„Es war ja doch nicht die Heidekamp allein in der Klasse,“ warf jetzt Oberlehrer Kahl ein, weniger um Fräulein Nissen zu helfen, als um sich selbst dem Vorgesetzten bemerkbar zu machen. „Die andern haben sich alle durchaus ruhig verhalten.“
Jetzt trat auch Professor Traute auf den Plan: „Unser hochverehrter, leider zu früh entschlafener Direktor Clausen hat immer für die Aufklärung gewirkt,“ sagte er. „Seine Schülerinnen in der ersten Klasse gingen unbeschwert von Märchenballast in das unerbittliche Leben hinein. Fräulein Nissen und ich sind von ihm in diesem Sinne geschult worden.“
„Lassen Sie den Verstorbenen aus dem Spiel,“ gebot Dr. Hofer rauh, „ich möchte sonst den Spruch vergessen: De mortuis nil nisi bene.“
„Auch ich,“ sagte Lehrer Asmus, „stelle mich auf die Seite des Herrn Professor Traute; meine Tochter Agnes ist gleichfalls von Fräulein Nissen aufgeklärt worden, und meine Frau war damals froh, dieser unangenehmen Aufgabe enthoben zu sein.“
„Was heißt ‚damals‘?“
„Es war schon vor ein paar Jahren. Fräulein Nissen führte die vierte Klasse.“
„Die vierte!“ Der Provinzialschulrat ließ seine Hand schwer auf den Tisch fallen. „Fräulein Nissen, sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“
Die Angeredete brach in ein hysterisches Schluchzen aus. Dr. Hofer wendete sich, um ihr Gelegenheit zur Beruhigung zu geben, Fräulein Henny Freitag, der Hilfslehrerin, zu. „Nun, mein liebes Fräulein, Sie brauche ich ja eigentlich nicht zu fragen. Aus Ihren Augen leuchtet noch der ganze Idealismus Ihrer neunzehn Jahre...“
Fräulein Freitag schlug lächelnd die Augen nieder: „Ach, ich bin doch sehr dafür...“