„Denken Sie mal nach, lieber Freund,“ fuhr er fort; „wir haben uns nie verstanden – ich meine nicht wir zwei, sondern Adel und Bürgertum im allgemeinen. Die Feindschaft hat nie geruht, zur Zeit des Städtewesens so wenig wie heute. Sie lesen doch auch die Zeitungen. Die ganze liberale Presse paukt auf dem Junker herum –“

„Doch nicht auf dem Adel, Herr Baron. Sie unterscheidet zwischen dem Junkertum, das nur Prärogative und keine Pflichten kennt, und dem wahren Adel, der mit der Vornehmheit des Namens auch die der Gesinnung verbindet.“

„Ich will mit Ihnen nicht über die Verlogenheit unsrer Presse streiten, Herr Kommerzienrat. Die Adelshetze wird systematisch betrieben – das ist Tatsache. Offizierkorps, Diplomatie, Landräte, die adeligen Beamten – alles Schufte, Schufte in den Augen des Liberalismus! Nur die paar, die zur gleichen politischen Fahne schwören, der Stauffenberg und Saucken-Tarputschen und Forckenbeck und wie sie sonst noch heißen mögen, – das sind leuchtende Ehrenmänner! Nee, lieber Freund, an dem Faktum, daß die Kluft zwischen Bürger und Edelmann immer mehr vertieft wird, ist nicht zu rütteln. Und auch ein paar Heiraten herüber und hinüber überbrücken sie nicht. Na – und nun wieder zur Sache! Meinen Standpunkt kennen Sie. Aber auch in andrer Beziehung geht’s mir wie Ihnen. Ich will gleichfalls das Glück meiner Tochter. Ich werde mit ihr sprechen, werde sie einfach fragen, ohne zu- oder abzureden, werde ihr sagen: ‚Hör mal, der Gunther Schellheim ist in dich verschossen, hast du auch etwas für ihn übrig, und wie denkst du über eine Ehe mit ihm?‘ Und nach ihrem Ja oder Nein werde ich handeln. Ich meine, das ist das Vernünftigste. Einverstanden, Schellheim?“

Er hielt ihm die Rechte hin, und der Kommerzienrat schlug ein. „Wie sollte ich nicht!“ antwortete er. Und sie schüttelten sich die Hände.

„Nun aber zurück zur Gesellschaft,“ sagte Hellstern. „Man glaubt sonst, ich wollte Aktionär Ihrer Quelle werden ...“ Er schob seinen Arm unter den des Rats. „Also ich denke, ich werde Ihnen schon morgen Antwort erteilen können.“

Achtes Kapitel

Als die Herren in die Salons zurückkehrten, rüsteten die Pontecks, Biese mit seiner Frau und die oberförsterliche Familie bereits zum Aufbruch. Gunther suchte nach seinem Vater, der sich von Hellstern getrennt hatte und den allgemeinen Aufbruch verhindern wollte.

„Wo steckst du denn, Papa?“ fragte Gunther.

Schellheim klopfte ihm auf die blasse Wange.

„Ich habe für dich gewirkt, mein Junge,“ entgegnete er schmunzelnd. „Der Alte ist entgegenkommender als ich dachte, aber der Tick sitzt ihm doch im Kopfe. Es hängt alles von Hedda ab. Sagt sie ja, so könnt ihr schon morgen verlobt sein. Und ich fühl’ es: sie wird ja sagen ... Später mehr davon. Warum bricht denn schon alles auf? Es ist ja kaum zehn. Haben die Diener Bier präsentiert? Die Mama bekümmert sich nie um dergleichen – wenn ich nicht überall hinterher bin –“