Hedda sank an des Greises Brust. „Für ewig,“ schluchzte sie, „ich weiß es –, aber beweinen kann man doch seine Toten!“
„Ja, Hedda – weinen Sie sich aus. Daheim, in stillen Stunden – Sie werden schon solche finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie mit Ihrem Gott. Er wird Sie stärken, unser Gott der Liebe, und Ihnen überwinden helfen!“
Er drängte sie sanft zur Tür.
„Ich will mich beeilen. Ich geh’ selbst zum Jägerhause und werde Klaus das Geld bringen. Es ist nicht das erste. Und dann soll er ein letztes Wort von mir hören“ – er hob dräuend die Rechte und reckte sich – „als Prediger des Wortes Gottes, als sein Seelsorger, und als Edelmann will ich ihm sagen, wie ich über ihn denke!“
Das war eine schlummerlose Nacht für Hedda. Draußen umbrauste der Sturm das Haus, wie damals im Winter, als der Vater ihr am Abend vorher von der Werbung Gunthers erzählt hatte, und als sie im Auschlosse nach länger als Jahresfrist wieder einmal mit Klaus zusammengetroffen war. Und wie damals wälzte sie sich auch heute wieder ruhelos im Bette, und eine wilde Flut von Gedanken stürmte auf sie ein. Jetzt mußte Klaus bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer Leichtsinn verschloß ihm für immer die Rückkehr in die Heimat. Eycken hatte recht, wenn er sagte: Klaus ist tot. Und unwillkürlich drängte sich Hedda die Frage auf: Wär’ es nicht besser gewesen, sie hätte ihn bei seinem Entschlusse belassen, als er im Sommer schon im Begriffe stand, zu den Pistolen zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten? Freilich – vielleicht war auch das nur Pose und Rederei gewesen, nur eine Lüge. Durch sein ganzes Leben ging der Fluch der Lüge – selbst seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lüge. Denn sonst hätte er sich aufraffen und zu besserem Leben durchringen müssen, hätte nicht so erbärmlich tief sinken können. Wo spürte man an ihm etwas von der reinigenden Kraft einer großen Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt, sich um ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten, dessen morastige Wellen ihn höher und höher umschlugen?
Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von dem Empfinden nicht frei machen, als seien auch an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben, als müsse sie nach einem Läuterungsbade suchen, nach Sühne und Entsündigung. Bot Axel ihr die Befreiung von dem Gefühl der Erniedrigung, das in ihr aufquoll? – Die stille Vornehmheit seines Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zügellosigkeit Zernins. Vielleicht war es wirklich ein Reinwaschen und ein Sühnen der Vergangenheit, wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann glücklich zu machen.
Draußen stürmte und wetterte es weiter. Mit Ungestüm brauste der Wind durch den Park und fauchte und heulte – fauchte und heulte auch um das verfallene, kleine Jagdhaus in der Döbbernitzer Schlucht, in dem sich zu dieser Stunde zwei Männer mit blitzenden Augen und zorngeröteten Gesichtern gegenüberstanden.
Dreizehntes Kapitel
Am andern Morgen hatte der Sturm zwar etwas nachgelassen, aber dafür hatte sich der Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt, und jeden Augenblick drohte der Regen zu fließen. Eine mürrische Stimmung lag über der Natur.
Im Kamin neben dem Frühstückstische brannte schon das Feuer. Der Baron saß in seinem großen, dicht an den Tisch herangeschobenen Lehnstuhl und rührte in seiner Teetasse. Das blasse Gesicht seiner Tochter gefiel ihm nicht.