„Was weiter? Genügt das nicht? Sörensen gilt hier als Asket... ich sag Ihnen, Doktorsche, von dem Manne schmerzt es mich, daß er nicht ist, was er scheint.“
„Wer sagt Ihnen das?“ rief Dora Stavenhagen mit funkelnden Augen. „Muß denn immer gleich der Stab gebrochen werden? Aber Sie sind nicht besser als all die andern. Für mich bleibt Sörensen — Sörensen und wenn er hundert junge Weiber hofiert...“
„Sie haben den Mann gar nicht lieb, nie, nie!“ sagte Fräulein Tingleff trocken. „Sie schätzen ihn bloß...“ Und sie streichelte zart mit ihren runzeligen Händen Doras Wange.
Da brach Fräulein Doktor in Tränen aus.
„Ich bin eine greuliche, alte Person,“ fuhr Fräulein Tingleff fort. „Zweiundsiebzig vorbei und noch immer mit einem Maul wie ein Schwert. Pfui Teufel. Aber Sie haben mich abgekanzelt. Dafür sind Sie ja auch Oberlehrerin. Und recht haben Sie. Aber Sie sollen mich doch nicht so in einen Pott mit dem ganzen Birkholzer Gemüse werfen...“
Dora Stavenhagen faßte sich.
„Es ist mir traurig zu Sinn,“ sagte sie, „wenn so ein aufrechter Mensch wie Fräulein Tingleff, auf deren Freundschaft ich mir etwas einbilde, gleich umfällt, sobald etwas nicht ganz leicht Begreifliches auf den Plan tritt... Etwas, das die blöde Masse nicht kapiert...“
„Sermon Nr. 2?“ fragte die alte Dame. „Na, toben Sie sich nur aus. Ich werde mir einbilden, daß mir das Hemdchen noch aus dem Höschen schaut... ‚Blöde Masse‘ ist übrigens gut.“ Sie umzeichnete ihre eigene rundliche Fülle mit dem Finger.
„O, Fräulein Tingleff, so meinte ich’s natürlich nicht...“ wehrte Fräulein Doktor. „Aber es brennt mir noch eine Frage auf der Seele: Haben viele Birkholzer dem Abschied auf dem Bahnhof beigewohnt?“
„Einige ja. Und wenn ich’s jetzt überdenke, muß ich mich noch nachträglich verwundern, daß es eigentlich nur Leute aus Ihrem Kollegium waren. Ich sah den greulichen Kahl...“