Jetzt glaubte Schellheim seiner Sache sicher zu sein. Aber als kluger Mann triumphierte er nicht.
„Gott, Herr Baron,“ erwiderte er, „ich bin kein Komödienvater. Ich habe das Für und Wider reiflich erwogen und mit meinem persönlichen Empfinden nicht hinter dem Berge gehalten. Und ich würde die Sache noch erheblich ernster aufgefaßt haben, wäre Baronesse Hedda eine andre. Aber so! Ich muß Ihnen sagen, lieber Baron, daß ich vor Baronesse Hedda die allergrößte Hochachtung habe –“
„Der Teufel soll dich holen, wenn du es nicht hättest,“ dachte Hellstern.
„– und daß ich sie wahrhaft schätzen gelernt habe. Gerade die Anspruchslosigkeit ihres Wesens – das ist’s, was mir so gut an ihr gefällt. Und ich meine, die hat sie von Ihnen gelernt, Baron, Sie sind auch so.“
„Wir sind alle so,“ erwiderte Hellstern. „Der märkische Adel hat sich immer nach der Decke strecken müssen. Er hat immer um Leben und Existenz gekämpft, und brach einmal einer zusammen, so geschah’s in Ehren, wie draußen auf dem Schlachtfelde. Mit Ausnahmen natürlich – die gibt’s überall. Und wenn die liberalen Zeitungen der Welt erzählen, daß unser Adel sein Geld verjuxt habe, so schwindeln sie einfach –“
Er hielt einen Augenblick inne. Sein Großvater fiel ihm ein, ein wilder Mann, von dessen unsinniger Verschwendungssucht ihm die Mutter oft genug erzählt hatte. Ein Schatten flog über seine Stirn, und er winkte mit der Hand.
„Und Ihre Gattin, Herr Kommerzienrat?“ fragte er. „Wie denkt sie über die Heirat?“
Schellheim lächelte. „Sie war von vornherein der Meinung, daß man dem Glücke unsres Sohnes keine Schwierigkeiten bereiten dürfe.“ Er seufzte. „Das ist es ja – im Grunde genommen ist ihr Standpunkt der einzig richtige. Ich möchte Gunther auch glücklich sehen. Er ist eine stille, bescheidene Natur, ein Ideologe, ein echter Gelehrter. Nun gut – ich habe nichts dawider, da er sich seinen Beruf doch einmal selbst gewählt hat und seine irdische Seligkeit von allerhand alten Scharteken abzuhängen scheint. Aber ich will ihm wenigstens den Weg ebnen helfen. Er kann seine Dozentenstellung aufgeben; als Privatgelehrter kann er sich seinen Studien noch besser widmen. Ich möchte wissen, wem es so bequem gemacht wird. Dann mag er ein paar Wintermonate in Berlin oder sonstwo verleben, meinetwegen auch auf Reisen, und im Sommer hat er Döbbernitz. Das ist auch für Sie von Wert, lieber Baron. Sie haben Ihre Tochter immer in der Nähe, können täglich ein Stündchen mit ihr zusammen sein, wenn Sie Lust haben –“
„Und wenn aus der Heirat etwas wird,“ fiel Hellstern ein. Er erhob sich schwerfällig. „Nun hören Sie auch einmal meine Ansicht, lieber Kommerzienrat. Ich will ehrlich sein: ich bin nicht für die Heirat. Auch ich habe meine prinzipiellen Bedenken – genau so wie Sie. Kein Mensch kann aus seiner Haut. Hätt’ ich einen Jungen und Sie hätten ein Mädel – ich würde mit Freuden ja und Amen sagen, wenn die beiden sich liebten und haben wollten, denn dann würde Ihre Tochter und die Nachkommenschaft unsrer Kinder meinen Namen tragen. Nichts für ungut, Herr Schellheim. Auch Ihr Name ist gut, nicht schön, aber ehrlich und fleckenlos. Achtung vor ihm! Doch ich stecke wirklich noch etwas in Vorurteilen; ich würde es lieber sehen, wenn Hedda einen Edelmann heiratet. Keinen vom Schlage Zernins natürlich – Sie verstehen mich schon! Nennen Sie mich töricht, verbohrt, bettelstolz – ich lass’ mir’s gefallen. Ich kann nicht anders – ich muß Ihnen die Wahrheit sagen ...“
Schellheim war etwas blaß geworden, und Hellstern sah das. Er legte seine Hand auf die Schulter des Kommerzienrats.