Ein reicher Tag heute. Die köstliche Frühpredigt des Diakonus Heinrich, das Plauderstündchen mit Philemon und Baucis. Der Spaziergang in die Heide, der geliebten Kraftspenderin. Und dann — dies Heidekamp. Hab’ Dank, guter Herrgott, daß du diese Trostquelle, diesen köstlichen Brunnen für mich bereit gehalten hast. Es war ein Abend, wie ich noch keinen in Birkholz erlebte. —

Von meinen Ahnen habe ich dort erzählen dürfen, die streitbare Großmutter Gesine wurde gleich zur Freundin des Alten. Und von meinem Vater habe ich erzählt, von der Schusterkugel, die über dem Haupte des Spintisierers leuchtete, von meiner guten Mutter, der Waschfrau. In welche neue Welt da meine Schülerin Sörine hineinstaunte!

Ach, ihr großen, lieben Kinderaugen! Die seit einigen Tagen noch ernster geworden sind... Immer wieder packt mich der Zorn, wenn ich daran denke. daß man diese süße Reinheit so plump hat verstören wollen. — Kleine liebe Sörine! Du tust mir eine neue Welt auf.

Wunderlich ist die Erziehung des Großvaters gewesen. Aber das Ergebnis ist prächtig. Grauchen und ich sind gute Freunde geworden. „Wir haben beide die Sörine lieb,“ sagte sie zur Erklärung. Alle brachten mich dann zum Wagen, der mich spät am Abend über die weite Heide fuhr. „Ich komme morgen,“ rief mir Sörine leise zu, „ich will tapfer sein...“

Kleine Sörine, ich zweifle nicht daran. Und ich will versuchen, dir eine große Freude zu bereiten. Die lieben Menschen da draußen haben mich mit einer Mission betraut, ich will sie ausführen. Die Agnes Asmus soll ich nach Heidekamp holen. In jenem Hause voll Liebe, Güte und Kraft wird das scheue, gequälte Mädchen genesen... welch herrliche Aufgabe, alter Erne Sörensen. Alt? — Wie wir heute da draußen Pläne schmiedeten, spitzbübisch und spitzfindig und dabei lachten und uns an Einfällen gegenseitig überboten, Erne Sörensen, da warst du jung... Welch wunderliches Frohgefühl, zu wissen, daß ein reiner, gleichgestimmter Akkord zwischen mir und dem Jungvolk schwingt. —

Dienstag abend.

Es ist mir nicht gelungen. Mit leeren Händen stehe ich vor dem alten Heidekamper und mit ödem Kopfschütteln vor den fragenden Augen der jungen Sörine. Sie glaubte felsenfest, daß ich die Eltern Asmus bereden müßte. Aber es war ordentlich wie ein Triumph in jenen beiden, daß ich wohl als Direktor dem Lehrer Asmus etwas zu befehlen hätte, aber niemals dem Vater. Ich habe zur herzlichen Bitte gegriffen, habe ihnen das schöne, reiche Heidekamp gezeigt, die sonnige Freundschaft zwischen Sörine und Agnes. Und wenn sie noch irgendwelche Befürchtungen ausgesprochen hätten, die ich zerstreuen konnte, — nichts, nichts dergleichen. „Wir wünschen es nicht,“ sagte Frau Asmus, und der Kollege nickte wie ein Pagode. Als ich auf die Sonne in Heidekamp hinwies und auf den Schatten der Galgenstraße, da las ich etwas wie Mitleid in des Vaters Zügen, und an dies schattenhafte Mitleid versuchte ich immer wieder heranzukommen. Aber es half mir nichts. Der Einfluß des greulichen Weibes war stärker. „Ich gehe ja täglich mit Agnes in die Heide,“ sagte sie verbissen, „und wenn sie davon nicht wohler wird, müssen wir sie eben aus der Schule nehmen...“ Nur das nicht. Das muß ich zu allererst verhindern. Wenn ich je dem Vater Asmus näherkommen sollte, will ich versuchen, ohne daß er’s merkt, ihn zu bestimmen, daß Agnes das Lehrerinnenexamen macht. Ich kann ihr durch die Schule viel Freuden geben, aber die Stiefmutter darf nicht merken, daß ich dahinterstecke.

Wie häßlich ist das alles. Wenn die Verhandlungen wenigstens nur zwischen den Eltern und mir stattgefunden hätten! So aber war das arme Mädel dabei, und ich selbst war verurteilt, in ihrem Gesicht die Erwartung, die Freude, die Enttäuschung und den Jammer zu erleben.

Nun habe ich an den Heidekamper geschrieben. Denn der Sörine in das erwartungsvolle Gesichtchen hineinzusagen, daß die Freundin nicht Hausgenossin werden darf, sondern in der Galgenstraße weiter nach Sonne und Liebe hungern soll, — Sörensen, dazu fehlte dir der Mut. —