„Lügen – nein, ich lüge nicht,“ stieß er hervor. „Ich – ich muß auch wahr sein! Also ich kehrte zurück –, die Torheit ist einmal geschehen. Ich hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, daß – daß ich verfolgt werde – daß man mich sucht –“
Hedda starrte ihn mit großen Augen an.
„Verfolgt – aber von wem?“
„Von den Behörden ...“ Nun hatte er doch ihre Hände ergriffen und hielt sie mit seinen heißen Fingern fest, während seine Augen sich mit unheimlichem Ausdruck in die ihren bohrten ... „Hedda, ich habe mich zu einer schmachvollen Tat verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe mich – aber rette mich – hilf mir!“ ... Und stöhnend brachte er die furchtbare Selbstanklage heraus: „Ich habe die hinterlassenen Papiere meines Vaters nach dem Auslande verkauft.“
Anfänglich begriff sie ihn nicht. Aber dann brach blitzschnell das Verständnis für die Schändlichkeit in ihr durch ... Beim Tode des alten Ministerpräsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht gebracht, daß sich in der Hinterlassenschaft des Freiherrn von Zernin so gut wie nichts von politischer Bedeutung vorgefunden hätte. Klaus hatte die wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei Gelegenheit an eine ausländische Regierung verkauft ... Und plötzlich glaubte Hedda auch den Grund des wütenden Hasses ihres Vaters und Eyckens gegen Klaus gefunden zu haben. Die beiden wußten um die verschwundenen Papiere und mochten ahnen, wohin sie gebracht worden waren ...
O Schmach – Schmach!
Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsäule, vor dem verkommenen Mann. Es war ihr, als hätte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe zu zerdrücken und zu vernichten. Eisig durchströmte es sie. Ihre Finger krampften sich zusammen, und in den äußersten Spitzen hatte sie das nervöse Gefühl heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete und dröhnte in ihrem Kopf, und dabei hatte sie doch das Bewußtsein, daß sie gefaßt und kaltblütig bleiben müsse. Um ihre Hände zu beschäftigen und sich bei mechanischer Spielerei allmählich zu beruhigen, riß sie ein paar Gräser aus und zerpflückte sie.
Und dann brachte sie mühselig hervor: „Ich will nicht rechten mit dir. Wie kann ich dir helfen?“
Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen. Nun hob ein tiefer Atemzug seine Brust.
„Ich muß morgen über die Grenze sein,“ sagte er schnell und halblaut, als fürchte er, auch hier belauscht zu werden. „Aber ich habe kein Geld. Ich habe verdammtes Pech gehabt – da unten. Geh zu Schellheim und laß dir ein paar tausend Mark für mich geben – fünf, sechs genügen –, er wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke mir das Geld nach dem alten Jagdhause in der Döbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis Mitternacht.“