„Über einen Scheffel Erbsen, pflegt man bei uns zu sagen, wenn man eine weitläufige Verwandtschaft bezeichnen will,“ warf der Herr im Zylinderhut lachend ein. Dann bot er Hellstern die Hand. „Tag, Onkel! Was macht die Chronika derer von Hellstern?“ Und schon stand er vor Hedda. „Tag, gnädigste Cousine – seit Ewigkeiten nicht gesehen! Freilich, ich sitze wie ein Maulwurf in meinem Bau und schleiche mich höchstens einmal nachtsüber auf den Anstand, wenn du längst in seligem Schlummer liegst. Wie geht’s?“
„Ich danke dir, gut,“ antwortete sie und wandte sich an Gunther, der mit abgezogenem Hute an sie herangetreten war.
Aus der Kirche ertönte bereits Orgelklang. Man schritt über den Friedhof, und bis zur Kirchentür sprach der Kommerzienrat in seiner lebhaften Art in Hellstern hinein. Hedda war ängstlich geworden. Sie hörte nur vereinzelte Brocken, vernahm aber wiederholt das Wort „Quelle“, und sie sah, daß das Gesicht ihres schweigsam zuhörenden Vaters immer röter wurde. ‚Diese Quelle wird uns allen noch Unglück bringen,‘ dachte sie.
Die Hellsterns besaßen in der Kirche ein Chor, hatten es aber der Familie des Kommerzienrats überlassen und dafür die Sitze unten neben der Sakristei genommen, die für die Besitzer des Auguts reserviert waren. Der Baron vermied es seines Leidens wegen gern, Treppen zu steigen.
Die Kirche war groß, doch kahl und dürftig im Innern. In dieser mehr als einfachen Ausstattung fiel der neue rote Behang über Altar, Kanzel und Taufbecken, den Schellheim gestiftet hatte, um so mehr auf. Er leuchtete weithin, wie das Wort der Verheißung, das von dieser heiligen Stelle ausging.
Von den Sitzen der Hellsterns aus konnte man das Augutchor übersehen. Die Rätin saß zwischen ihrem Gatten und Gunther, dann blieben drei Stühle frei, und in der Ecke hatte sich Herr von Zernin niedergelassen.
Sein Erscheinen in der Kirche erregte Aufsehen. Aller Blicke richteten sich auf ihn. Besonders die jungen Mädel schienen sehr interessiert zu sein; Liese Braumüller schielte über ihr Gesangbuch fort alle Augenblick nach dem Chor hinauf.
Hedda sang mit ihrem schönen Alt das Einleitungslied mit. Ihr Blick wagte sich nicht von dem Buche fort. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen; sie fühlte, daß Zernin sie beobachtete. Innerlich grimmte sie das; seine unverfrorene Keckheit schien die alte geblieben zu sein – trotz allem. Dieses „trotz allem“ fand Widerhall in ihrer Seele. Während ihre Lippen das Lied sangen, war es ihr, als wiederhole sie immer und immer wieder das „trotz allem“. Sie war nervös, und um sich abzulenken, schaute sie auf den Altar, vor den soeben der Pastor trat.
Eycken neigte das graue Patriarchenhaupt und betete, das Gesicht dem Kruzifix zugeneigt, dessen weißer Marmor sich lichthell von dem roten Untergrunde abhob, mit dem Rücken gegen die Gemeinde. Dann wandte er sich um und blieb aufrecht stehen, wartend, bis das Eingangslied zu Ende sein werde. Und jetzt schweifte seiner Gewohnheit gemäß sein Auge mit raschem Prüfen durch das Kirchenschiff. Die Gemeinde schien vollzählig versammelt zu sein – Eycken nickte befriedigt. Plötzlich glitt über sein Gesicht ein Ausdruck von Erstaunen; Hedda senkte wieder den Blick auf das Gesangbuch, denn nun wußte sie, daß das Auge des greisen Pfarrers im nächsten Moment sie selbst treffen würde. Und so war es in der Tat, doch Eycken schaute nur flüchtig, einen leichten Wolkenschatten auf der Stirn, zu Hedda hinüber und öffnete dann sein Buch zum Beginn der Liturgie ...
Es war kalt in der Kirche. Die Sonne wärmte nicht, sie leuchtete nur. Sie füllte den kahlen Raum mit einem weißgelben Schimmer, der in den Winkeln der Sakristei zu verwischtem Graugrün wurde. Auf einer der hell getünchten Wände lagen die Schatten der Bleiumfassung in den Fenstern, ein leise zitterndes Gitterwerk von unbestimmten Konturen.