„Du lieber Himmel, Selbständigkeit!“ rief Lotte Harsen, die, wie ich weiß, über alles sehr gründlich nachdenkt und den Spitznamen „Bohrwurm“ führt, — „Selbständigkeit ist ja vorläufig Blech für uns. Ihr betet alles nur so nach. Wenn wir jetzt ’ne große Dummheit „selbständig“ machen, sind ja doch unsere Eltern am letzten Ende dafür verantwortlich. Kapiert ihr das?“

„Zweifle doch nicht immer an unserm gesunden Grips, Lotte“, sagte Edith Gerstenberg vorwurfsvoll, und dann erhob sich Sörinens Stimme: „Wer bewußt dient, ist am selbständigsten, sagt Großvaterli.“

„Ich wollte, ich hätte auch solch ‚Großvaterli‘ als Evangelium in meiner Jugend gehabt“, warf Hansohm etwas bitter ein.

„Es ist nicht immer gleich Evangelium für mich“, bekannte Sörine ehrlich, — „aber — Großvaterli sagt nichts, über das man nicht fortwährend stark nachdenken muß. Er läßt mir auch immer Zeit dazu, das ist so schön. Hab ich etwas Rechtes eingesehen, gegen das ich mich vorher sträubte, dann ist’s immer wie ein hoher Festtag. Und die Zeit, die dazwischen liegt, nennt Großvaterli ‚Sörinens Kalvarienberg‘.“

„Was werden Sie denn studieren, wenn die Schulzeit beendet ist?“ fragte Professor Rasmussen und zog Sörine zu sich heran.

„Den Luther-Katechismus“, sagte Sörine ernst. Und als sie die verblüfften Gesichter ihrer Mitschülerinnen gewahrte, setzte sie hinzu: „Großvaterli meint, das sei das beste Studium für jemand, der für so viele Menschen zu sorgen hat,.... wie ich später.“

„Ihr Großvaterli ist ein rechter Gesundbrunnen“, meinte Rasmussen herzlich und klopfte Sörine auf die Schulter.

Der „Gesundbrunnen“ stand am Wege. Herr von Heidekamp war uns, auf den Arm des Dieners gestützt, ein Stückchen entgegengewandert. Nun begrüßte er uns sehr herzlich und hatte hundert Scherzworte für das Jungvolk. „Wer nicht mit einem Bärenhunger ankommt, muß sofort wieder umkehren“, rief er dröhnend. „Ich habe meiner Wirtschaftsmamsell angekündigt: Einen General, einen Oberst, einen Hauptmann, einen Leutnant und zwölf Mann. Das muß also heute Abend geleistet werden.“

„Hurra“, riefen die „zwölf Mann“, der Hauptmann setzte sich an die Spitze der Kompagnie, der Leutnant schulterte seinen Stock, und so zog die Einquartierung in das gastliche Herrenhaus.

Ein schöner Abend wurde es. Und wie Ehrengäste hat uns der Ehrenmann aufgenommen. Die Mädels wurden alle gut Freund mit dem sonderlichen Polterer. Gruselgeschichten hat er ihnen erzählt, daß sich nachher keines auf die Diele und in den langen Gang getraute, der das Schloß mit der Kapelle verbindet.