Er ging, aber man merkte an dem heftigen Zuschlagen der Tür, daß sein leichter Ton Komödie war.
Die Rätin war still sitzen geblieben. Sie rührte noch immer mit dem Löffel in ihrem erkalteten Tee herum, als wolle sie durch diese Bewegung das leise Zittern ihrer Hände verdecken. Doch Gunther sah, wie es um ihre Mundwinkel zuckte, und sah auch die schwere Träne, die über ihre Wange rann.
„Mutterchen,“ fragte er leise, „warum weinst du denn?“
Sie blickte zu ihm auf, und es lag ein so schmerzlich weher Ausdruck in ihrem Auge, daß Gunther ein eisiges Schauern in seinem Rücken zu spüren meinte. Es war ihm, als habe er zum erstenmal in die Seele dieser armen Frau geschaut, die das Herzensglück, das sie für ihre Kinder erwünschte, nie selbst kennen gelernt hatte.
Er ließ sich vor ihr nieder, küßte ihre Hände und gab ihr alte, liebe, fast vergessene Schmeichelnamen aus seiner Kinderzeit. Fest drückte sie ihren Liebling an sich, aber die Tapferkeit, die sie auf dem langen, öden und traurigen, staubgrauen Wege ihrer Ehe aufrecht erhalten hatte, brach: sie konnte den Tränen nicht mehr wehren, die unaufhaltsam flossen.
Die Kirchglocken läuteten noch immer. Der Schneefall hatte nachgelassen, und in der reinen, sonnendurchströmten Winterluft tönte der Klang der Glocken fast durch das ganze Tal.
Auch der Freiherr hatte sich entschlossen, einmal wieder das Gotteshaus zu besuchen. Er war, obwohl ihm eine gewisse naive, von Skrupeln und Grübeln freie Frömmigkeit eigen, niemals ein eifriger Kirchgänger gewesen, und in letzter Zeit hatte er sich seiner Ischias wegen so wie so kaum vom Platze rühren können.
Heute aber fühlte er sich wohler. Der alte Klempt hatte ihm vor einigen Tagen eine Einreibung gebracht, die Tante Pauline nach einem Rezept ihrer Großmutter zurechtgebraut, das sie zufällig zwischen allerhand alten Sachen beim Aufräumen ihrer Truhe gefunden hatte. Es waren Ingredienzien dabei, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt, wie zum Beispiel „Bleygötte, ein halb Pfund fein gepulvert“, und „ein Viertelpfund geschälte Alantwurzel“, aber Tante Pauline wußte schon Bescheid, und sie entsann sich auch, daß ihr Großvater, der schon völlig gelähmt gewesen war, kraft dieses Mittels wieder hatte gehen lernen. Und da hatte sie gemeint, es könne nicht schaden, wenn der Herr Baron es auch einmal probiere, und hatte sich an die Arbeit gemacht. Schwer war nur eins zu beschaffen gewesen, nämlich das Weiße eines Eis von einer schwarzen Henne. Die Langheinrichen besaß allerdings ein schwarzes Huhn, aber das legte derzeitig nicht. Glücklicherweise hieß es in dem Rezept: „oder wenn du dies nicht hast, nimm statt dessen Bofist und menge ihn mit ein klein wenig halb verbrannter Brotrinde in einem viertel Quart starkem Branntwein; doch muß der Branntwein vierundzwanzig Stunden vorher an einem warmen Ort gestanden haben, in einer Flasche, die du mit einer Blase zubinden mußt, in welche du eine Stecknadel steckst.“ Das hatte Tante Pauline denn auch getan.
Der Freiherr hatte Klempt sehr schön gedankt, und als August des Abends mit der Einreibung kam, hatte er den braven Diener hinauswerfen wollen. Er verbäte sich, ihm mit dem „Geschmurgel“ an den Leib zu kommen. Indessen ein paar Tage später, als die Schmerzen gerade sehr heftig waren, hatte Hellstern von selbst von der Klemptschen Einreibung angefangen. „Hol mal den Jux her,“ sagte er zu August; „hilft’s nichts, ist’s noch so!“ Und freudestrahlend lief August davon, um die kostbare Mixtur zu holen. Er rieb den Alten so kräftig ein, daß Hellstern gewaltig schimpfte, fluchte und wetterte, was für August aber eine wahre Wohltat zu sein schien, denn sein Gesicht wurde währenddessen immer freundlicher. Und dann packte er den Baron in das Bett, wickelte ihn gehörig ein und legte zwei Wärmflaschen in die Kissen, denn Klempt hatte betont, daß der gnädige Herr nach der Einreibung gehörig schwitzen müsse.