Dr. Hofer maß sie mit eigentümlichen Blicken.

„So! Wie man sich täuscht,“ meinte er mit grimmem Humor. „Mir erzählte Herr Schulrat Wiese, der neulich bei Ihnen zuhörte, Sie hätten so wenig gelernt, daß Sie Ihre Klasse in keinem Fache ‚aufklären‘ könnten.“

Er wendete sich von der Verblüfften ab und wieder Fräulein Nissen zu.

„Sie hören ja, Fräulein Freitag ist auch sehr ‚dafür‘. Hätte sie die Sache besorgt, so konnte man den lapsus ihrer Jugend und — sonst noch einigem zugute rechnen. Aber Sie, Fräulein Nissen, mußten sich bewußt sein, daß Sie heilige Rechte verletzten.“

„Worauf fußen denn die Anklagen gegen mich?“ fragte Fräulein Nissen gereizt. „Nur auf Sörines Klatscherei?“

In Sörensens Stirn zog zornige Röte.

„Es ist tief bedauerlich, daß Sie Ihre Schülerinnen nicht besser kennen. Nicht ein Wort hat Sörine von Heidekamp erzählt... Auch ist es gleichgültig, wer aus Ihrer Klasse darüber berichtet hat, — heute ist ja doch die ganze Stadt voll davon, — eine Flut von Briefen hat sich auf meinen Tisch ergossen, bis jetzt las ich nur bittere Vorwürfe und Ausrufe der heftigsten Entrüstung. Sie haben sich eine Suppe eingebrockt, Fräulein Nissen, an der Sie lange essen werden. —“

Der Schulrat und Sörensen verließen die Versammlung.

„Geben Sie mir einen Löffel und gestatten Sie, daß ich die Suppe mit Ihnen teile,“ wandte sich Oberlehrer Kahl mit verbissenem Gesicht an die Gemaßregelte. „Wenn dabei gewisse Personen einen Klaps mit diesem Löffel abbekommen, soll’s mir eine Wonne sein.“