub, und schluchzte und wimmerte ununterbrochen. Als er sich zu ihr hinabbeugte, um sie mit einigen schlecht angebrachten Trostworten aufzuheben, schlug sie nach ihm und schrie von neuem los: er solle sie nicht mehr anrühren, er sei ein elender Lump, er möge heiraten, wen er wolle, oder wen seine Eltern für ihn aussuchten – er ließe sich ja doch nur am Gängelbande führen wie ein kleines Kind.... Sie gebärdete sich wie unsinnig und blieb auf der feuchten Erde liegen, während ihr Körper konvulsivisch zuckte.
Fritz wußte nicht, was er machen sollte. Am liebsten wäre er davongelaufen – nach Hause, zu Vater und Mutter und Albert; die hätten vielleicht Rat schaffen können. Er hatte seine Mütze auf das rechte Ohr geschoben, kraute sich den blonden Wirrkopf und blickte hilflos umher. Es war allgemach dunkel geworden. Am Himmel flammten schon die Sterne auf. Ein Käuzchen schrie in der Nähe.
„Dörthe,“ sagte Fritz endlich in beklommenem Tone, „Dörthchen – hör doch man zu – ich bin ja nicht so ... ich würde ja gern, wenn’s bloß auf mich ankäme –“