Und das Grauchen! Sie hat die seltene Gabe des Mitfreuens im ausgeprägtesten Sinne. Mitleid scheint sie sogar ein wenig zu verachten. Wenigstens erzählte mir Sörine, daß Fräulein von Schlieden, „diese Seele von einem Menschlein“, wie das Mädel sich ausdrückte, immer sehr kurz angebunden sei, sobald ihr ein großes Leid gegenüber trete. Sie ruhe dann nicht, bis es wieder gegangen und sie Gelegenheit habe, sich mit dem Getrösteten zu freuen.
Über diese wunderliche Sache habe ich lange nachgedacht.
Ich möchte mir wohl Kollegin Grauchen zum Vorbild nehmen, die das Mitleid für gar zu billig achtet. — Mitfreude wächst nur auf dem Acker der Selbstlosigkeit... Hast du genügend Saatland, Erne Sörensen? — Überaus kurz und fast rauh sprach das Grauchen über Agnes Asmus und daraus merkte ich, daß ihr gütiges Herz sich windet unter dem Unvermögen, hier Freude zu geben.
Auch mir gehen die traurigen Augen der jungen Sörine nach.
Sie fragen unablässig: „Kannst du denn gar nichts tun? Und bist doch Schulleiter.“ — Nein, ich kann nichts tun. Meine Hände, die der jungen Sörine so stark dünken, sind mir gebunden.
Sie können nicht die Eltern der Agnes Asmus auf die Schulbank zwingen und ihnen das Gebot lehren: „Ihr Eltern, seid barmherzig. Geht fleißig um mit euern Kindern, habet sie Tag und Nacht um euch und liebet sie, und laßt euch lieben einzig schöne Jahre.“
Noch als ich von Heidekamp Abschied nahm, sagte Sörine:
„Wüßt ich nur eine Heimat für meine Agnes!“
Viel hätte ich darauf antworten können, aber mein Mund blieb stumm.