Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurück. Sie hatte Axel gebeten, sie nicht zu begleiten; es wäre nicht nötig. In Wahrheit fürchtete sie sich vor dieser Fahrt durch den Wald – zu zweien. Sie mußte Ruhe haben, um zu sich selbst zu kommen, um überlegen und nachdenken zu können.

Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht erwartet hätte. Schon bei seinem ersten Besuche im Frühjahr hatte sie den Eindruck empfangen, als hätte sie ihn nicht gleichgültig gelassen. Er war der dritte! Erst Klaus, dann Gunther, nun er. Aber wenn sie ihr Herz durchforschte – ach, einer nur hatte es zu entflammen gewußt, ein Verlorener! Konnte sie Axel ihr Jawort geben, da doch das Bild des andern noch immer lebendig in ihr war? Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden? Er hatte sie rufen und holen wollen, wenn er sich in der Fremde eine Stellung geschaffen haben würde; mit diesem Versprechen war er von ihr geschieden. Darüber waren Monde vergangen. Die Leute sagten, er verspiele seinen Erlös aus dem Verkaufe von Döbbernitz am grünen Tische Monacos. Aber wer wußte, ob das wahr sei? Konnten die Leute nicht irren? Hatte nicht vielleicht wirklich schon drüben in Amerika der „Fron“ für ihn begonnen, der ihn läutern und entsündigen sollte?

Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres Vaters. Hedda hörte schon den Jubel des alten Herrn.... Und warum sollte sie nicht glücklich werden an der Seite dieses Mannes? Er war eine durch und durch noble Natur, von seltener Herzensgüte und feinem Empfinden, ein Edelmann im besten Sinne des Worts. Und ganz zweifellos – auch sein Reichtum sprach mit ...

Hedda drückte sich tief in die Wagenecke. Würde sie in Döbbernitz nicht täglich und stündlich an Klaus erinnert werden? Würde es nicht eine ewige Qual sein!? Warum ließ sich diese unselige Liebe nicht ausreißen – warum mußte sie fortleben und immer neue Schmerzen erzeugen!?

Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab August ihr mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Ein Kind hätte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage stand: „An Baronesse Hedda Hellstern. Persönlich zu erbrechen“, so glaubte August sehr klug gehandelt zu haben, daß er ihn nicht erst in die Hände des Herrn Barons gelangen ließ.

Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die Aufschrift sah. Sie erkannte Zernins Hand, seine elegante und zierliche, charakterlose Schrift. Hastig stürmte sie auf ihr Zimmer und riß das Kuvert auseinander.

„Ich muß dich sprechen,“ schrieb Klaus, „es handelt sich um meine Zukunft, vielleicht um mein Leben. Sei, bitte, um fünf Uhr an der alten Stelle am See. K.“

Um fünf Uhr – da war keine Zeit zu verlieren. Sie schwankte keinen Augenblick. Sie überlegte auch nicht, warum Klaus wieder zurückgekehrt sei; sein Leben stand auf dem Spiel – was gab es da noch zu überlegen!

In aller Eile begrüßte sie ihren Vater. Es sei wunderschön geworden auf Döbbernitz, erzählte sie in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausführlich sein, aber jetzt habe sie unleidliche Migräne und wolle daher noch auf ein halbes Stündchen in den Wald. Und ehe der Alte noch so recht zu Wort kommen konnte, war sie schon fort.