Das war sie. Der Schrecken, von Klaus zur Tafel geführt zu werden, hatte jeden Blutstropfen aus ihren Wangen vertrieben. Aber sie verstand es, sich zu beherrschen. „Man lebt doch einmal in der Welt,“ hatte sie ihrem Vater gesagt. Und dieser Philosophie schien sich selbst der Alte gefügt zu haben. Er sah noch immer sehr brummig aus, aber er machte wenigstens keine Dummheiten.
Auch Zernin schickte sich mit Anstand in die Situation. Das war zu erwarten gewesen. Er tat, als sei niemals etwas zwischen ihm und der Cousine geschehen; es gab keine himmelhohe Mauer und keine abgrundtiefe Kluft – heiter und freundschaftlich begann er mit ihr zu plaudern.
„Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädigste Cousine –“
„Lange nicht – wie ist es dir inzwischen ergangen?“
„Nicht besser als einem, der auf einem Pulverfasse sitzt und jeden Augenblick auf die Explosion wartet. Aber das ist eine Situation, die auch ihre Reize hat – bis einem schließlich das Nervenprickeln zu viel wird und man allmählich abstumpft. Du hast deine Tage auf dem Baronshofe vermutlich friedlicher verbracht.“
„So friedlich, daß ich mich nicht beklagen kann.“
Er dämpfte seine Stimme ein wenig; im lauten Geräusch der auf und nieder wogenden Unterhaltung vermochten sich übrigens nur die nebeneinander Sitzenden zu verstehen.
„Du mußt mir verzeihen,“ sagte er, „daß ich mein Versprechen nicht halten konnte. Anderthalb Jahre hindurch habe ich die Grenzlinie zwischen Oberlemmingen und Döbbernitz respektiert. Ob es mir leicht wurde, tut nichts zur Sache – jedenfalls hab’ ich mein Wort eingelöst. Aber nun ging es nicht anders; ich stehe wieder einmal an der Wende. Döbbernitz wird im Frühjahr endgültig subhastiert werden.“
Das war neu für Hedda und schmerzlich. „Also mußte es doch dahin kommen,“ sagte sie leise.
Er nickte. „Ich habe seit drei Jahren darauf gewartet. Ein Dutzend Termine wurden angesetzt, und immer schaffte ich noch im letzten Augenblick Hilfe. Jetzt sind alle Quellen versiegt – bis auf eine, die erst zu sprudeln beginnt, die auf der Grauen Lehne –“