„Ja, er will mich verderben und — er kann mich verderben. Aber ich will nicht so stückweise vor die Hunde gehen, und meine arme Frau soll nicht diese angstvollen Augen behalten durch meine Schuld. Sie sollen mein Richter sein, Herr Direktor.“
„Harks, braver, alter Harks...“
„Ja, Herr Direktor, brav. Mein alter Oberst, Gott hab ihn selig, der hat mich auch immer seinen braven Harks genannt. Meine ganze Militärzeit liegt so wie ein freundlicher Garten da. Was da an Unkraut drin ist, das kommt nicht auf meine Rechnung. Aber dann. Erst wurde mein Frau krank, sie hatte ein paar Fehlgeburten durchgemacht, und konnte sich bis auf den heutigen Tag nicht erholen. Kinder starben uns, blühende, schöne Kinder, — was das heißt, können nur Elternherzen recht verstehen — dann kriegt ich den Typhus, — Herr Direktor, ich will nur sagen, wir haben jahrelang den Doktor nicht aus dem Haus bekommen, und da kamen Schulden, Sorgen und Not. — Die einzige Freude in dem vielen Kummer, das war unsere Lisbeth, — wie ein Bäumchen, Herr Direktor, wie ein Bäumchen. Wenn ich die Sörine von Heidekamp ansehe, — das schöne, feine Mädchen, — da muß ich mich immer abwenden. Grad so fröhlich und schön und fein war meine Lisbeth, und gerade so kluge, ernsthafte Augen hatte unser Kind. Und überhaupt, wenn ich so was Schönes, Unschuldiges sehe, dann werde ich rauh und garstig und grob, und dann lachen die Menschen und sagen ‚Original‘ zu mir, und ist doch nur, daß ich nicht wie ein Waschlappen werden will und zum Himmel hinaufbrüllen: ‚Aus tiefster Not schrei ich zu dir‘...“
Sörensen legte ihm die Hand auf den Arm. „Es greift Sie zu sehr an, Harks.“
„Es muß herunter, Herr Direktor. Mir wurde damals diese Stelle hier als Schulwart angeboten. Ohne daß ich mich groß drum beworben hatte. Der frühere Bürgermeister war ein Verwandter von meinem Herrn Oberst. Und Herr Direktor wissen ja, es ist eine besondere Stelle wegen der Barsumme, die aus der alten Ratsstiftung noch dran hängt, und außerdem noch das schöne Land draußen vorm Birktor. Meine Frau und ich waren wie die Kinder so glücklich, als ich die Stelle kriegte. Herr Direktor, so viele Bewerber waren da, und es hing an einem Faden. Denn wir sollten unterschreiben, daß wir keine Schulden hätten. Das hab ich denn auch getan, und, — es war eine Lüge, und ich weiß jetzt, daß kein Segen auf dem ruht, was mit einer Lüge beginnt. Damals aber dacht ich — die paar hundert Mark würde ich bald erspart haben, wenn Gott uns von Krankheit verschonte. Hätte es ja auch nur meinem Herrn Oberst zu schreiben brauchen, aber der starb gleich drauf. Um mich noch zu bestärken, und uns recht zuversichtlich zu machen, bekamen wir die Nachricht, daß eine Tante von meiner Frau uns etwas vermacht hätte, und es würde am 5. April ausgezahlt werden. 300 Mark! Nun fehlte gar nichts mehr zu unserm Glück, und ich dachte überhaupt nicht dran, daß ich mit einer Lüge in das neue Amt gegangen war. — Aber wie wir hier so am Einrichten waren, schickte der Doktor aus W., wo wir früher wohnten, eine Rechnung, die wieder schrecklich aufgelaufen war, und fragte, ob ich vergessen hätte, sie beim Wegzug zu begleichen, denn er hatte sie schon zweimal geschickt. Und der Apotheker fragte an, ob er sich an die Behörde wenden sollte. Und dann war noch ein teurer Dampfapparat zu bezahlen, damit meine Frau im Hause alle die Verordnungen vom Arzt machen konnte. Graue Haare kriegten wir in jenen Tagen, aber wir dachten an den 5. April, und daß dann 300 Mark kämen und wir alles abschicken konnten. Aber das Geld kam nicht. Großer Gott, wenn ich noch an unser Warten und an unsere Angst denke. Und — — da lag nun — —, Herr Direktor, da hatte ich, — da hatte mir der Herr Oberlehrer Kahl eine Summe übergeben, ehe er in die Ferien fuhr. 320 Mark. Die sollt ich fortschicken. Und die Anweisung hatte er auch schon geschrieben, aber er hatte keine Zeit mehr, zur Post zu gehen. Und — ich will’s nur gleich sagen, Herr Direktor, ich nahm das Geld und meinte, ich sei nun erst mal die quälenden Sorgen los, schickte an den Doktor in W. und beglich meine Schulden. Und bis das alles herauskam, hätte ich ja längst das Geld von der Tante. —
Aber die Ferien gingen vorbei, und das Geld kam nicht, und Herr Oberlehrer kam wieder, fragte aber nicht weiter. Denn er war damals noch ein sorgloser Junggeselle. Aber dann — dann wurde auf einmal dem Geld nachgefragt von der Stelle aus, an die ich’s hätte abschicken sollen. — Da kam alles heraus. Und Herr Oberlehrer tobte wie ein Verrückter und wollte mich gleich anzeigen. Am liebsten hätte ich mich zum Sterben hingelegt. Dann stürzte meine Frau und meine Lisbeth herein und baten und flehten....
Ja, die Lisbeth, die konnte so wunderschön bitten....
Da wurde der Herr Oberlehrer ruhiger, und dann hat er das Geld aus seiner Tasche bezahlt, und ich sollt es ihm abzahlen, wann ich wollte. Herr Direktor, — wenn ich sage, am nächsten Tage kam das Geld, gerade als hätte der Teufel sein Spiel dabei gehabt, und es waren bare 700 Mark und ich konnte dem Herrn Oberlehrer alles wiedergeben. Aber es kam doch zu spät....