„Ich bitte dich, Papa, laß solche Bemerkungen,“ schloß er und erhob sich gleichfalls. Eine schwere Falte zeigte sich auf seiner Stirn.

„Ah was,“ entgegnete der Rat unwirsch, „du wirst mir schon erlauben müssen, das auszusprechen, was ich denke! Sei vernünftig, Gunther! Ich glaube gleich dir, daß die Hellsterns deine Werbung nicht zurückweisen würden. Sie sind arm, und der Baronesse fehlt jede Gelegenheit zu einer passenden Partie. Ich habe ja auch wirklich nichts gegen die Leute! Es ist nichts weiter gegen sie zu sagen, als daß sie adelsstolz und unbemittelt sind. Beides sind keine Vorwürfe. Ihr Name ist gut, glänzend, geachtet; sie haben ein Recht, darauf stolz zu sein. Für ihre Armut aber können sie nichts. Und dennoch muß dies beides bei der geplanten Verbindung mit in Betracht gezogen werden. Bitte – ich rede noch – ich will aussprechen! In Betracht gezogen werden, sagte ich. Zunächst die Geldfrage. Du wirst einmal reich – dem Anschein nach ist diese Frage also minderwertiger Natur. Aber doch nur dem Anschein nach. Denke an die Zukunft! Ihr könnt eine ganze Herde Kinder kriegen, und wie zersplittert sich da das Vermögen! Fräulein Hedda bringt ja nichts mit! Den Baronshof – na, was ist denn der wert?!“

„Papa, ich bitte dich –“ und Gunther hielt es für gut, den Zukunftsperspektiven des Rats gegenüber ein heiteres Gesicht zu machen. Aber Schellheim war noch nicht zu Ende; er winkte abwehrend mit der Hand.

„Weiter,“ sagte er, „die zweite Frage. Zugestanden, daß Fräulein Hedda das Herz auf dem rechten Fleck hat. Da ist aber noch der Alte. Vor dem graul’ ich mich geradezu. Er wird auch nicht nein sagen, wenn ich für dich anhalte – i, wo wird er denn –, aber ich fürchte, wir werden nicht gut zueinander passen. Ich habe das jetzt schon gemerkt. Er hat etwas gegen uns Kaufleute – weniger gegen das Bürgertum im allgemeinen, wie gerade gegen uns Kaufleute. Ah bah – ich sage dir, Gunther, es ist so! Der alte Groll der Landwirtschaft gegen die Industrie! Er kann auch nicht verwinden, daß ich ihm seine Klitsche abgekauft habe. Und – und – kurzum, ich will dich nicht beeinflussen, aber ich rate dir: sei vernünftig und überlege!“

Die Rätin hatte sich nicht wieder in die Unterhaltung gemischt. Sie saß schweigend am Teetisch und rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse. Aber plötzlich legte sie den Löffel hin und wandte sich auf dem Stuhle um.

„Da ich die Mutter bin, so ist mir vielleicht auch noch ein Wort gestattet,“ sagte sie. „Ich kann deine Gegengründe nicht anerkennen, Alfred; ich will dich nicht beleidigen, ich muß dir aber sagen, daß ich sie lächerlich finde. Wenn es sich um das Glück eines unsrer Kinder handelt, kommen wir immer erst in zweiter Reihe. Nimm wirklich an, Fräulein Hedda und ihr Vater seien hochmütig und adelsstolz: wenn ich weiß, daß Gunther glücklich ist, lass’ ich mich schon über die Achsel anschauen, und ich werde die Hand auf das Herz pressen, wenn es dabei gar zu sehr zuckt. Im übrigen stimme ich aber der Ansicht Gunthers zu: das Fräulein hat viel zu viel Takt, um zwischen uns und den Ihren gesellschaftliche Unterschiede zur Betonung zu bringen. Und schließlich das Geld. Gunthers Kinder werden auch einmal erwerben lernen! Willst du bis in das dritte und vierte Glied hinein sorgen?“

Als sie ausgesprochen hatte, erschrak sie fast über ihre Kühnheit. Sie war an das Sich-beugen und -ducken gewohnt. Ein flammendes Rot huschte über ihre Wangen; sie wandte sich wieder dem Tische zu und griff abermals nach dem Teelöffel.

Gunther war hinter sie getreten und drückte einen Kuß auf ihren Scheitel. „Ich danke dir, Mutter,“ sagte er; „du hast recht.“

Der Rat zuckte mit den Schultern.

„Es fällt mir nicht ein, den Tyrannen spielen zu wollen,“ bemerkte er, mit Absicht ein wenig leichthin. „Auch mir steht das Glück meiner Kinder über der eignen Person – jawohl, teure Gattin, und ich bitte, daß du davon Notiz nimmst! ... Bleibst du nach reiflicher Überlegung bei deinem Vorhaben, Gunther, so teile es mir am Nachmittag mit. Langes Fackeln liebe ich nicht. Hellsterns sind heute abend hier – da wird sich Gelegenheit finden, mit dem Alten ein Wörtlein unter vier Augen zu sprechen.“