„Eine verständliche,“ fügte Gunther hinzu, und sein Auge flog über die Bücherreihen.

Hedda interessierte das. „Weshalb lassen Sie aber Ihre Studien nicht veröffentlichen, Herr Pastor?“ forschte sie weiter.

Eycken zuckte mit den Schultern.

„Ich bin ein merkwürdiger Mensch, liebe Hedda,“ entgegnete er. „Für mich hat eine Arbeit, wenn sie fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den Reiz des Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen ganze Kisten voll Manuskripte, die ich seit Jahren nicht mehr angeschaut habe. Sterbe ich einmal, so werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft, eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden, auf dem vielleicht ein Besserer unsterbliche Werke schreibt. Und das ist auch ein Trost.“

Hedda schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich nicht,“ sagte sie. „Wenn ich etwas schaffe, von dem ich annehme, daß es nicht nur mich selbst, sondern auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es doch in gewisser Weise egoistisch – Pardon, Herr Pastor –, es den andern vorzuenthalten.“

„Richtig, Hedda,“ erwiderte Eycken. „Es wäre egoistisch, wenn ich mir von meinen Studien für Mit- und Nachwelt etwas verspräche. Aber das tue ich nicht. Ich arbeite nur für mich; ich will auch in die Polemiken, mit denen die zünftigen Gelehrten sich gegenseitig überschütten, nicht hineingezogen werden.... Ich habe da vor langen – ach, vor langen Jahren“ – und ein wehmütiger Zug flog über sein schönes Greisenantlitz – „in Neapel einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann war reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstück vollendet hatte, so mietete er sich ein Theater oder einen Konzertsaal und ließ sich sein Werk allein aufführen. Nur er selbst, kein Zuhörer sonst durfte dabei sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner Werke völlig. Und dann packte er seine Partituren zusammen, beschwerte sie mit Steinen, ließ sich in schöner Mondnacht in den Golf hinausrudern und versenkte sie in das Meer.... Sehen Sie, das begreife ich. Ich bin auch nie zufrieden mit dem, was ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen Punkt komme, von dem aus ich nicht weiter kann, wo die Forschung aufhört und die Hypothese beginnt – da breche ich ab und lege das Manuskript zu den übrigen ...“

Man sprach noch hin und her über das Thema. Auch Gunther verfocht die Ansicht Heddas, daß die ernsthafte Forschung gewissermaßen die Pflicht habe, vor die Öffentlichkeit zu treten. Und dann sprach er von seiner interessanten Entdeckung, die ihn gegenwärtig ganz in Anspruch nahm. Er hatte auf der Königlichen Bibliothek in Berlin in einem handschriftlichen Faszikel von Abhandlungen Melanchthons aus dem Jahre 1560 eine Sammlung alter Anekdoten gefunden, die auch fünfzehn zum Teil noch unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber des Manuskripts war ein früherer Mönch gewesen, nannte seinen Namen und gab auch einzelne Daten aus seinem Leben, führte vor allen Dingen als Datum der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565 an. Damit war ein neuer Beweis dafür erbracht, daß man schon lange vor der Drucklegung des ersten Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln pflegte. Aber auch auf die Entstehungsgeschichte der Faustsagen und auf das Historische der Persönlichkeit Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht, die geeignet schienen, eine kleine Revolution in der gelehrten Welt hervorzurufen.

Gunther war bei seiner Erzählung in Eifer gekommen. Die Freude an dem Funde teilte sich seiner ganzen äußeren Wesenheit mit. Hedda sagte sich, daß er eigentlich ein hübscher Mensch sei. Er besaß ungemein lebhafte, braune Augen unter einer hohen und klugen Stirn und einen schön geformten Mund. Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die Figur war hübsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes hatte er nichts an sich. Als er merkte, daß er fast allein mit Eycken sprach und Hedda nur Zuhörerin war, errötete er wieder – das passierte ihm häufig – und wandte sich mit einem Entschuldigungswort an das Fräulein zurück.

„Ich langweile Sie, Baronesse,“ sagte er. „Mehr oder weniger sind wir Leute von der Feder allesamt Egoisten. Und da ich weiß, daß der Herr Pastor ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, daß Melanchthon den historischen Faust –“

Er unterbrach sich und lachte.