„Dann war’s die Nissen,“ frohlockte Fräulein Tingleff. „Ich habe immer gewußt, daß unser Herrgott sie im Zorn erschaffen hat. Aber daß er auch zuließ, daß sie Lehrerin wurde... Er muß doch ’ne Pieke aufs Birkholzer Lyzeum haben.“
„Was Sie da zusammenreden, liebes Fräulein Tingleff,“ Fräulein Doktor lächelte matt, „... ich glaube, ich muß Ihnen reinen Wein einschenken.“
„Erfahren tu ich’s ja doch,“ brummte Fräulein Tingleff, „der Provisor lauert auf mich.“
„Der Provisor ist ein Esel. Also, Fräulein Nissen hat endlich nach einem ganzen Jahr glücklich herausgebracht, daß die Mädels in der zweiten Klasse noch harmlose, unschuldige — ach, ich weiß ja — kreuzbrave Geschöpfe sind. Die haben zu viel kindische Raupen im Kopf, als daß da noch Platz wäre für irgend etwas Frühreifes. Sie haben keine dummen Bücher gelesen, erst recht keine schlechten, — sie hat überhaupt nichts gelesen, die Bande... Märchen haben sie sich erzählt und selbst ausgedachte Geschichten... ach, meine liebe, zweite Klasse...“
„Weiter, weiter...“
„Ja, sie steckten richtig drin in heiligen Muttermärchen, wie Sörensen sagt...“
„So? Sagt Sörensen?“
„Und die Sörine Heidekamp, die ja immer Sprecher ist, hat ganz rührend, aber voll Überzeugung ihre Storchweisheit ausgekramt und hat schließlich auf die energisch ausgesprochenen Einwendungen der Nissen hin mit Tränen in den Augen gerufen: ‚Aber das ist doch der Unterschied zwischen Mensch und Tier. In Urzeiten hat Gott große, weiße Vögel ausgeschickt, und die haben die Kindlein zur Erde getragen. Später sandte er Engel... aber das haben die bösen Menschen nicht verdient, da schickte er Störche, die mußten dann noch Schmerzen zufügen ... Und die Tiere, ja die kommen aus sich selbst. Das hab ich in Heidekamp schon manchmal gesehen...‘ Fräulein Tingleff, so hat es mir die Agnes Asmus erzählt. Das ist ein über ihre Jahre ernstes Kind, — es wird alles richtig sein.“
„Und die Nissen? Die Nissen?“ stöhnte Fräulein Tingleff und packte beide Hände ihres Gastes.