Und diesmal verbeugte sich Schellheim ganz besonders tief. Der alte Usen, der mit seinem weißen Schnauzbart in dem weinroten Gesicht und den schweren Tränensäcken unter den kleinen, listig funkelnden Augen und mit dem burgunderfarbenen Fes, den er auf dem haarlosen Scheitel trug, wie ein Pascha aussah, grunzte etwas Unverständliches vor sich hin und schielte dabei lüstern zu der schönen Frau Woydczinska hinüber, die Herr von Wessels, ihr Gutsnachbar, soeben in die Salons führte. Diese drei Salons hatte der Kommerzienrat durchweg neu einrichten lassen, und da gerade der Empirestil in der Mode war, so prangten in allen drei Gemächern die geradlinigen steifen Sofas und Sessel der napoleonischen Zeit; auch eine Bronzebüste Bonapartes und ein Ölbild des Königs von Rom fehlten nicht. In den Kronleuchtern brannten Wachskerzen und die Tapeten zeigten ein modernisiertes Grecquemuster. Es war alles stilgerecht.
Die Gäste fluteten in den Empirezimmern hin und her. Noch immer begrüßte man sich oder ließ sich vorstellen. Ein Summen und Rauschen ging durch die Gemächer. Baron Hellstern hatte ein paar gute alte Bekannte wiedergefunden und plauderte mit ihnen in einer Fensternische, fest auf seine Krückstöcke gestützt, denn er fühlte sich unsicher auf dem blanken Parkett und getraute sich nicht, sich auf einem der zierlichen Stühle mit ihren vergoldeten Füßen niederzulassen. Hedda stand mitten unter den jungen Mädchen, die einen Kreis um sie bildeten; fröhliches Lachen klang aus dieser Gruppe, besonders das A, B, C des Oberförsters kicherte beständig und gewöhnlich unisono, in drei Tonlagen. Exzellenz Usen hielt die tief dekolletierte Frau Woydczinska fest und schmunzelte dabei über das ganze Paschagesicht. Sie war die Witwe eines Polen und selbst Polin, eine schöne, kokette Frau, der man allerhand nachredete, die sich aber um keinen Klatsch der Welt kümmerte und ihre emanzipierten Allüren frei zur Schau trug. Auch Pastor von Eycken war gekommen; er war den meisten fremd – Gunther besorgte die Vorstellung.
Ziemlich zuletzt erschien Klaus von Zernin, mit heiterem Gesicht und einem etwas spöttischen Zug um den Mund. Er war boshaft genug, sich über die Überraschung zu freuen, die sein Auftauchen hervorrufen würde; er verkehrte seit Jahren nicht mehr in den Familien der Umgegend. Die Mütter schilderten ihn als verworfenen Wüstling, und sämtliche Backfische zitterten in süßem Schaudern vor ihm. Als er eintrat, stockte plötzlich die Unterhaltung; es wurde ängstlich still. Die Oberförsterin glitt in instinktiver Aufwallung ihres mütterlichen Herzens wie schützend an ihr rosenwangiges A, B, C heran. Hellstern, der neben dem Landrat stand, wollte aufbrausen, begegnete aber dem warnenden Blicke Heddas und schluckte seinen Groll mit verbissenem Gesicht in sich hinein. Im übrigen wich die allgemeine Bestürzung rasch wieder einer um so lebhafteren Unterhaltung, mit der man glättend über das auffallende Geschehnis hinweggehen wollte. Herr von Zernin war allen bekannt; mit der Eleganz eines vollendeten Weltmannes verneigte er sich nach allen Seiten, immer mit gleich liebenswürdigem Lächeln, ohne die eisigen Gesichter der Herren, die frostigen Mienen der Damen und die Purpurglut auf den Wangen der Backfische zu beachten. Zu allgemeinem Entsetzen streckte ihm Frau Rittmeister Woydczinska unbefangen die Hand entgegen.
„Grüß Gott, lieber Baron,“ sagte sie freundlich; „wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht gesehen!“
Und dann geschah noch etwas Überraschendes. Auch Exzellenz Usen reichte Zernin die Hand, vielleicht nur aus Gefälligkeit für seine schöne Nachbarin, vielleicht auch, um deren Unbegreiflichkeit ein wenig zu verdecken, – aber jedenfalls stand die Tatsache fest: er begrüßte den Verfemten in sehr herzlicher und entgegenkommender Weise. Und das wirkte wie ein Zauberschlag auf die ganze Gesellschaft. Unwillkürlich wurden die Mienen freundlicher, und der Landrat flüsterte Hellstern erstaunt und fragend ins Ohr: „Der Zernin rappelt sich wohl allmählich wieder in die Höhe?“
Hellstern antwortete nicht, sondern begnügte sich mit einem Achselzucken. Die Diener hatten die Türen zum Eßzimmer geöffnet; der Alte war neugierig, wen man dem Klaus als Tischnachbarin gegeben haben würde. Er vermutete, die Woydczinska, denn die beiden paßten in mancherlei Beziehungen zu einander – aber sein Gesicht färbte sich dunkel, als er sah, daß während des allgemeinen Aufbruchs Zernin auf Hedda zuschritt und ihr den Arm reichte.
Der Kommerzienrat hatte sich dies beim Entwurf zur Tafelordnung wohl überlegt. Er hatte gehört, daß Herr von Zernin seines Leichtsinns und seiner brouillierten Verhältnisse wegen in schlechtem Rufe stand, – da er indessen seine Pläne mit ihm hatte, so lag ihm daran, ihn langsam wieder in die Gesellschaft einzuführen. Es war schwer, für ihn eine passende Tischdame auszuwählen, aber da fiel Schellheim zum guten Glück ein, daß die Baronesse Hellstern ja eine entfernte Cousine Zernins war. ‚Die beiden Verwandten werden sich schon vertragen,‘ sagte er sich und schrieb die Namen nebeneinander.
Das Diner war vortrefflich. Exzellenz Usen konnte nicht umhin, seiner Nachbarin zur Rechten, der langen und mageren Frau von Ponteck, zuzuraunen, daß alles einen recht vornehmen Eindruck mache. Und so war es in der Tat. Der Kommerzienrat hatte Geschmack. Das Menü war nicht übertrieben, das Service tadellos. Lautlos huschten die Diener hinter den Stühlen der Gäste entlang; es ging alles wie am Schnürchen. Dabei war der Anblick der Tafel ein glänzender. In den kostbaren Aufsätzen aus Silber und Vieux Saxe blühte ein ganzer Frühlingsflor. Die Mitte des Tisches nahm eine Art Pyramidenbau aus Silberfiligran ein, der zahllose schräg gestellte Kristallbecher trug, aus denen eine Fülle köstlicher Rosen in allen Farbennuancen hervorquoll. Und der Duft dieser Rosen flutete in den Geruch der Speisen hinein, der großen Fleischstücke, die von den Dienern auf Riesenschüsseln präsentiert wurden, geschmackvoll angerichtet, die Fasane in rotem Federschmuck, gleichsam lebendig, und die breiten Rehrücken so ausgezeichnet tranchiert, daß man kaum die Schnittlinien sah. Das gefiel Exzellenz Usen-Karst besonders; er tat sich auf seine Tranchierkunst etwas zu gute und hatte schon lange die Absicht, ein Handbuch darüber zu schreiben, obwohl er genau wußte, daß er es nie tun würde.
Solch ein Diner war auf den märkischen Landsitzen nicht üblich; da gab man’s einfacher, wenn man Gäste bei sich sah. Aber es schmeckte allen ganz ausgezeichnet. Der dicke Hauptmann Biese aus Grochau ließ keinen Gang vorüber und nahm jedesmal zweimal; er hatte sich die Serviette um den Hals gebunden, sprach wenig, aß den Fisch mit dem Messer und tupfte die Soße mit kleinen Brotstückchen auf. Die jungen Mädchen wurden bei den Gemüsen interessierter; Artischocken und Trüffeln in der Serviette hatten bisher die wenigsten gegessen. Auch Fräulein Gerlinde noch nicht, die Tochter des Kammerherrn von Ponteck, die demnächst bei Hofe vorgestellt werden sollte, aber sie tat wenigstens so, und da sie gegen diese Genüsse vollendet gleichgültig erscheinen wollte, zerstach sie sich den Finger an einer Artischockenspitze. Exzellenz Usen hielt sich hauptsächlich an die Präsentierweine; sein martialisches Gesicht glühte förmlich, und der buschige Schnauzer leuchtete schneeweiß.
Gunther hatte das kleine C des Oberförsters zu Tische geführt, eine niedliche Brünette, die aus dem Entzücken nicht herauskam und sich jedesmal auf dem Stuhle geraderückte, wenn ein Blick der Mutter sie traf, denn das Geradesitzen war ihr besonders vorgeschrieben worden. Gunther gab sich alle Mühe, seine kleine Nachbarin gut zu unterhalten, doch er fühlte selbst, daß es ihm nicht so recht gelingen wollte. Er war zerstreut. Sein Auge flog zuweilen mit ängstlichem Aufblick zwischen das flimmernde Gläsermeer auf dem Tische hindurch und suchte Hedda. Auch sie war zerstreut – vielleicht langweilte sie sich auch. Sie sprach wenig, und Gunther schien es, als sei sie heute blasser als sonst.