„Ahhh, Zeus macht Schule,“ flüsterte Kahl hämisch, „mich dünkt, wir haben dieses Urteil in der gleichen Form schon einmal gestern nachmittag gehört. Aber gottlob sind wir andern ja auch nicht gerade verblödet und vermögen uns selbst eine Meinung zu bilden.“

„Das können Sie ja auch laut sagen,“ entgegnete ihm Fräulein Doktor.

„Will ich auch. — Kollege Asmus, Sie sitzen immer so stumm da, wie denken Sie denn über den Fall?“

„Ich bin der Meinung, jede einzelne Mutter kann Fräulein Nissen dankbar sein, daß sie den Eltern diese heikle, undankbare Sache abgenommen hat.“

„Heikle, undankbare Sache?“ rief Fräulein Doktor. „So nennt ihr verheirateten Leute, ihr Väter heranwachsender Töchter das heiligste, zarteste Gespräch, das es zwischen Mutter und Tochter geben kann? Da kann ich angehende alte Jungfer freilich einpacken mit meinem Idealismus.“

Kahl zeigte albern lachend nach dem Storchnest auf dem Rathausgiebel: „Wenn Ihr Idealismus noch da oben drin steckt, dann können Sie freilich einpacken.“

„Nein, den Gefallen tue ich Ihnen aber nicht. Gerade der Fall Sörine Heidekamp bestärkt mich darin. Also so was gibt es doch noch auf der Welt, und nicht nur in der einen Sörineausgabe, sondern in einer ganzen Reihe empörter, aufgescheuchter und verstörter, junger Zweitklässler. Aber was mich so stutzig macht, das ist, daß ich meinen Idealismus gegen Mütter und Väter ins Feld führen muß... Darüber komme ich vorläufig noch nicht hinweg. Bisher habe ich euch Verheiratete immer beneidet, — ich tu’s nicht mehr.“

„Werfen Sie nicht alle in einen Topf, Kollega.“ Das rief eine völlig fremde Stimme. Man hatte die offene Tür nicht bemerkt, in der zwei Herren standen. Der Direktor führte seinen Gast herein. Es war ein lebendiger, frischer, älterer Herr mit hoher Stirn und starken Brauen über den scharfen grauen Augen. Er nickte nur kurz über die Versammlung hin, drückte aber Fräulein Doktor lebhaft die Hand und fuhr in seiner Rede fort, als habe er von Anfang an der Sitzung teilgenommen. „Mir sind zwei junge Töchter früh gestorben,“ sagte er. „Wären sie am Leben, meine sanfte Frau wäre zur streitbaren Löwin geworden, um ihre Rechte gegen eine Welt von — Nissens zu verteidigen.“

Auf dem Gesicht der Lehrerin zeigten sich rote Flecken der Aufregung und des Ärgers: „Herr Provinzialschulrat, ich habe in gutem Glauben gehandelt...“