„Fräulein Nissen, hier kommt es nicht auf Ihren guten Glauben an. Wenn Sie einem Schulkind ein Federmesser fortnehmen im guten Glauben, es sei das Ihre, dann können Sie es ihm zurückgeben, wenn Sie Ihren Irrtum bemerken. Das, was Sie der kleinen Heidekamp fortgenommen haben, können Sie ihr nie wieder zurückgeben. Wird sich Ihr Gewissen damit abfinden?“

„Jawohl, Herr Provinzialschulrat. Denn ich habe ihr Besseres dafür gegeben.“

„Alle Achtung vor Ihrem großartigen Selbstbewußtsein. Ich wollte, es hätte einer schöneren Sache gedient. Und was nennen Sie ‚Besseres‘? Ist Unschuld und Kindesgläubigkeit nicht das Beste?“

„Erkenntnis ist besser als Ammenmärchen.“

„So ungefähr sagte auch die Schlange im Paradiese.“

„Herr Provinzialschulrat!!!“

„Ammenmärchen kenne ich nicht, Fräulein Nissen, ich kenne nur Muttermärchen. Heilig sind diese. Haben Sie mich verstanden?“ Dr. Hofer ging mit raschen Schritten mehrmals durchs Zimmer, dann blieb er wieder vor ihr stehen. „Haben Sie die verstorbene Frau von Heidekamp gekannt?“

„Nein.“

„Nun, Sie werden mir altem Griesgram nicht viel Kenntnis in der Engelkunde zutrauen, — aber — so — geradeso wie Frau Lore von Heidekamp müssen Engel meiner Meinung nach beschaffen sein... Ich habe sie gekannt, die gütige, feine, reine Frau, die ihr Kreuz trug wie ein Held... Fräulein Nissen! Geschämt habe ich mich heute. Ihrer Tat hab’ ich mich geschämt vor den Manen jener Heimgegangenen...“