„Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Baron, daß ich eine ernsthafte Aussprache mit ihm gehabt habe. Eine sehr ernsthafte. Ich habe ihm die Sache ausreden wollen. Trotz neunzehntem Jahrhundert und allen gegenteiligen Versicherungen sind wir noch nicht über die Klippen und Untiefen gewisser gesellschaftlicher Vorurteile hinweggekommen. Der uralte Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum scheidet auch uns zwei. Sie haben den Ruhm des historischen Namens, ich nichts als das stolze Bewußtsein, ein Emporkömmling zu sein. Nun ja, auch darauf bin ich stolz, denn was ich erreicht habe, erreichte ich durch mich selbst. Plebejerstolz meinethalben, doch auch ihn soll man respektieren. Und das war’s, was mir Sorge machte, war der Grund, der mich dazu trieb, Gunther die Sache aus dem Kopfe zu reden: ich fürchtete, in meinem Stolze verletzt zu werden ...“
Der Freiherr hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er war sehr ernst geworden. Er hatte in diesem Augenblick nur das eine Empfinden: sich so zu beherrschen, daß er den Kommerzienrat nicht kränkte, nicht beleidigte. Denn in der Tat – das wollte er nicht; es war doch etwas Respekteinflößendes in dem Wesen dieses Mannes, so meilenfern dessen Anschauungswelt auch der seinen lag.
Er ließ die Hand sinken.
„Zunächst die Hauptsache,“ fragte er; „haben die beiden sich schon verständigt?“
Schellheim schöpfte tief Atem. Es flog sonnig über sein Gesicht. Eine strikte Absage hatte er nicht erwartet, aber ein langes Poltern. Und nun war Hellstern so ruhig, wie man ihn selten sah.
„Nein,“ antwortete der Kommerzienrat, „sie haben sich noch nicht ausgesprochen. Aber – Sie wissen, wie die Liebe forscht. Aus hundert kleinen Zügen hat Gunther die Berechtigung zur Werbung herleiten zu dürfen geglaubt.“
Hellstern schüttelte den Kopf.
„Hedda hat mir keinerlei Andeutungen gemacht, nicht die kleinste. Sie hat Gunther – hat Ihren Herrn Sohn –“
„Sagen Sie ruhig Gunther, lieber Baron –“
„Hat Ihren Herrn Sohn ja doch auch erst zwei- oder dreimal gesehen! Freilich, das will nichts bedeuten. Ich lernte meine gute Selige des Abends kennen, und am nächsten Abend waren wir Brautleute. Aber es frappiert mich doch, daß Hedda – nun, und Sie, Kommerzienrat? Abgesehen von Ihren prinzipiellen Bedenken: würde Ihnen die Heirat passen?“