„Was hat die mit dir zu tun?“
„Viel. Schellheim spekuliert auf Döbbernitz. Ein unternehmender Geist, sozusagen der Typus der neuen Zeit, die im Zeichen der Industrie steht, und vor der wir Landjunker die Segel streichen müssen. Das ist nun mal nicht anders. Enfin – unser liebenswerter Gastgeber hat mir vorgeschlagen, Kurdirektor von Oberlemmingen zu werden. Was sagst du zu dieser Idee?“
Hedda antwortete nicht sofort. Das, was Klaus erzählte, kam so überraschend für sie, daß sie sich Mühe geben mußte, ihr Erstaunen zu verbergen. Sie schüttelte den Kopf. War das nicht einfach verrückt? Wollte der Kommerzienrat denn die ganze Umgegend gegen sich erbittern? Nein, dazu war er zu klug; er mußte seine besonderen Absichten mit Klaus haben. Aber es war doch verrückt. Klaus paßte im Leben nicht in eine solche Stellung, die großes administratives Geschick erforderte. Und schließlich mußte es für ihn selbst demütigend sein, sich einen neuen Wirkungskreis in unmittelbarster Nähe des durch eigne Schuld verlorenen zu schaffen. Und endlich – dieser letzte Gedanke trieb Hedda das Blut in die Wangen –, war es denn nicht qualvoll, sich nach alledem, was geschehen war, täglich sehen, begrüßen und sprechen zu müssen?
Zernin neigte sich etwas tiefer über den Teller.
„Du scheinst nicht der Ansicht zu sein, daß das changement de la position sonderlich beglückend für mich ist,“ fuhr er fort. „Nein, Hedda, das ist es wahrhaftig nicht. Aber was soll der Mensch machen? Mein letzter Ausweg war die Fremde – Amerika, der Sammelplatz der verkrachten Existenzen. Hans Zesingen ist auch schon drüben – ich glaube, er ist Barkeeper in New York und mischt für andre Porter und Sekt, seinen alten Lieblingstrunk. Da bleib’ ich schon lieber daheim. Man muß sich in die Verhältnisse zu schicken suchen. Der Junkerschädel hält nicht mehr stand. Die Handelsverträge und das römische Recht sind unser Unglück –“
Er sprach weiter und weiter, immer halbleise, vom Ruin der Landwirtschaft und Niedergang des alten Adels. Aber Hedda hörte nur den Schall der Worte – sie achtete kaum auf den Sinn. Seltsam, wie sehr sich Klaus verändert hatte. Er war doch nicht der alte geblieben, er hatte sich „in die Verhältnisse geschickt“. Es war wohl das beste für ihn, und trotzdem war sich Hedda klar darüber: der wilde, trotzige Bursche von ehemals, der auf die Welt „pfiff“ und mit grimmigem Lachen aller Zucht und Sitte spottete, hatte mehr Charakter gezeigt als der sich glatt fügende Diplomat von heute.
Das Diner näherte sich seinem Ende. Da rasch serviert worden war, so hatte es kaum über eine Stunde gedauert. Die Diener reichten Dessert und Früchte herum, und die Backfische des Oberförsters machten glückliche Gesichter: sie knabberten gar zu gern Süßigkeiten. Der dicke Hauptmann Biese hatte seine Serviette abgebunden und sah sehr zufrieden aus; so ausgezeichnet hatte es ihm lange nicht geschmeckt. In der Tat, das Diner war sehr gelungen, und der Kommerzienrat nickte in einer Aufwallung ehelicher Liebenswürdigkeit seiner Gattin über den Tisch herüber freundlich lächelnd zu.
Plötzlich klinkte Exzellenz Usen-Karst an sein Glas. Man hatte schon längst darauf gewartet. Tiefe Stille trat ein, die nur einmal durch das Aufkichern des oberförsterlichen B unterbrochen wurde. Die dicke Exzellenz wuchtete vom Stuhle empor, stemmte die Hände mit den Knöcheln fest auf den Tisch, atmete tief auf, dabei einen pfeifenden Luftstrom durch die Nase stoßend, und begann dann zu sprechen. Der alte Diplomat, dem die böse Welt nacherzählte, daß er seine Millionen in Konstantinopel mit Hilfe eines griechischen Bankiers durch ganz raffinierte Spekulationen verdient hätte, und daß er auch auf seiner Herrschaft Karstedt ein tolles Serailleben führe, war ein geistreicher Mann und ein vorzüglicher Sprecher. Man wußte, daß er die Extravaganzen liebte, und erwartete auch bei dieser Gelegenheit etwas Ähnliches, zumal die Rede mit einer humoristischen Lobhymne auf die Industrie anfing. Sie beginne langsam auch hier, in diesem verlorenen märkischen Winkel, an Boden zu gewinnen, wo bisher der Menschengeist sich höchstens bis in die Regionen von Kartoffelspiritus und Schlempe verstiegen habe. Und dann ging es weiter, in buntem und lustigem Durcheinander – ein ganzes Feuerwerk guter Einfälle sprühte auf.
Usen sprach von allem möglichen: von der Notwendigkeit einer Aussöhnung zwischen Industrie und Landwirtschaft, vom Wetter, von seinen Weinbergen und von schönen Frauen, von Lukullus und von seiner Freude darüber, daß ein so tüchtiger Vertreter des kaufmännischen Standes, wie der Kommerzienrat Schellheim, sich im Kreise angekauft habe. Und dann berührte er auch die neue Quelle, von der bereits die ganze Gegend spreche, und deren Ausbeutung in die Hände des scharmanten Gastgebers gelegt worden sei. Ein Heilquell sei es, und dem Heil der Menschheit solle sein Wasser dienen, ein Getränk, das er im allgemeinen verabscheue, dem er als Mittel zum Zweck aber seine Anerkennung nicht versagen könne. Daran schloß sich ein Passus, der auf aller Mienen die mannigfachsten Variationen von Erstaunen hervorrief. Usen sagte nämlich:
„... Daß Oberlemmingen einer neuen, zukunftsfrohen Ära entgegengeht – ja, ja, mein alter, verehrter Freund Hellstern –, daran zweifle ich nicht. Ich höre, daß mit unserm liebenswürdigen Wirt noch ein andrer Eingesessener des Kreises an die Spitze des Unternehmens treten will, – und ich hoffe, daß das frisch sprudelnde Wasser in der Buchenhalde auch für ihn ein Heilquell werden wird. Nach Heilung dürsten wir schließlich alle, und wenn es uns noch so gut ergeht. Denn jede Heilung ist ein Besserwerden, und wen gibt’s, der selbstlos genug wäre, es sich nicht besser zu wünschen, als er es hat! Ach nein, gestehen wir es uns: wir sind Egoisten, und auch ein Stück Pharisäertum schlummert in unsrer Brust. Neben der Hoffnung auf das Besserwerden wohnt Tür an Tür das Besserdünken. Und so kommt es leicht, daß der Pharisäer in uns sich gewaltig reckt, wenn einmal der Mitmensch gefehlt und geirrt hat. Ich hatte einen Freund unten im Orient, der war weise und gut, aber er trank Wein und nicht wenig, und das durfte er nicht, denn er war Mohammedaner. Und wenn man ihm sagte, daß er sündige, so antwortete er: ‚Geh hin nach Chanimbaïri und sieh, ob du nicht sündig bist.‘ Dort liegt nämlich ein Brunnen, von dem die Sage erzählt, daß im Wasserspiegel sich Flecken zeigen, wenn ein sündhafter Mensch hineinschaut. Und so mein’ ich auch – ehe wir verdammen und verurteilen, gehen wir nach Chanimbaïri ...“