„Und versäumt die Schule.“
„Ja, Herr Direktor, Sie verlangen doch nicht etwa, daß das Mädel vor den Osterferien sich noch zu Füßen dieses, dieses, hm, Fräulein Nissen niederlassen soll? Der sie in der ersten Klasse dann doch Gott sei Dank entrinnt?“
„Ja, das verlange ich allerdings. — Herr von Heidekamp, Sie hätten ja Ihre Sörine abmelden können, — das würde ich sehr bedauern, aber ich könnte es verstehen. So lange sie aber Schülerin des Lyzeums ist, so lange muß sie sich den Bestimmungen der Schule fügen...“
„Herr Direktor, — Lehrer Hansohm hat mir von Ihrem zarten Verstehen der Mädchenseele gesprochen...“
„Das hat wohl nichts mit meiner Forderung zu tun. Ich erwarte morgen Ihre Enkelin. Eine Haupttugend von Sörine ist ja ihre Unerschrockenheit und Tapferkeit... ich möchte mich nicht darin getäuscht haben. Aber wir sind immer noch nicht zum Kernpunkte Ihres Besuches gekommen, Herr von Heidekamp. Sie haben noch etwas auf dem Herzen...“
„Ja. Ich bin ein alter Mann. Und das Grauchen ist auch alt, — meine lüttge Sörine ist wohl deshalb weltfremd und doch recht altklug geraten. Aber alles Jungvolk lehnte sie ja immer ab. Und lief nach wie vor einspännig in der Welt herum. Ob das meine geliebte Schwiegertochter Lore, die Mutter Sörines, vorgeahnt hat? In meinem Sekretär liegt ein Heft, in einem versiegelten Umschlag verwahrt, auf dem steht: ‚Meinem Kinde an seinem 17. Geburtstage zu geben.‘ Herr Direktor, Sörines Mutter war etwas Besonderes. Jedem Menschen geht etwas ab, dessen Lebensweg sie nicht gekreuzt hat. Ein Kind Gottes war sie. In ihren letzten Lebenstagen hat sie mitten aus Fieberträumen heraus mich an das kleine Heft gemahnt. Sie konnte nicht zur Ruhe kommen: ‚Arme Sörine, keine Mutter, keine Mutter — — —‘ Das war ihr Stammeln, ihre Sorge, die sie nicht einschlafen ließ...“
„Geben Sie Klein-Sörine dies Muttervermächtnis jetzt schon,“ sagte Sörensen eindringlich und faßte beide Hände des Greises.
„Herr Sörensen, für dies Wort sollen Sie Dank haben. Es kam so unmittelbar aus Ihrem Empfinden heraus, ehe ich um Ihren Rat bat. Es wird das Rechte sein. —“
„Ja,“ sagte Sörensen tief aufatmend. „Grobe Hände haben den Schleier von Sörines Kindereinfalt gerissen, — sanfte Mutterhände werden die Wunden verbinden. Herr Baron, ich freue mich, morgen wieder eine tapfere Schülerin zu sehen.“
Der alte Herr erhob sich. Erne Sörensen half ihm liebevoll dabei. Die klaren Augen des Greises sahen unverwandt in die des Goliath, der ihn noch um Etliches überragte.