„Sie haben es ja gehört,“ war die Entgegnung. „Wo sich ein altbewährter Oberlehrer abmüht und in glänzender Rhetorik... (Kahl verbeugte sich) uns seine Gedanken verabfolgt, da hat Herr Sörensen nur drei Worte. Und während der Rede versucht er noch auf Hansohms ungewaschene Zwischenbemerkung zu achten, droht ihm schelmisch, lacht die Stavenhagen an, — es ist direkt kindisch ... Na, ich habe nichts gesagt, Frau Oberlehrer. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Alles steht auf. Ich glaube, Sörensen hat kindliche Spiele proklamiert. Er geht auf Freiersfüßen und muß den Elastischen mimen.“

Man verzichtete auf die kindlichen Spiele.

Direktor Sörensen nahm Rücksicht auf die älteren Kollegen, die gern in Ruhe ihre Zigarre rauchten, und auf die vergrämte, schüchterne Frau Kahl, die auf dem rechten Fuße hinkte und sich überdies nicht getraute, ohne ausdrückliche Zustimmung ihres Mannes auch nur einen Schritt zu tun. Nun schlug er gemeinsames Kegeln vor, und bis Kollege Kahl, der sich dazu erbot, den Kegeljungen gemietet und die Bahn vorbereitet hatte, wollten die Turnlehrerin, Fräulein Peters, sowie Klaus Hansohm und Fräulein Henny Freytag, die gleichfalls prächtige Turner waren, ein paar glänzende Übungen am vorhandenen Reck vorführen. Auch im Springen leisteten sie Hervorragendes und fesselten die Zuschauer.

Oberlehrer Kahl begab sich in den Hintergarten, um die Kegelbahn in Augenschein zu nehmen.

Hier war es düster und ohne Sonne, weil die Umdachung der Bahn dicht in den Tannenwald hineingebaut war. Ein paar wurmstichige Tische und Bänke lehnten sich an die Bäume.

Auf einer dieser Bänke saß eine Frau. Sie war städtisch und beinahe modisch gekleidet, ihre Füße steckten in Lackschuhen und durchbrochenen Strümpfen. Aber über den Kopf hatte sie ein dunkles, mit seidenen Fransen besetztes Tuch geschlagen, in der Art, wie Thüringer Landfrauen zur Kirche gehen. Sie schrieb eifrig an einem Brief und hatte sich vom Wirt ein Tintenglas hinstellen lassen, in dessen dürftiges Naß sie oft die spitze, kratzende Feder eintauchen mußte. Dann und wann trank sie einen Schluck Milch aus dem neben ihr stehenden Glase. Als Oberlehrer Kahl an ihrem Tische vorbeiging, zog sie das Tuch tief ins Gesicht. —

Kahl beobachtete sie scharf, während er die Tafel in der Kegelbahn aufrichtete und mit Kreidestrichen in Felder teilte. Er rief einen Knecht an und gab ihm Befehle. Dieser holte einen Strauchbesen und begann die Bahn zu säubern.

Von den Turnern und ihren begeisterten Zuschauern her scholl fröhliches Lachen und Händeklatschen. Die einsame Frau richtete sich auf und lauschte angestrengt hinüber. Dabei entglitt ihr das Tuch, und Kahl sah in ein sehr hübsches, wenn auch unfeines Gesicht und in ein paar herausfordernde Augen.

Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Wollen Sie sich nicht nach vorn setzen?“ fragte er beflissen. „Die ganze Gesellschaft da kommt gleich hierher, wir werden Sie in Ihrem gewiß wichtigen Schreiben stören.“

Sie sah in keck an. „Das kann schon sein,“ lachte sie, „aber ich bin auch bald fertig.“ Ein böser, hohler Husten schüttelte sie, und sie nahm wieder ein paar Schlucke von der warmen Milch.