„Halt mal, Hedda –“ und Hellstern erhob seine Krücken. „Ich war auch jung und ein Brausewind wie der da. Aber ich hielt mein Wappenschild rein. Er hat das seine besudelt. Du weißt nicht, was er alles gemacht hat, um – aber nein, dein Ohr, mein Kind, ist zu keusch, um diese Dinge zu hören. Nur eins laß dir sagen: ich hätte ihm nicht wie einem Banditen mein Haus verschlossen, wenn er nur leichtsinnig gewesen wäre. Und auch nicht der Pastor, der mit dem alten Zernin so treu befreundet war wie ich. Wir hatten unsre guten Gründe, ihn abzuschütteln.... Nun gib mir einen Kuß!“

Er neigte den Kopf, und die Lippen Heddas berührten seine borstige Wange. Doch es war kein Kuß wie sonst. Ein heimliches Angstgefühl begann Hedda zu quälen. Fragen und Zweifel stiegen in ihr auf und noch ein andres quälendes Etwas – das Gefühl, den doch nicht vergessen zu haben, den sie hatte vergessen wollen.

Siebentes Kapitel

Es war die erste größere Gesellschaft, die man auf dem Auschlosse gab. Der Kommerzienrat hatte Herbst und Winterbeginn dazu benutzt, auf den meisten Gütern im Kreise Besuch zu machen, und man hatte den reichen Mann fast überall mit offenen Armen empfangen. Der Grundbesitz in unmittelbarer Umgebung von Oberlemmingen befand sich fast gänzlich in bürgerlichen Händen. Nur Döbbernitz und Kleeberg, letzteres das Gut des Landrats von Wessels, waren Adelssitze. Aber auch aus weiterer Entfernung war eine Anzahl von Gästen eingetroffen: die Familie von Klitzingk auf Wernochow, der Kammerherr von Ponteck auf Klein-Güster, die Nehringens auf Schönwaide und schließlich auch – der Stolz Schellheims – Exzellenz von Usen-Karst auf Karstedt.

Es war zum Diner – zu sechs Uhr – eingeladen worden, eine für ländliche Verhältnisse ziemlich ungewöhnliche Zeit. In langer Reihe fuhren Wagen und Schlitten den Auberg hinauf. Das halbe Dorf war auf den Beinen, um die Auffahrt anschauen zu können. Man stand dicht gedrängt längs des Weges und machte zu jedem Gefährt seine Bemerkungen. Die aus der Umgegend kannte man an den Pferden, den Wagen, dem Kutscher. Da kam zuerst der riesige Verdeckschlitten des Oberförsters, dessen Kasten, die Arche Noah genannt, eine zahlreiche Familie beherbergte: Vater Tornow, die Mutter und drei Töchter, niedliche Dinger, die Auguste, Berta und Constance hießen, von dem die Kürze liebenden Oberförster aber nur A, B und C genannt wurden. Dann die Viktoriachaise des Hauptmanns Biese von Grochau, eines riesigen Menschen mit Bulldogggesicht, der eine ganz kleine, unendlich verschüchterte Frau besaß, – der Schlitten der Frau Necker, einer reichen Rittergutsbesitzerswitwe, unförmlich dick und stets wie ein Puthahn gebläht, – und der Klapperkasten des Doktor Stramin, des Kreisphysikus aus Zielenberg, den man eigentlich nie anders als auf der Landstraße sah: wenn die Praxis ihn nicht unterwegs hielt, reiste er als fanatischer Politiker im Auftrage des konservativen Wahlkomitees umher und hielt seine donnernden Reden, wo es nur angängig war.

Plötzlich ging eine Bewegung durch die Reihen der Zuschauer. Ein merkwürdiges Gefährt raste den Weg hinauf – ein Schlitten in Schwanenform, in dem eine einzelne Dame saß. Sie mußte noch jung sein; ein dunkles Augenpaar leuchtete durch den weißen Schleier, der über die pelzbesetzte Konföderatka gebunden war. Ein kostbarer Pelz hüllte auch die ganze Gestalt ein; die Adjustierung der Pferde zeugte von Reichtum – was aber am meisten auffiel, war die scharlachrote Livree des Kutschers. Einer aus der Menge, Anton Tengler, wußte Bescheid: die Dame war Frau Rittmeister Woydczinska aus Seelen. Nun rasselte ein großer Landauer heran: die Klitzingks aus Wernochow – das breite, rote Gesicht des alten Freiherrn mit dem weißen, auseinandergewirbelten Katerschnurrbart glänzte durch die Fensterscheiben. Hinter ihm zügelte Herr von Wessels, der Landrat, ein noch junger Herr, eigenhändig sein feuriges Rappengespann; dann kam der Schönwaider Schlitten – den Major von Nehringen konnte man schon von weitem an seiner großen Hakennase erkennen, die in glänzender Röte aus dem hochgeschlagenen Pelzkragen hervorlugte. Und abermals rasselte es auf dem hartgefrorenen Fahrdamm, – Donnerwetter, wer war denn das?! Nichts Vornehmes, ganz gewiß nicht, denn der Schlitten bestand nur aus einem einfachen Korbgeflecht, das auf ein Kufenpaar gesetzt worden war, und der Kutscher trug nicht einmal Livree, sondern einen alten Schafpelz. Und der Kutscher saß auch nicht auf der Pritsche, weil keine vorhanden war, sondern neben seinem Herrn, der dicht in einen ehemaligen Militärmantel gewickelt war und die verschossene Jagdmütze so tief in die Stirn gerückt hatte, daß man von dem ganzen Gesicht fast nur den buschigen, graugrünen Schnauzbart sehen konnte. Sicher nichts Vornehmes – nein, diesmal war’s Täuschung: etwas außerordentlich Vornehmes sogar, nämlich Exzellenz von Usen-Karst, ehemals bevollmächtigter Minister und außerordentlicher Gesandter des Reichs bei der Hohen Pforte, Besitzer der Herrschaft Karstedt und, wie man wissen wollte, ein vielfacher Millionär....

Vom Auberge aus grüßte das Schlößchen mit achtzig leuchtenden Augen zu Tal. Es war wie eine Illumination. Die Leute blieben auch nach beendeter Auffahrt noch lange am Wege stehen und schauten hinauf. Trotz der Winterkälte waren die hohen Flügeltüren, die durch eine kleine Entree in die Halle führten, weit geöffnet, und von hier aus strömte eine ganze Flut gelben Lichts ins Freie und mischte sich in die rote Glut, die die beiden mit brennendem Pech gefüllten, auf schlankem eisernen Unterbau ruhenden Pfannen zu seiten des Portals ausströmten.

Der Kommerzienrat hatte alles aufgeboten, seine Gäste würdig zu empfangen. Auch die Zahl der Dienerschaft war vermehrt worden. Drei Galonnierte halfen den Herrschaften aus Schlitten und Wagen, und in der Entree warteten zwei Kammerzofen, um die Damen in die Garderobe zu geleiten. Es ließ sich nicht leugnen: alles hatte Chic. Der Kommerzienrat war zu weltklug, bei dieser Gelegenheit der leichten Neigung zur Protzigkeit, die dem intelligenten Parvenü zuweilen noch anhaftete, nachzugeben.

Flankiert von Gattin und Sohn – Hagen hielten die Geschäfte in Berlin zurück –, empfing er die Gäste in der Halle, die eine angenehme Wärme durchströmte, und in deren großem Kamin ein helles Feuer flackerte. Man schüttelte sich die Hände, und immer wieder kehrten dieselben Begrüßungsphrasen zurück.

„Herr Oberförster – freue mich sehr, sehr.... Gnädigste Frau! ... Meine verehrten jungen Damen! ... Ah – Herr von Nehringen – freue mich sehr, sehr – meine gnädige Frau! ... Exzellenz – freue mich sehr, sehr ...“