Während der Liturgie versuchte Hedda, sich andächtig zu sammeln. Aber es war vergebene Mühe. Das unerwartete Wiedersehen mit dem, der kaum eine Wegstunde vom Baronshof entfernt wohnte und für sie dennoch so gut wie verschollen war, hatte sie stark erregt. Gegen ihren Willen rechnete sie nach: wann hatte sie Klaus Zernin zum letztenmal gesehen? Es war lange her – über ein Jahr. Und als reiße plötzlich ein Vorhang vor ihren Augen, so deutlich trat die Abschiedsstunde in ihr Gedächtnis zurück. Mit allen Einzelheiten, auch den rein äußerlichen der Szenerie: der Eichenschonung am Forsthause, die im ersten Grün des jungen Lenzes prangte, dem Blättermoder am Boden, in dem der Fuß bis an die Knöchel versank, und dem Nebelmeer, das über die Wiesen brodelte. Und sie glaubte auch seine Stimme zu hören.... Sie hatten „vernünftig“ miteinander gesprochen und ruhig und leidenschaftslos. So schien es. Sie waren sich klar darüber geworden, daß sie sich nicht angehören konnten – aus hundert stichhaltigen Gründen. Und deshalb wollten sie sich nicht mehr sehen. Das war um so weniger schwer durchzuführen, als Hellstern dem leichtsinnigen Neffen längst seine Schwelle verboten hatte; er wollte mit dem, der „seinen Namen schändete“, keine Gemeinschaft haben und ahnte dabei nicht einmal, wie tief sich das Bild des wilden Junkers in das Herz seiner Tochter gegraben hatte.... Mit einem Händedruck waren sie voneinander geschieden, und Klaus wie Hedda hatten vermeint, das würde der letzte gewesen sein. Denn damals schon trug sich Zernin mit dem Gedanken, auszuwandern. Er konnte sich auf dem verwüsteten Erbe nicht länger halten; um ihn und über ihm brach alles, alles zusammen ...
Hedda hatte seit jener Abschiedsstunde in der Tat nichts mehr von ihm gehört. Selbst der Klatsch fand in die Einsamkeit des Baronshofs keinen Eingang. Aber daß Klaus sich so unerwartet wieder unter den Menschen zeigte, schien zu beweisen, daß es ihm besser gehen mußte. Auch sein Äußeres sprach dafür: das Selbstbewußtsein, mit dem er auftrat, der alte Ausdruck übermütiger Keckheit auf seinem Gesicht. Wie alt war er jetzt? Und wieder rechnete Hedda nach, während die dünnen Stimmen der Kinder auf dem Orgelchor das Kyrie eleison sangen. Sechsunddreißig; sein Geburtstag fiel in den gleichen Monat wie der ihre, in den Mai. Aber er sah jünger aus mit seiner eleganten, geschmeidigen und elastischen Figur und dem bildhübschen Gesicht, auf dem weder das tolle Leben noch die Sorgen um die Existenz Spuren des Verfalls zurückgelassen hatten. Es war glatt, rosig und heiter wie immer, dieses vornehme Junkergesicht mit der intelligenten Stirn und der wunderschön gezeichneten Nase, dem sorgsam gepflegten blonden Schnurrbart und dem etwas zurücktretenden Kinn. Und auch die hellen blauen Augen sprühten noch immer in unverminderter Lebenslust – trotz allem. Das war sein Lieblingsausdruck, dieses „trotz allem“ ...
Hedda schreckte aus ihren Erinnerungen empor. Sie hörte die Stimme des Pastors, der die Kanzel bestiegen hatte und mit seinem schönen, sonoren Organ die Epistel verlas. Der alte Mann dort oben hatte ihr in jenen Zeiten schwerer Herzensbedrängnis mit lindem Wort und warmem Gemüt die verzweifelnde Seele gerettet. Ihm allein hatte sie sich anvertraut, da sie des Vaters rauhe Art fürchtete, die schon damals Klaus von Zernin vom Baronshof verjagt hatte. Und Eycken konnte um so besser die Vermittlungs- und Verständigungsrolle übernehmen, da er der intimste Freund des alten Baron Zernin, des verstorbenen Vaters von Klaus, gewesen war, durch dessen Beihilfe der Pastor auch seinerzeit die Stelle in Oberlemmingen erhalten hatte. Mit milder Freundlichkeit, aber entschiedener Energie hatte Eycken seinen ganzen Einfluß auf Hedda aufgeboten, um sie von ihrer unseligen Liebe für den verbummelten Junker zu bekehren. Denn besser als sie glaubte er Klaus von Zernin zu kennen. Oft genug war er zu nächtlicher Stunde und zu Fuß, um nicht gesehen zu werden, durch den Wald nach Döbbernitz geeilt, um mit Klaus Rücksprache zu nehmen, wenn wieder einmal einer seiner unsinnigen Streiche zu seinen Ohren gekommen war – irgend eine tolle Weibergeschichte, die die ganze Umgegend in Aufruhr brachte, ein wildes Gelage in Zielenberg oder in Kölpin, wo die Königindragoner standen, oder eine gesetzwidrige Vergewaltigung der Gläubiger.... Und bei solchen Rücksprachen schwand die christliche Milde bei Eycken, da wurde er zum zornigen Eiferer, und die Stimme schwoll an, und seine Augen blitzten. Aber was half das alles?! Es kam eine Zeit, da auch er sich sagen mußte, Klaus sei nicht mehr zu helfen, eine Zeit, da der ehrliche Zorn des alten Mannes zu flammendem Ingrimm wurde. Hedda erfuhr niemals Einzelheiten aus dem Leben von Klaus; sie wußte nur, daß er ein leichtsinniger Wirtschafter war – alle Welt wußte das. Aber an jenem Tage, da Eycken sich mit ihr einschloß, um sie beim Andenken an ihre Mutter zu beschwören, dem wilden Burschen für immer zu entsagen, da kam doch etwas wie ein Ahnen über sie, daß Klaus nicht nur leichtsinnig, sondern auch schlecht sein mußte ...
Die Predigt hatte begonnen. Nur das wohllautende Organ Eyckens war hörbar und hin und wieder ein leise raschelndes Geräusch, wenn der Wind die schneebepackten Zweige des alten Maulbeerbaumes, der draußen vor einem der Fenster stand, gegen die Scheiben warf. Hedda schaute mit andachtsvollem Blick zur Kanzel empor, und der Alte neben ihr schnaufte leise. Es saß sich unbequem in dem engen Kirchenstuhl. Oben auf dem Chor hatte der Kommerzienrat die Hände über dem Bauche gefaltet und kämpfte sichtlich mit einer ihn überkommenden Müdigkeit; die Rätin saß, vor Frost zeitweilig erschauernd, mit groß offenen Augen neben ihm. Herr von Zernin ließ den Blick im Kirchenschiff umherschweifen; er hatte Liese Braumüller entdeckt, und ein rasches Lächeln flog um seinen Mund.
Nun Hedda die gesuchte Andacht gefunden hatte, blieb sie auch in Sammlung bis zum Schlusse des Gottesdienstes. Beim Endchoral bliesen die beiden Posaunen mit. Die Rätin hatte das noch nie gehört und schaute verwundert nach dem Orgelchor hinüber, von dem die gewaltigen Töne drangen. Es war eine vollendete Disharmonie, doch sie störte keinen – höchstens den kleinen Raupach, der um diese Zeit aus seinem Kirchenschlummer erweckt zu werden pflegte.
Dann läuteten wieder die Glocken, und die Gemeinde strömte hinaus, durch die beiden Türen, vor denen hölzerne Schemel mit Tellern für die Missionskollekte standen. Aber die wenigsten gaben; ein paar Pfennige lagen auf den Tellern, dazwischen ein Fünfzigpfennigstück von Hedda und ein blanker Taler als Spende des Kommerzienrats.
Hellstern wollte am Arme seiner Tochter rasch an der kleinen Gruppe vorüberhumpeln, die sich vor dem Schlitten Schellheims gebildet hatte, doch der Kommerzienrat rief ihm nach:
„Auf Wiedersehen heute abend, lieber Baron!“
„Auf Wiedersehen!“ gab Hellstern etwas brummig zurück und tappste weiter. Aber vor der Parktür entlud sich sein Zorn.
„Schellheim scheint den Klaus an sich ziehen zu wollen,“ grollte er. „Ein Baron mehr – das angelt nach uns! Er muß doch gehört haben, wes Geistes Kind unser sauberer Herr Vetter ist! Er muß doch wissen, daß wir das Tischtuch zwischen ihm und uns zerschnitten haben! Himmeldonnerwetter, Hedda, wenn der Kommerzienrat vielleicht auf die wahnsinnige Idee verfallen ist, den Klaus gleichfalls zu heute abend zu laden – ich mache auf der Stelle kehrt! Ich mache kehrt, sage ich dir!“