Jetzt sprang sie mit einem Satze empor. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verändert. Der Schmerz verzerrte es und grub seine Linien in das niedliche Oval; die Augen blitzten.
„Ist’s wahr, Fritz – bist du mir immer noch gut?“
„O Gott!“ erwiderte er und versuchte, sie zu umfassen.
„So wirst du noch einmal mit den Alten und mit Albert sprechen,“ fuhr sie energisch fort, und doch klapperten dabei ihre Zähne in fröstelnder Angst. „Verstehst du? Sagst ihnen, daß du nicht mehr zurückkönntest, daß du kein Lump sein wolltest, daß du darauf beständest, dein Wort zu halten, und wenn’s auch zu wer weiß was käme! Wirst du das tun? Fritz, bist du denn nicht ein Mann?!“
Die Verzweiflung beflügelte ihre Worte. Sie stieß mit ihren beiden Händen nach seinen Schultern, als wollte sie auf seine Kraft und Stärke pochen, drängte sich dicht an ihn heran und krallte dann wie eine Wahnsinnige ihre Finger in seine Arme ein.
„Bist du nicht ein Mann?!“ schrie sie abermals. „Und fürchtest dich vor Vatern und vor seinen großen Augen! Und vor Albert, den du mit einer Hand aufheben kannst! – Was ist denn, wenn du ihnen nicht gehorchst? Bist du nicht ausgewachsen und mündig? Aber du zitterst ja schon, wenn Vater nur spricht – du Feigling, du Bangebüchse!“
Sie begann wieder zu schimpfen und dann von neuem zu weinen. Ihre Energie war verraucht. Aber die Verächtlichkeit, mit der sie ihn behandelte, entzündete doch seinen Stolz. O – eine „Bangebüchse“ war er nicht! Um des lieben Friedens willen hatte er nachgegeben, aber noch war nicht aller Tage Abend. Schön also – er würde nochmals mit dem Alten sprechen, „ganz verflucht“ würde er mit dem Alten sprechen. Was konnten sie ihm denn tun? War er nicht ausgewachsen und mündig?
Und als er sah und spürte, wie Dörthe an allen Gliedern zitterte, nahm er sie mit raschem Entschlusse auf seine Arme und trug sie so durch den Wald zurück, damit sie sich an seiner Brust erwärme, wie ein kleines Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist, und das ein barmherziger Junge unter die Weste geknöpft hat, um es mit nach Hause zu nehmen. Und wirklich – ihr wurde auch warm. Ihr Ohr lag an seinem Leinenkittel, und sie hörte sein Herz hämmern. Ein Wonneschauer durchrieselte sie, und frisches Hoffen ließ sie selig lächeln. Das war die letzte Stunde Glücks der Dörthe, da er sie heimtrug durch den Wald, über den die Finsternis immer tiefer hinabsank.
Am nächsten Vormittag gab es eine entsetzliche Szene bei den Möllers. Vater und Sohn waren handgemein geworden. Und da hatte die alte Möllern die Flinte aus der Ecke gerissen und sie, den Kolben gegen den Leib gedrückt, auf Fritz angelegt. Albert war dazwischengesprungen.